Berliner Morgenpost, 13. September 2003

Aktionsgruppe fordert Öffnung des Gleisdreiecks

Kreuzberg
Von Michael Albrecht

Wenn die Aktionsgemeinschaft "Gleisdreieck" geführte Spaziergänge über das einstige Bahnareal zwischen Landwehrkanal und Yorkstraße anbietet, können sich die Initiatoren vor Besuchern meist kaum retten. Auch deshalb fordern sie, zumindest Teile des Geländes schnell frei zugänglich zu machen. Es sei ein Skandal, so Matthias Bauer, Sprecher der Aktionsgemeinschaft, dass das Areal seit nun zwölf Jahren ein weitgehend gesperrtes Territorium sei, obwohl der Senat bereits 1990/91 beschlossen habe, dort einen Park anzulegen.

Ursache ist das Fehlen eines verbindlichen Gesamtkonzepts für die Gestaltung des Geländes. Seit drei Jahren verhandeln das Land, der Bezirk und die Vivico über die Bebauung von fünf Flächen mit Wohn- und Geschäftshäusern sowie über die Anlage von 22 Hektar Grünflächen - bisher ohne Erfolg. Zwar soll, wie Kreuzbergs Baustadtrat Franz Schulz (Grüne) sagt, im Oktober eine neue Runde beginnen, doch unterschriftsreif könne das Planwerk frühestens im Frühjahr 2004 sein. Dann werde, so Schulz, der landschaftsplanerische Wettbewerb ausgeschrieben und möglicherweise Anfang 2005 mit Bauvorhaben und Gestaltung von Park- und Grünflächen begonnen.

"Wir halten die Kopplung der Anlage von Grünflächen an das Gesamtkonzept mit seinen teilweise sehr langfristigen Bauvorhaben für destruktiv", sagt Matthias Bauer. Dabei gebe es für Parks auf dem Gleisdreieck sogar Geld - etwa 23 Millionen Euro, die die Investoren des Potsdamer und Leipziger Platzes seinerzeit zur Verfügung stellten.

Die Vivico will von vorzeitiger Öffnung des Bahngeländes aber nichts wissen. Es gebe Sicherheitsrisiken, sagt Vivico-Sprecher Wilhelm Brandt. Dem könne man mit dem Aufstellen von Schildern "Betreten auf eigene Gefahr" begegnen, kontert Bauer. Und schlägt als erste offene Flächen die Areale Anhalter Güterbahnhof und das "Wäldchen" südlich des Technikmuseums vor. 2000 Unterschriften habe man schon gesammelt.

Die nächsten Gleisdreieck-Touren starten am 14. und 21. September jeweils um 15 Uhr am U-Bahnhof Gleisdreieck, oberer Bahnsteig.

 

Berliner Zeitung, Donnerstag, 11. September 2003

Betreten auf eigene Gefahr

Anwohner fordern sofortige Öffnung der Grünfläche auf dem Gleisdreieck

VON UWE AULICH

KREUZBERG. Zwölf Jahre Ausgrenzung sind genug, sagt die Aktionsgemeinschaft Gleisdreieck und fordert, das 62 Hektar große Areal zwischen Landwehrkanal und Yorckstraße sofort wieder für jedermann zugänglich zu machen. "Die Anwohner haben ein Recht darauf, das Gelände schon jetzt als Park zu nutzen", sagt Norbert Rheinlaender von der Aktionsgemeinschaft.

Das einstige Bahngelände ist mittlerweile an vielen Stellen zu einem Biotop geworden. Wer es betreten will, braucht eine Genehmigung. "Das kann nicht Sinn und Zweck einer Grünfläche sein", sagt Rheinlaender. Zu zwei Dritteln gehört das Areal der Vivico. Das Immobilienunternehmen der Bahn ist daran interessiert, den Park so schnell wie möglich zugänglich machen. "Aus Sicherheitsgründen geht das nicht so einfach. Wer haftet zum Beispiel bei Unfällen", sagt Vivico-Sprecher Wilhelm Brandt. Über eine vorzeitige Öffnung der Grünflächen könne man reden, wenn ein Gesamtkonzept für das Gleisdreieck vorliege. Genau darüber aber verhandeln das Land Berlin und die Vivico seit drei Jahren. Im Sommer 2002 wurden die Gespräche ganz ausgesetzt, weil die Deutsche Bahn AG zwischenzeitlich erwog, auf dem Gleisdreieck einen 120 Meter hohen Büroturm als Konzernzentrale zu bauen. Solch ein Hochhaus ist in den bisherigen Planungen nicht vorgesehen. Bahn-Sprecher Burkhard Ahlert sagt dazu nur, mehrere Standorte würden geprüft. Intern heißt es aber, die Bahn habe das Gleisdreieck als Sitz für ihren Vorstand verworfen. Im Oktober wollen Vivico, Senat und Bezirk die Gespräche wieder aufnehmen.

Sie hatten sich schon vor einem Jahr verständigt, wie die Brachfläche künftig gestaltet werden soll. Fünf Flächen für Wohn- und Geschäftshäuser, außerdem entsteht ein 22 Hektar großer Park. Den Anwohnern ist er zu klein, obwohl ursprünglich nur 16 Hektar vorgesehen waren. Auch Wissenschaftler sehen im Gleisdreieck eine wichtige Klimaschneise für die Innenstadt und fordern mindestens 30 Hektar Grün. Senat und Bezirk hätten zu Ungunsten Berlins verhandelt, sagt Rheinlaender. Baustadtrat Franz Schulz (Grüne) widerspricht: "Wir haben die Verhandlungen mit sechs Hektar zusätzlicher Grünfläche abgeschlossen." Er hofft, dass im kommenden Jahr ein landschaftsplanerischer Wettbewerb ausgeschrieben und Anfang 2005 mit der Gestaltung der Parkfläche begonnen wird. Der Aktionsgemeinschaft ist das zu spät. "Wir brauchen den Park jetzt", sagt Rheinlaender. An den Zugängen könnten wie an jeder anderen Grünanlage Schilder aufgestellt werden: "Betreten auf eigene Gefahr".