Frankfurter Allgemeine Zeitung, 5.3.2001

Lofts und grüne Lunge

Annäherung im Gleisdreieck

Irgendwann, als am späten Donnerstag abend schon nicht mehr auf neue Argumente in der Diskussion zwischen Bürgerinitiativen und den Projektentwicklungsgesellschaften zur Zukunft des Gleisdreiecks zu hoffen war, meldete sich ein älterer Herr aus der dritten Reihe. Sein graues Haar war sauber gescheitelt, unter dem hellen Strickpullover trug er ein weißes Hemd, und er redete mit bewegter Stimme. Vor kurzem erst habe er seine Lebenspartnerin geheiratet, und als die Entscheidung anstand, wessen Wohnung das gemeinsame Heim sein sollte, entschloß sich die Frau, zu ihm in die Möckernstraße zu ziehen. "Dort kommt ja der Park am Gleisdreieck, und dann wird das wunderschön", habe er ihr gesagt. Jetzt höre er, daß die Eigentümerin des Grundstückes gegenüber - es ist die Eisenbahnimmobilien Management (EIM) GmbH - bauen möchte. "Was sage ich denn jetzt meiner Frau, wenn der Park nun doch nicht kommt und uns auch noch die Aussicht verbaut wird?"
In dem Saal der Luther-Gemeinde drückten am Donnerstag abend zur Diskussion um die Zukunft des Gleisdreiecks viele Menschen ihre Befürchtungen zu den Bauvorhaben der EIM aus, doch kaum jemand war dabei so herzergreifend eigennützig wie der ältere Herr, der nur für sich und sein ganz privates Glück aufstand. So führten die Vertreter der Bürgerinitiativen stets das "Wir" im Munde - obschon auch sie gute private Interessen anführen könnten - und von den Abgesandten der Projektgesellschaften, die die Planungen für die EIM vorantreiben sollen, war zu hören, daß das Geld, das mit den geplanten Bauten auf dem Gleisdreieck gemacht würde, schließlich dem Steuerzahler zugeführt werde. Das Gelände gehört zu einem großen Teil der Bahn, die die Verwertungserlöse weiter an den Bund zu reichen hat.

Eine Bebauung des Gleisdreiecks möchten jedoch die acht Bürgerinitiativen und Vereinigungen, die sich zur "Aktionsgemeinschaft Gleisdreieck" zusammengeschlossen haben, weitgehend verhindern. Das Gleisdreieck, das zu Beginn der Bauarbeiten am Potsdamer Platz zu einem riesigen Baustofflager gemacht wurde, soll wieder das grüne Paradies werden, das es vor dem Mauerfall war. Damals stromerten die Anwohner zwischen wildwachsenden Sträuchern, Bäumen und Blumen umher. Diese Idylle wollen die Anwohner aus den benachbarten Bezirken Kreuzberg, Schöneberg und Tiergarten wiederhaben. Ihre Pläne sehen einen dreiundzwanzig Hektar großen Park und wenig Bebauung vor, die EIM hingegen will einundzwanzig Hektar an den Rändern des Gleisdreiecks bebauen und plant knapp achtzehn Hektar Grünflächen.

Das reiche nicht, "wir brauchen Sauerstoff", sagte der Sprecher der Aktionsgemeinschaft Norbert Rheinländer am Donnerstag abend bei der Bürgerversammlung. Er verwies auf das Versprechen des Senates, der das Gleisdreieck als Ausgleichsfläche für den Potsdamer Platz bestimmt hatte. Die Investoren des "Hochhausdorfes" überwiesen vor Jahren schon das Geld für einen mindestens sechzehn Hektar großen Park. Rund 46 Millionen Mark liegen bereit, womit sich ein hübsches Stück Berlin gestalten ließe.

Das sehen auch die Architekten und Projektplaner der Eigentümerin. Wenn erst im Jahr 2006 die Baumaschinen und Baustoffberge verschwunden sein werden, ist das Gleisdreieck äußerst attraktiv. Zwischen neuem und altem Berlin gelegen, den Potsdamer Platz in Laufnähe, die reizvollen, alten Berliner Bezirke Kreuzberg, Schöneberg und Tiergarten in unmittelbarer Nachbarschaft, könnte es dort richtig nett werden. Die U-Bahn-Linie 2 ist schon heute da, und wenn die Bauarbeiten für den Bahntunnel abgeschlossen sein werden, gibt es auch einen direkten Anschluß an das S-Bahn-Netz. All das sei viel zu wertvoll, um das gesamte Gelände zu einem Park zu machen, sagt die EIM.

Wohn- und Geschäftshäuser und auch Hochhäuser (bis zu fünfundzwanzig Stockwerke) will sie entlang des Gleisdreiecks bauen, dahinter würden sich dann die Parkflächen erstrecken. "Hier entstehen Luxuswohnungen für reiche Singles", mäkeln Anwohner. Lofts statt grüner Lunge?

Abgesehen von der strikt ablehnenden Haltung der Bürgerinitiativen, kommen sich Senat, Bezirk und Eigentümerin momentan Meter um Meter entgegen. Noch ist strittig, wie tief die Baukörper entlang der Flottwellstraße im Nordwesten des Gleisdreiecks sein dürfen. Die Eigentümerin möchte rund fünfzig Meter tiefe Blöcke bauen, Senatsverwaltung und der Baustadtrat von Kreuzberg-Friedrichshain, Franz Schuster, wollen diese auf allenfalls fünfundzwanzig Meter Bautiefe beschränken. Auch über die von der EIM gewünschten Straßen, vor allem jene in Ost-West-Richtung, wird noch hart verhandelt werden müssen. Schulz will auf keinen Fall neue Straßen.

Ähnlich harzig laufen die Diskussionen bezüglich des Geländes hinter dem Deutschen Technikmuseum (DTM) an der Möckernstraße, wo der frischvermählte, ältere Herr wohnt. Senatsverwaltung und EIM haben jüngst vereinbart, die Gestaltung dieses Grundstückes nicht im Zusammenhang mit dem Gleisdreieck zu diskutieren, um so in der eigentlichen Sache endlich voranzukommen. Baustadtrat Schulz und auch die Bürgerinitiativen ziehen bei diesem Moratorium nicht mit, weil sie fürchten, später werde dann das Grundstück trotz der heute ablehnenden Haltung des Senats dann doch bebaut. Für die Anwohner der Möckernstraße wäre die freie Sicht auf die untergehende Sonne gefährdet und vielleicht sogar so manches Eheglück.

Jens Pottharst