Interessengemeinschaft Gleisdreieck, 07.10.97

Kurzfassung des Offenen Briefs an Herrn Strieder,
Senator für Umweltschutz, Stadtentwicklung und Technologie

Die Anfang September durch die Senatsverwaltung für Umweltschutz, Stadtentwicklung und Technologie vorgestellten Planungen sind als Zukunftsperspektive für das Gleisdreieck aus unserer Sicht in Teilen inakzeptabel. Sie sind zu stark von den Verwertungswünschen der Deutschen Bahn AG bestimmt und nehmen zuwenig Rücksicht auf die ökologische und kulturhistorische Bedeutung des Ortes. Im folgenden unsere Kritik und unsere Forderungen zu einzelnen Punkten dieser Planung:

  1. Die Bahntrassen zwischen Potsdamer Platz im Norden und Papestraße im Süden sind ein für das Stadtklima wichtiger Raum. Wir fordern, daß der Einfluß aller hier neu geplanten Bauten auf das Stadtklima untersucht wird.
  2. Wir fordern den Erhalt des denkmalwerten Stadtbahnviadukts auf dem Potsdamer Güterbahnhof. Die an dieser Stelle geplante Großgarage von Debis für 1500 Autos darf nicht gebaut werden.
  3. Die neuen Bauten auf der Fläche des Postbahnhofs lehnen wir ab. Der Bahnhof soll als benutzbarer Bahnhof erhalten bleiben.
  4. Die geplante Bebauung des Yorckdreiecks halten wir für sinnvoll mit der Einschränkung, daß die Bebauung auf das eigentliche Dreieck zwischen Potsdamer und Anhalter Bahn beschränkt wird und nicht auf das Bahngelände übergreift.
  5. Die geplante Bebauung an der Ecke Yorckstraße/Möckernstraße sollte nicht mit Blöcken in das Plateau des Bahngeländes hineingeschnitten werden, sondern auf dem Plateau plaziert werden. Der Zollpackhof und die Yorckbrücken sollen dabei erhalten bleiben.
  6. Der zukünftige - durch die neue Fernbahn in eine östliche und eine westliche Hälfte geteilte Park - soll nicht an der Yorckstraße enden, sondern mit Hilfe der alten Brücken weiter nach Süden führen.
  7. Die geplanten Sportflächen sollen nicht auf Kosten des vorhandenen Grüns errichtet werden. Wir fordern eine dezentrale Anordnung der Sportflächen.
  8. Der durch die Bahn seit 150 Jahren blockierte Generalszug ist ein wichtiges Thema bei der Gestaltung des Parks. Wie diese Verbindung für Fußgänger und Radfahrer zwischen Bülowbogen und Hornstraße hergestellt wird, sollte Gegenstand eines offenen Wettbewerbs sein und nicht von der Verwaltung vorgegeben werden.

 

Interessengemeinschaft Gleisdreieck, 07.10.97

Offener Brief an Herrn Strieder,
Senator für Umweltschutz, Stadtentwicklung und Technologie

Sehr geehrter Senator Strieder,

als Bürgerinitative, die sich für einen großflächigen Park auf dem Gleisdreieck einsetzt, möchten wir hiermit schriftlich zu den Planungen Ihrer Behörde Stellung nehmen. Ziel unserer Normenkontrollklage ist, den Park auf dem Gleisdreieck zu sichern. Den negativen Auswirkungen der Potsdamer-Platz-Bauten (Erwärmung der Jahresmitteltemperaturen im gesamten Innenstadtbereich um 1 - 2 Grad) soll damit gegengesteuert werden. Allerdings sind uns die 16 Hektar Park zuwenig, auf die die Politik das Ergebnis der Umweltgutachten unzulässigerweise reduziert hat.
Außer der klimatischen Funktion hat das Gleisdreieck eine kulturhistorische Bedeutung. Es ist eine künstliche Landschaft. Vom Süden kommend stellt es sich als künstlicher Einschnitt in die Teltower Platte dar, entwickelt sich dann zum künstlichen Plateau, aufgeschüttet im Urstromtal der Spree. Als "Eiserne Landschaft" hat es die Menschen in den 20er Jahren fasziniert, als "grüne Oase" die Menschen in den Nachkriegsjahren. Jetzt in wenigen Jahren, wenn die Baulogistik das Gelände verläßt, steht eine weitere Wandlung an. Wir wünschen uns, daß es sich dann wieder zu einem Ort entwickeln kann, der Menschen fasziniert.
Auf einer öffentlichen Veranstaltung am 11. September 97 (organisiert von der IG Gleisdreieck, Stadtzentrum e.V., Stadtteilausschuß 61 und Stadtteilverein Tiergarten-Süd) wurde erstmalig die von Ihrer Verwaltung erarbeitete Planung für die Zukunft des Gleisdreieck öffentlich vorgestellt. Diese Planung erscheint uns nicht geeignet, das Ziel zu erreichen. Wenn diese Planung verwirklicht wird, befürchten wir, daß die Besonderheiten dieses Ortes den Verwertungswünschen der Bahn und der blinden Bauwut geopfert werden. Was sich kurzfristig rechnet - vor allem für die Immobiliengesellschaft der Deutschen Bahn AG - könnte sich langfristig als Verlust für Berlin darstellen. Was Berlin dabei verlieren könnte: eine der interessantesten Landschaften in der Innenstadt, wichtige Zeugnisse seiner Eisenbahngeschichte, wichtige, das Stadtklima temperierende Flächen und ein Potential für verkehrspolitisch sinnvolle Zukunftspläne.
Erstaunlich finden wir, daß ihre Verwaltung auf dieser Veranstaltung versucht hat, die vorgelegte Planung als unumstößlichen Fakt zu präsentieren. Anscheinend sollte erst intern alles abgeklärt werden, bevor die Planung öffentlich dargestellt wird. Nun scheinen die Vertreter Ihrer Verwaltung nicht mehr in der Lage zu sein, Ideen von Außen aufzunehmen. Die Beteiligung von Bürgern und Bürgerinitiativen läuft so ins Leere. Vielleicht täuscht dieser Eindruck auch. In der Hoffnung, daß noch nicht das letzte Wort gesprochen ist, formulieren wir nun unsere Kritik an einzelnen Punkten der Planung für das Gleisdreieck:

Die Bahntrassen zwischen Potsdamer Platz im Norden und Papestraße im Süden sind ein für das Klima im gesamten Innenstadtbereich wichtiger Raum. In den Umweltgutachten zu den Bebauungsplänen Potsdamer Platz wurde gefordert, hier möglichst viele Grün zu schaffen und vor allem dem Luftaustausch zwischen Tiergarten und südlichem Stadtrand keine weiteren geometrischen Hindernisse in den Weg zu stellen. Wir fordern, daß die Auswirkungen aller hier geplanten Bauten auf das Stadtklima untersucht werden. Diese Untersuchung darf sich nicht beschränken auf die im Bereich des Gleisdreiecks geplanten Bauflächen, gleichzeitig müssen auch die neuen Bauflächen südlich der Yorckstraße und am neuen Bahnhof Papestraße miteinbezogen werden. Die Ergebnisse dieser Untersuchung müssen auch in Zusammenhang mit den schon erwähnten Umweltgutachten zu den Bebauungen Potsdamer Platz betrachtet werden.

Wir fordern den Erhalt des alten Ringbahnviadukts auf dem Potsdamer Güterbahnhof. Dieses eindrucksvolle, 800 m lange Bauwerk, bestehend aus 76 gemauerten Bögen mit unterschiedlichen Spannweiten, ist das einzige Bauwerk, das noch an den Potsdamer Bahnhof erinnert, eines der ältesten Berliner Bahnhöfe. Ein Teil dieses Viadukts (Bogen 55 bis Bogen 76) wird zur Zeit für den Bau der neuen Fernbahn abgerissen, der andere Teil - Bogen 1 bis Bogen 54 - muß erhalten bleiben. In diesen Bögen können später attraktive Nutzungen untergebracht werden, die sich dem Park auf dem Gleisdreieck zuwenden. Die von Debis geplante Großgarage für 1500 Autos ist hier völlig deplaziert. Entweder sollte auf die Garage verzichtet werden, was nach der neuen Stellplatzverordnung möglich ist, oder sie sollte als flache Platte auf dem Tunnelmund der neuen Fernbahn untergebracht werden. So sahen es auch frühere Planungen für die Stellplätze vor.
Die auf der Fläche des Postbahnhof geplante Bebauung lehnen wir ab, nicht nur weil für diese Bebauung ca. 5000 m² des wertvollen Wäldchens am Museum für Verkehr und Technik geopfert würden. Die beiden dort geplanten Blöcke würden die Einfahrt zu dem Bahnhof blockieren, der Bahnhof würde nie wieder als Bahnhof funktionieren können. Zur Zeit nutzt die Post das Gelände nur als Umschlagplatz von LKW zu LKW. Falls die Post eines Tages wieder auf Bahntransport umstellen will - was aus ökologischer Sicht wünschenswert ist - wäre diese Möglichkeit verbaut.
Die Bebauung des durch S-, U-Bahn und Bus gut erschlossenen Yorckdreiecks erscheint uns sinnvoll. Das Yorckdreieck wird gebildet durch das Zusammenlaufen der Potsdamer und der Anhalter Bahn. Die Bebauung würde diese Situation verdeutlichen, sie würde sich ähnlich sich wie im Norden das Dreieck mit Schöneberger- und Luckenwalder Straße zwischen die Bahnhöfe schieben. Allerdings sollte sich die Bebauung auf das Dreieck selbst beschränken und nicht auf das höher gelegene Bahngelände übergreifen. Die am Rande des Yorckdreiecks verlaufende Trasse der U 7 sollte von der Bebauung ausgespart werden. Die Überbauung der U-Bahntrasse an dieser Stelle würde einen teueren, baukonstruktiv komplizierten Kraftakt bedeuten. Außerdem würde die Möglichkeit verschenkt, hier die drei übereinandergeschichteten Niveaus - U-Bahn, Straße, Bahn - sichtbar zu machen.
Die Bebauung an der Ecke Yorckstraße/Möckernstraße hat unter den verschiedenen Vorschlägen wahrscheinlich am wenigsten negative Auswirkung auf das Stadtklima. Wir wenden uns aber dagegen, daß hier quasi gründerzeitliche Blöcke in das künstliche Plateau des Bahngeländes hineingeschnitten werden. Wenn hier gebaut wird, sollten die neuen, maximal dreigeschossigen Bauten auf dem Plateau plaziert werden, damit das Bahngelände als künstliche Landschaft sichtbar bleibt. Die Brücken über die Yorckstraße und der Zollpackhof an der Kante zur Yorckstraße sollte erhalten bleiben. So könnte hier eine Mischung aus Alt und Neu entstehen. In der neuen Bebauung könnten außer Wohnen auch öffentliche Nutzungen stattfinden, die sich dem Park zuwenden.
Der Park auf dem Gleisdreieck wird in Zukunft durch die neue in Nord-Süd-Richtung laufende Fernbahntrasse in eine östliche und eine westliche Hälfte getrennt werden. Beide Parkhälften sollten nicht an der Yorckstraße enden, sondern mit Hilfe der alten Bahnbrücken weiter nach Süden führen. Auf der östlichen Fläche, dem Anhalter Güterbahnhof, stellen wir uns eine Park vor, der von der Dialektik zwischen der in 50 Jahren gewachsen Vegetation und der alten Eisenbahntechnik lebt. Sichtbar ist dies schon heute auf den Flächen des Museums. Auf der westlichen Hälfte, dem Potsdamer Güterbahnhof, wird das Parkmotto Sport und Bewegung lauten. Insoweit gibt es Übereinstimmung zwischen der Planung Ihrer Verwaltung und unseren Vorstellungen, wobei uns wichtig ist, daß sich das Sportangebot nicht nur an Vereine, sondern an alle Parkbesucher wendet.
Nicht einverstanden sind wir mit der Anordnung der Sportflächen. Es macht keinen Sinn, die Sportplätze auf der Fläche der Laubenkolonie zu konzentrieren. Das wenige Grün, das auf dem Potsdamer Güterbahnhof noch vorhanden ist, würde damit dem Kunstrasen geopfert. Natürlich ist es eine schwierige Frage, ob die Laubenkolonie erhalten bleiben soll und wenn ja, wie sie in den Park integriert werden könnte. Wir haben den Eindruck, mit der Anordnung der Sportflächen drücken Sie sich vor der Frage und verlagern den Konflikt zwischen die Vereinssportler und Kleingärtner. Wir fordern, daß die Sportflächen nicht auf Kosten des vorhandenen Grüns errichtet werden sowie eine dezentrale Anordnung, so daß die einzelnen Sportflächen den drei Bezirken Kreuzberg, Schöneberg und Tiergarten zugeordnet werden können.
Der von Lenné geplante Generalszug spielt eine wichtige Rolle in der Parkplanung Ihrer Verwaltung. Wir finden es richtig, diese 150 Jahre alte Idee, deren Umsetzung durch die Entwicklung der Bahn vereitelt wurde, bei der Gestaltung des Parks zum Thema zu machen. Ein Weg für Fußgänger und Radfahrer in dieser Achse würde die beiden durch die neue Fernbahn getrennten Parkhälften und die durch das Bahngelände getrennten Stadtteile verbinden. Wie diese Verbindung hergestellt wird und wie die Achse im Park sichtbar gemacht wird, sollte Gegenstand eines Wettbewerbs sein. Nach dem Vorschlag Ihrer Verwaltung soll dies mit einer 40 Meter breiten Schneise quer durch das ganze Gelände geschehen. Es ist nicht akzeptabel, daß in den Planungen Ihrer Verwaltung hier schon eine konkrete Lösung vorgegeben wird, mit der alternative Denkmöglichkeiten ausgeschlossen werden. Bei der Herstellung der Verbindung ist uns wichtig, daß die wertvolle Vegetation des Wäldchens beim Museum erhalten bleibt und daß die historischen Spuren der Bahn sichtbar bleiben. Ziel des Wettbewerbs wäre die Findung eines Konzepts. Dieses Konzept müßte die alte Idee des Generalszugs sichtbar und benutzbar machen, aber gleichzeitig das Hindernis Bahngelände, das seit 150 Jahre die Umsetzung der Idee vereitelt hat, erhalten. Eine mögliche Antwort wäre eine Brückensteg über das gesamte Gelände. Weil es sicher viele verschiedene Lösungen gibt, sollte der Wettbewerb offen sein für alle, nicht nur für Landschaftsplaner.

Mit freundlichen Grüßen

Klaus Mummenbrauer