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Interessengemeinschaft Gleisdreieck, 07.10.97
Offener Brief an Herrn Strieder,
Senator für Umweltschutz, Stadtentwicklung und Technologie
Sehr geehrter Senator Strieder,
als Bürgerinitative, die sich für einen großflächigen
Park auf dem Gleisdreieck einsetzt, möchten wir hiermit schriftlich
zu den Planungen Ihrer Behörde Stellung nehmen. Ziel unserer Normenkontrollklage
ist, den Park auf dem Gleisdreieck zu sichern. Den negativen Auswirkungen
der Potsdamer-Platz-Bauten (Erwärmung der Jahresmitteltemperaturen
im gesamten Innenstadtbereich um 1 - 2 Grad) soll damit gegengesteuert
werden. Allerdings sind uns die 16 Hektar Park zuwenig, auf die die Politik
das Ergebnis der Umweltgutachten unzulässigerweise reduziert hat.
Außer der klimatischen Funktion hat das Gleisdreieck eine kulturhistorische
Bedeutung. Es ist eine künstliche Landschaft. Vom Süden kommend
stellt es sich als künstlicher Einschnitt in die Teltower Platte
dar, entwickelt sich dann zum künstlichen Plateau, aufgeschüttet
im Urstromtal der Spree. Als "Eiserne Landschaft" hat es die
Menschen in den 20er Jahren fasziniert, als "grüne Oase"
die Menschen in den Nachkriegsjahren. Jetzt in wenigen Jahren, wenn die
Baulogistik das Gelände verläßt, steht eine weitere Wandlung
an. Wir wünschen uns, daß es sich dann wieder zu einem Ort
entwickeln kann, der Menschen fasziniert.
Auf einer öffentlichen Veranstaltung am 11. September 97 (organisiert
von der IG Gleisdreieck, Stadtzentrum e.V., Stadtteilausschuß 61
und Stadtteilverein Tiergarten-Süd) wurde erstmalig die von Ihrer
Verwaltung erarbeitete Planung für die Zukunft des Gleisdreieck öffentlich
vorgestellt. Diese Planung erscheint uns nicht geeignet, das Ziel zu erreichen.
Wenn diese Planung verwirklicht wird, befürchten wir, daß die
Besonderheiten dieses Ortes den Verwertungswünschen der Bahn und
der blinden Bauwut geopfert werden. Was sich kurzfristig rechnet - vor
allem für die Immobiliengesellschaft der Deutschen Bahn AG - könnte
sich langfristig als Verlust für Berlin darstellen. Was Berlin dabei
verlieren könnte: eine der interessantesten Landschaften in der Innenstadt,
wichtige Zeugnisse seiner Eisenbahngeschichte, wichtige, das Stadtklima
temperierende Flächen und ein Potential für verkehrspolitisch
sinnvolle Zukunftspläne.
Erstaunlich finden wir, daß ihre Verwaltung auf dieser Veranstaltung
versucht hat, die vorgelegte Planung als unumstößlichen Fakt
zu präsentieren. Anscheinend sollte erst intern alles abgeklärt
werden, bevor die Planung öffentlich dargestellt wird. Nun scheinen
die Vertreter Ihrer Verwaltung nicht mehr in der Lage zu sein, Ideen von
Außen aufzunehmen. Die Beteiligung von Bürgern und Bürgerinitiativen
läuft so ins Leere. Vielleicht täuscht dieser Eindruck auch.
In der Hoffnung, daß noch nicht das letzte Wort gesprochen ist,
formulieren wir nun unsere Kritik an einzelnen Punkten der Planung für
das Gleisdreieck:
Die Bahntrassen zwischen Potsdamer Platz im Norden und Papestraße
im Süden sind ein für das Klima im gesamten Innenstadtbereich
wichtiger Raum. In den Umweltgutachten zu den Bebauungsplänen Potsdamer
Platz wurde gefordert, hier möglichst viele Grün zu schaffen
und vor allem dem Luftaustausch zwischen Tiergarten und südlichem
Stadtrand keine weiteren geometrischen Hindernisse in den Weg zu stellen.
Wir fordern, daß die Auswirkungen aller hier geplanten Bauten auf
das Stadtklima untersucht werden. Diese Untersuchung darf sich nicht beschränken
auf die im Bereich des Gleisdreiecks geplanten Bauflächen, gleichzeitig
müssen auch die neuen Bauflächen südlich der Yorckstraße
und am neuen Bahnhof Papestraße miteinbezogen werden. Die Ergebnisse
dieser Untersuchung müssen auch in Zusammenhang mit den schon erwähnten
Umweltgutachten zu den Bebauungen Potsdamer Platz betrachtet werden.
Wir fordern den Erhalt des alten Ringbahnviadukts auf dem Potsdamer Güterbahnhof.
Dieses eindrucksvolle, 800 m lange Bauwerk, bestehend aus 76 gemauerten
Bögen mit unterschiedlichen Spannweiten, ist das einzige Bauwerk,
das noch an den Potsdamer Bahnhof erinnert, eines der ältesten Berliner
Bahnhöfe. Ein Teil dieses Viadukts (Bogen 55 bis Bogen 76) wird zur
Zeit für den Bau der neuen Fernbahn abgerissen, der andere Teil -
Bogen 1 bis Bogen 54 - muß erhalten bleiben. In diesen Bögen
können später attraktive Nutzungen untergebracht werden, die
sich dem Park auf dem Gleisdreieck zuwenden. Die von Debis geplante Großgarage
für 1500 Autos ist hier völlig deplaziert. Entweder sollte auf
die Garage verzichtet werden, was nach der neuen Stellplatzverordnung
möglich ist, oder sie sollte als flache Platte auf dem Tunnelmund
der neuen Fernbahn untergebracht werden. So sahen es auch frühere
Planungen für die Stellplätze vor.
Die auf der Fläche des Postbahnhof geplante Bebauung lehnen wir ab,
nicht nur weil für diese Bebauung ca. 5000 m² des wertvollen
Wäldchens am Museum für Verkehr und Technik geopfert würden.
Die beiden dort geplanten Blöcke würden die Einfahrt zu dem
Bahnhof blockieren, der Bahnhof würde nie wieder als Bahnhof funktionieren
können. Zur Zeit nutzt die Post das Gelände nur als Umschlagplatz
von LKW zu LKW. Falls die Post eines Tages wieder auf Bahntransport umstellen
will - was aus ökologischer Sicht wünschenswert ist - wäre
diese Möglichkeit verbaut.
Die Bebauung des durch S-, U-Bahn und Bus gut erschlossenen Yorckdreiecks
erscheint uns sinnvoll. Das Yorckdreieck wird gebildet durch das Zusammenlaufen
der Potsdamer und der Anhalter Bahn. Die Bebauung würde diese Situation
verdeutlichen, sie würde sich ähnlich sich wie im Norden das
Dreieck mit Schöneberger- und Luckenwalder Straße zwischen
die Bahnhöfe schieben. Allerdings sollte sich die Bebauung auf das
Dreieck selbst beschränken und nicht auf das höher gelegene
Bahngelände übergreifen. Die am Rande des Yorckdreiecks verlaufende
Trasse der U 7 sollte von der Bebauung ausgespart werden. Die Überbauung
der U-Bahntrasse an dieser Stelle würde einen teueren, baukonstruktiv
komplizierten Kraftakt bedeuten. Außerdem würde die Möglichkeit
verschenkt, hier die drei übereinandergeschichteten Niveaus - U-Bahn,
Straße, Bahn - sichtbar zu machen.
Die Bebauung an der Ecke Yorckstraße/Möckernstraße hat
unter den verschiedenen Vorschlägen wahrscheinlich am wenigsten negative
Auswirkung auf das Stadtklima. Wir wenden uns aber dagegen, daß
hier quasi gründerzeitliche Blöcke in das künstliche Plateau
des Bahngeländes hineingeschnitten werden. Wenn hier gebaut wird,
sollten die neuen, maximal dreigeschossigen Bauten auf dem Plateau plaziert
werden, damit das Bahngelände als künstliche Landschaft sichtbar
bleibt. Die Brücken über die Yorckstraße und der Zollpackhof
an der Kante zur Yorckstraße sollte erhalten bleiben. So könnte
hier eine Mischung aus Alt und Neu entstehen. In der neuen Bebauung könnten
außer Wohnen auch öffentliche Nutzungen stattfinden, die sich
dem Park zuwenden.
Der Park auf dem Gleisdreieck wird in Zukunft durch die neue in Nord-Süd-Richtung
laufende Fernbahntrasse in eine östliche und eine westliche Hälfte
getrennt werden. Beide Parkhälften sollten nicht an der Yorckstraße
enden, sondern mit Hilfe der alten Bahnbrücken weiter nach Süden
führen. Auf der östlichen Fläche, dem Anhalter Güterbahnhof,
stellen wir uns eine Park vor, der von der Dialektik zwischen der in 50
Jahren gewachsen Vegetation und der alten Eisenbahntechnik lebt. Sichtbar
ist dies schon heute auf den Flächen des Museums. Auf der westlichen
Hälfte, dem Potsdamer Güterbahnhof, wird das Parkmotto Sport
und Bewegung lauten. Insoweit gibt es Übereinstimmung zwischen der
Planung Ihrer Verwaltung und unseren Vorstellungen, wobei uns wichtig
ist, daß sich das Sportangebot nicht nur an Vereine, sondern an
alle Parkbesucher wendet.
Nicht einverstanden sind wir mit der Anordnung der Sportflächen.
Es macht keinen Sinn, die Sportplätze auf der Fläche der Laubenkolonie
zu konzentrieren. Das wenige Grün, das auf dem Potsdamer Güterbahnhof
noch vorhanden ist, würde damit dem Kunstrasen geopfert. Natürlich
ist es eine schwierige Frage, ob die Laubenkolonie erhalten bleiben soll
und wenn ja, wie sie in den Park integriert werden könnte. Wir haben
den Eindruck, mit der Anordnung der Sportflächen drücken Sie
sich vor der Frage und verlagern den Konflikt zwischen die Vereinssportler
und Kleingärtner. Wir fordern, daß die Sportflächen nicht
auf Kosten des vorhandenen Grüns errichtet werden sowie eine dezentrale
Anordnung, so daß die einzelnen Sportflächen den drei Bezirken
Kreuzberg, Schöneberg und Tiergarten zugeordnet werden können.
Der von Lenné geplante Generalszug spielt eine wichtige Rolle in
der Parkplanung Ihrer Verwaltung. Wir finden es richtig, diese 150 Jahre
alte Idee, deren Umsetzung durch die Entwicklung der Bahn vereitelt wurde,
bei der Gestaltung des Parks zum Thema zu machen. Ein Weg für Fußgänger
und Radfahrer in dieser Achse würde die beiden durch die neue Fernbahn
getrennten Parkhälften und die durch das Bahngelände getrennten
Stadtteile verbinden. Wie diese Verbindung hergestellt wird und wie die
Achse im Park sichtbar gemacht wird, sollte Gegenstand eines Wettbewerbs
sein. Nach dem Vorschlag Ihrer Verwaltung soll dies mit einer 40 Meter
breiten Schneise quer durch das ganze Gelände geschehen. Es ist nicht
akzeptabel, daß in den Planungen Ihrer Verwaltung hier schon eine
konkrete Lösung vorgegeben wird, mit der alternative Denkmöglichkeiten
ausgeschlossen werden. Bei der Herstellung der Verbindung ist uns wichtig,
daß die wertvolle Vegetation des Wäldchens beim Museum erhalten
bleibt und daß die historischen Spuren der Bahn sichtbar bleiben.
Ziel des Wettbewerbs wäre die Findung eines Konzepts. Dieses Konzept
müßte die alte Idee des Generalszugs sichtbar und benutzbar
machen, aber gleichzeitig das Hindernis Bahngelände, das seit 150
Jahre die Umsetzung der Idee vereitelt hat, erhalten. Eine mögliche
Antwort wäre eine Brückensteg über das gesamte Gelände.
Weil es sicher viele verschiedene Lösungen gibt, sollte der Wettbewerb
offen sein für alle, nicht nur für Landschaftsplaner.
Mit freundlichen Grüßen
Klaus Mummenbrauer
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