die tageszeitung, 15.5.2003

Wir könnten auch wieder anders

Wo so viel leer steht und riesige Brachen statt der Bebauung nur der Verwilderung harren wie in Berlin, muss was geschehen, meint das "Stadtforum von Unten". Und es hatte Vorschläge: temporäre Gärten, Kunstprojekte, Gewerbe - und Besetzung

von ROLF LAUTENSCHLÄGER

An Beispielen, leerstehende Gebäude oder brachliegende Stadtflächen in außergewöhnlicher Weise zu nutzen, mangelt es nicht in Berlin: Das Areal des einstigen Stadions der Weltjugend an der Chausseestraße wurde zum "Volxgolf-Platz", weil der Investor die Flächen nicht bebauen wollte. Auf dem Gelände des früheren Reichsbahn-Ausbesserungswerks im Ostteil Berlins hat sich bis dato der "RAW-Tempel" eingerichtet mit kulturellen und sozialen Nutzungen für den umliegen Kiez und seine Bewohner. Und im ausgehöhlten Palast der Republik planen Architekten und Künstler eine Zwischennutzung für Ausstellungen, Meetings und Theateraufführungen.

Dass Lösungen für Zwischennutzungen augenscheinlich sind, ist evident. Weniger offensichtlich ist, dass Berlin und private Bauherren eine Vielzahl brachliegender Räume der zukünftigen Stadtentwicklung vorenthalten - könnten doch diese "bespielt" werden. "Was passiert, wenn nichts passiert?", fragte deshalb das Stadtforum von Unten auf seiner 32. Sitzung am Dienstagabend auf einer Podiumsdiskussion und suchte gleichzeitig nach Wegen "heraus aus dem Wartestand". Der RAW-Tempel, in dem die Veranstaltung tagte, wurde dabei selbst zum Anschauungsobjekt, hatten den doch vor Jahren "kreative Initiatoren" einfach in Beschlag genommen und der Bahn gezeigt, dass es Alternativen zu Abriss oder purer Vermarktung gibt.

Und an künftigen Möglichkeiten mangelt es nicht. Angesichts einer ungenutzten Kulisse von 5 bis 10 Prozent der Stadtfläche Berlins, wie der Architekt Norbert Rheinlaender analysierte, müsse ein "neues Denken" über diese riesigen Brachen und ihre Verwendung einsetzen. Großen Grundstücksbesitzern wie der Bahn AG, dem Bund oder dem Land, die derzeit ihre unnütz gewordenen Flächen nicht rentabel veräußern könnten, "weil der Markt gesättigt ist" und darüberhinaus rund 1,4 Millionen Quadratmeter Bürofläche leerstehen, sollte "offensiv" entgegengetreten werden. Aber wie?

Was Rheinlaender meinte, war nicht der reine Akt der Besetzung, sondern ein Angebot samt Konzept: Statt die Flächen einer "Verwilderung" zu überlassen, könnten Eigentümer und "kreative Nutzer vor Ort" eine temporäre Bespielung, künstlerische oder gewerbliche Nutzung auf Flächen oder in Gebäuden verabreden, die jene toten Gelände wieder zum Leben erweckten. Das sei für Investoren allemal besser als Leerstand, "bereicherten" solche Aktionen und ihre Macher doch Ort und Ansehen.

Versucht worden ist das schon - nicht nur am Volxgolf-Platz und anderswo, sondern an vier ausgewählten Bezirksstandorten im Kleinen, wo mit Eigentümern neue Wege aus dem Leerstand gefunden wurden, berichtete Simon Sommer (TU Berlin), der die Projekte betreute. Verlassene, marode Ladenlokale in Moabit und am Boxhagener Platz wurden von den Besitzern erstanden, renoviert und mit künstlerischer, aber auch neuer gewerblicher Nutzung "zwischengemietet". Als dadurch das "Stadtteilimage" insgesamt verbessert wurde, ließen sich Vermieter und Mieter gar auf langfristige Verträge ein. Aus Leerstand und temporärer Nutzung wurden rechtmäßige Dauerzustände.

Doch eigentlich wollte man größer hinaus, so wie Frauke Hehl und der RAW-Tempel. 10 Hektar Fläche der Bahn sind heute nicht Brachland oder dümpeln vor sich hin, sondern bilden "eine Stadt in der Stadt" mit vielen Initiativen und Projekten, die sich die Friedrichshainer und Kreuzberger angeeignet und jetzt vertraglich gesichert haben. Dass solche Beispiele das Land ermutigen sollten, sich mit der Bahn "offensiv" auseinanderzusetzen, um deren riesigen "geparkten" Grundstückspool für die weitere Stadtentwicklung zu aktivieren, forderte Werner Orlowsky, grüner Baustadtrat a.D. aus Kreuzberg. "Es muss in die Hirne der Politiker und Besitzer", große Stadtbrachen für die Zwischennutzungen zu öffnen. "Aneignung statt verscherbeln" laute die Devise, würden doch derzeit die Eigentümer die Flächen sowieso nicht los, Gemeinde und Bewohner dagegen dadurch bereichert.

Dass ab diesem Zeitpunkt der Hauch der Hausbesetzerbewegung der 70er- und 80er-Jahre durch die Halle im RAW-Tempel wehte, war spürbar. Und auch das Ziel nahm eine neue Richtung. Wo so viel brach liegt, leersteht und nur den profitorientierten Interessen der Grundstücksbesitzer vorbehalten bleiben soll, kann man auch anders - nämlich will "Endnutzung statt Zwischennutzung", will eine "Chance zum Definitivum".

Der "König von Kreuzberg", wie Orlowsky einmal genannt wurde, sah angesichts der großen leeren Flächen in Berlin die kleinen Möglichkeiten, über die gesprochen wurde, nicht mehr so richtig. Brauchte er auch nicht. Hausbesetzungen, Sanierungen und die Erfolgsgeschichte von Kreuzberg haben ihm Recht gegeben.

taz Berlin lokal Nr. 7054 vom 15.5.2003, Seite 28, 161 TAZ-Bericht ROLF LAUTENSCHLÄGER

 
 

Der Tagesspiegel 06.05.2003

Mitarbeiter-Revolte im Technikmuseum

Streit um Neubau-Eröffnung

Im Deutschen Technikmuseum am Gleisdreieck, das zu den meistbesuchten Museen der Stadt gehört, brodelt es. Zwischen der Direktorin Lieselotte Kugler und einem Teil der Belegschaft gibt es heftigen Streit. Die Kritiker werfen Kugler vor, durch ihr Verhalten die Eröffnung des Museumsneubaus zu verzögern – und fordern ihre Ablösung. Die Direktorin weist die Vorwürfe zurück, man befinde sich voll im Zeitplan. Eine Ablösung von ihrer Position sei kein Thema.

Der Anbau für die Schiff- und Luftfahrtsgeschichte war als letzter Museumsneubau Ende der 90er Jahre trotz der schon damals leeren Kassen gebaut worden. Dies hatte der damalige Direktor Günther Gottmann bei der großen Koalition unter dem Regierenden Bürgermeister Eberhard Diepgen (CDU) durchgesetzt. Schlüsselübergabe für den Neubau, der rund 70 Millionen Euro gekostet hat, war 2001. Danach fehlte aber das Geld für die Ausstattung der neuen Räume und auch für das erforderliche Personal. Der teure Neubau blieb leer. Inzwischen ist die Lotto-Stiftung eingesprungen. Das zugesagte Geld werde aber nur schleppend abgerufen, werfen Mitarbeiter der Direktorin vor. Kugler entgegnet, man arbeite „mit Hochdruck“ an der Eröffnung.

Die Ausstellung zur Binnen- und Hochseeschifffahrt soll wie geplant am 14. Dezember eröffnet werden, ein Jahr später soll dann die Luftfahrtabteilung folgen.

Die Kulturverwaltung bestätigte „Unstimmigkeiten“ im Museum. Abhilfe solle eine neue Organisationsstruktur schaffen, an der man derzeit mit Expertenhilfe von außen arbeite. kt



taz Berlin, 18.3.2003

Richtigstellung

In unserer Berichterstattung vom 19. 02. 2003 "Bahn frei für mehr Grün" ist uns leider ein Fehler unterlaufen, den wir hiermit gerne korrigieren: Die Vivico ist keine Tochter der Deutschen Bahn AG, und weder der Stuttgarter Platz noch der Nordbahnhof und der Mauerpark gehören der Vivico. Somit hat die Vivico auch keine Grünflächen am Bahnhofsvorplatz des Stuttgarter Platzes blockiert. Zudem ist die Vivico nicht der größte Grundstückseigentümer Berlins. Zu dem geplanten Park auf dem Gleisdreieck teilte uns die Vivico mit, dass der derzeitige Verhandlungsstand rund 27 Hektar Parkflächen vorsieht und nicht, wie berichtet, nur 16 Hektar." TAZ

 

die tageszeitung, 5. 3. 2003

Maut für Parkbesucher

Für einen Spaziergang durch den Naturpark Südgelände soll künftig Eintritt gezahlt werden, weil das Land für die Pflege kein Geld investieren möchte. Grüne sehen keine Rechtsgrundlage für Gebühr

von ROLF LAUTENSCHLÄGER

Der Sonntagsspaziergang durch den Naturpark Südgelände wird ab dem Frühjahr 2003 zum kostenpflichtigen Pläsier. Denn die für die Entwicklung, Unterhaltung und Pflege zuständige Berlin Grün GmbH will für das Flurstück zwischen Schöneberg und Steglitz künftig Eintritt erheben. Die Maut durch den von wild wuchernder Natur, rostigen Eisenbahnanlagen und Kunstobjekten durchzogenen Park soll circa 1,50 Euro betragen und per Kassenautomat am Eingang S-Bahnhof Priesterweg entrichtet werden.

"Dies wäre die erste Grünanlage in der Stadt, für die Besucher Eintritt bezahlen müssen", sagte Ralf Kühne, Mitglied der Grünen-Fraktion im Bezirk Tempelhof-Schöneberg. Bislang erheben nur Stadtgärten wie der Botanische Garten und der Britzer Garten (Buga-Gelände) Gebühren. Versuche, für andere öffentliche Parks, etwa die Hasenheide, Geld für Pflege und Unterhalt einzutreiben, sind bisher vom Land und den Bezirken verworfen worden.

Hintergrund der zukünftigen Maut für einen der schönsten städtischen Naturparks ist, dass das bezirkliche Grünflächenamt mangels Geld den Unterhalt des 2000 eröffneten Naturgeländes nicht finanzieren kann. Zugleich hat die vom Land stattdessen beauftragte Grün Berlin zwar den Pflegevertrag für das prestigeträchtige Expo-2000-Korrespondenzprojekt übernommen. Die Zuwendungen in Höhe von fast 30.000 Euro für die Dienste des privatrechtlich organisierten, aber landeseigenen Trägers jedoch sind laut Grün-Berlin-Chef Hendrik Gottfriedsen nicht geflossen.

Der Senat, so Gottfriedsen bei einer Anhörung, habe eine "Regelung" zur Finanzierung in Aussicht gestellt, sei aber den Verpflichtungen nie nachgekommen. Zugleich sind Gottfriedsen die Hände gegen das Land gebunden, sitzt doch im Aufsichtsrat der Grün Berlin GmbH als Vorsitzender Hans Stimmann, Staatssekretär in der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung. "Jetzt holt man sich das Geld eben bei der Bevölkerung", folgert Kühne, obwohl es dafür weder rechtlich noch politisch eine Grundlage gebe. Zum einen bestünde für die Grün Berlin kein Rechtsanspruch auf Eintritt in öffentliche Parkanlagen. Zum anderen sei das Bahngebiet als "Ausgleich für die Bebauung im Zentralen Bereich (Potsdamer Platz, Regierungsviertel)" und als "öffentlich zugänglicher Park" bestimmt worden.

Das 18 Hektar große, urwaldartige Bahnareal war bis 2000 mit Hilfe der Allianz-Umweltstiftung zum Natur- und Kunstpark der Gruppe Odious umgestaltet und zur Naherholung freigegeben worden. Als Berliner Expo-Projekt sorgte es zudem für Furore, bilden doch das Dickicht und das Wegenetz samt Odious-Skulpturen ein Beispiel für Naturinszenierungen alter Verkehrs- oder Industrieanlagen.

Während die Bezirks-Grünen weiter die kostenfreie Nutzung und öffentliche Pflege fordern, haben sich CDU und SPD auf die Seite der Grün Berlin und somit des Landes geschlagen. Welche Strafen "Schwarzspaziergänger" erhalten, ist offen.

taz Berlin lokal Nr. 6996 vom 5.3.2003, Seite 21, 101 Zeilen (TAZ-Bericht), ROLF LAUTENSCHLÄGER