Grünstift, Juni 98

Parkhaus DEBIS statt Park auf dem Gleisdreieck ?

Seit Ostern wird auf dem ehemaligen Potsdamer Güterbahnhof zwischen Landwehrkanal und U-Bahnhof Gleisdreieck an dem „ Parkhaus“ für die Firma DEBIS gearbeitet. Schon in wenigen Monaten sollen dort 1.500 Autoabstellplätze für Besucher des Potsdamer Platzes angeboten werden. Der Kreuzberger Bürgermeister Franz Schulz nennt das 244 m lange Gebäude mit Stellplätzen auf fünf Ebenen lieber „Großgarage“ als Parkhaus. Mit Recht, denn der Name „Parkhaus„ ist irreführend. Die größte Garage Berlins entsteht genau dort, wo eigentlich der Eingangsbereich zum zukünftigen Park auf dem Gleisdreieck südlich des Potsdamer Platz sein sollte.

Die Berliner Landesarbeitsgemeinschaft Naturschutz hat gemeinsam mit der Interessengemeinschaft Gleisdreieck versucht, gegen den Bau der Großgarage rechtlich vorzugehen. Dieser Versuch ist leider an formalen Gründen gescheitert. Das Verwaltungsgericht schätzte das alte Bahngelände als „Innenbereich“ nach § 34 Baugesetzbuch ein, was zur Folge hat, daß hier Eingriffe nach Bundesnaturschutzgesetz nicht berücksichtigt werden müssen. Damit fielen alle guten Argumente gegen die Großgarage unter den Tisch:

Die Aufenthaltsqualität in dem Park wird unter der Garage ziemlich leiden, denn die Zufahrten und Rückstauflächen liegen mitten im Park. Die Ausfahrten der Garage führen in die Schöneberger Straße. Den dortigen Anwohnern werden dann jeden Tag zusätzlich mehrere tausend durchfahrende Autos zugemutet.

Für das Parkhaus wurden 22 Bögen eines denkmalwerten, gemauerten Bahnviadukt abgerissen. Auf diesem Viadukt hatte sich sehr wertvolle Vegetation angesiedelt, darunter durch Bundesnaturschutzgesetz geschützte Pflanzenarten wie die Sandstrohblume. Dieses Gebäude wäre das ideale Eingangsgebäude zum Gleisdreieck-Park gewesen.

Auch die ökologische Funktion des Gleisdreieckparks, der als Ausgleichsfläche für die Potsdamer-Platz-Bebauung gilt, wird durch die Garage stark beeinträchtigt. Insbesondere die Verschlechterung das Stadtklimas - Erwärmung der Temperaturen im gesamten Innenstadtbereich um 1 bis 2 Grad im Jahresmittel - sollte durch Freihalten der Belüftungsbahn und durch Grünflächen auf dem Gleisdreieck kompensiert werden. So sahen es die Umweltgutachten zu den Bebauungsplänen von Potsdamer und Leipziger Platz vor. Der Bau einer Emissionsquelle wie der Großgarage in dieser Belüftungsbahn stellt eine bewußte Mißachtung dieser Umweltgutachten dar.

Verkehrspolitisch ist der Bau der Garage ein Schritt in die falsche Richtung. Entsprechend der Zielvorstellung des Modal-Split von 80/20 (Verhältnis öffentlicher Nahverkehr zu motorisierten Individualverkehr) werden am Potsdamer Platz selbst schon 8.500 Stellplätze gebaut, davon 2.500 für die Firma DEBIS. Die 1.500 Stellplätze auf dem Gleisdreieck sind ein nicht notwendiges Zusatzangebot, durch die der prognostizierte Stau und damit der Ruf nach der Westtangente noch verstärkt werden wird.

Mit dem Bau der Garage und der Diskussion um die Westtangente wird deutlich, daß die Investoren des Potsdamer Platzes kein Interesse an dem Park auf dem Gleisdreieck haben. Noch sind die Macher von der Inszenierung ihrer neuen Stadt selbst so beeindruckt, daß sie nicht wahrnehmen, wie autistisch und zerstörerisch sich der neue Potsdamer Platz zu seiner Nachbarschaft verhält. Zwar haben die Investoren als Ausgleich für ihre Eingriffe 45 Mio DM - weniger als 1% der verbauten Summe - bezahlt. Mit diesem Geld sollten die von ihnen verursachten Eingriffe ausglichen werden, durch die Anlage des Parks auf dem Gleisdreieck. Mit der Überweisung des Geldes auf ein Konto der Stiftung Naturschutz scheint das Thema Park für sie jedoch erledigt.

Trotzdem muß der Park spätestens bis zum Jahr 2002 realisiert werden, da der ökologische Ausgleich für den Potsdamer Platz auch rechtlich unverzichtbar ist. Vor dem Oberverwaltungsgericht Berlin ist diesbezüglich immer noch eine Normenkontrollklage der IG Gleisdreieck gegen die Bebauungspläne Potsdamer/Leipziger Platz anhängig.

Wäre der politische Wille vorhanden, könnte mit dem Park jetzt schon auf einzelnen Flächen begonnen werden. Wie groß der Park sein wird, welche Qualität er haben wird, ist jedoch immer noch unklar. Zur Zeit läuft ein Änderungsverfahren zum Flächennutzungsplan, in dem rund 15 ha neue Bauflächen auf dem alten Bahngelände vorgesehen werden, denn nur im Gegenzug für Baurechte will die Bahn AG die Flächen für den Park rausrücken.

Matthias Bauer, Interessengemeinschaft Gleisdreieck