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Rundfunk Berlin Brandenburg, Umweltmagazin Ozon
Sendung vom 01.10.2003
Frischluftschneisen für Berlin
Beitrag von Sabine Lange
Berlin stöhnt unter der Hitze. Am 2. August zeigt
die Quecksilbersäule im Stadtzentrum selbst um 22 Uhr noch 25 Grad
an. Keine Wolke, kein Gewitter, kein Windzug .
Berlin ist nicht Paris, wo das noch extremere Klima Tausende Menschen
tötet. Und dennoch: Allein in der Rettungsstelle der Charité
in Berlin-Mitte werden täglich fünf bis zehn Patienten mehr
eingeliefert: Erschöpfung, Übelkeit, Herzkreislaufversagen.
Die Gebäude, Straßen und Plätze wirken wie ein thermischer
Akku. Den ganzen Tag über haben sie sich mit Energie der Sonne aufgeladen.
Energie, die sie nachts als Wärme wieder abgeben.
Die Thermokamera zeigt die hohen Temperaturen als gelb-rötliche Färbung.
Blau dagegen steht für Kälte. Deutlich heben sich die weiten
kaltluftproduzierenden Flächen des Flughafens Tempelhof und des Großen
Tiergartens gegenüber den dicht bebauten Stadtgebieten ab. Dazwischen
liegt ein drittes Areal auf der unbebauten Schneise, die sich vom südlichen
Stadtrand bis zum Potsdamer Platz zieht: Das Gleisdreieck
62 Hektar Industriebrache, geprägt von den Hochbahntrassen und einst
beherrscht vom Lärm und Gestank der durchfahrenden Züge. Die
erste preußische Eisenbahnlinie von Berlin nach Potsdam läutete
hier ein neues Zeitalter ein. Später folgte die Anhalterbahn. Ihre
Züge überquerten das Gleisdreieck in Richtung Süden.
Nachkriegszeit und Mauerbau versenkten das Bahngelände dann in einen
Dornröschenschlaf. Jahrzehntelang holte sich die Natur zurück,
was Technik ihr einst entrissen hatte.
Ende der Neunziger wird das Gleisdreieck Aufmarschgebiet für Berlins
größte Bauschlacht. Das Logistikzentrum Potsdamer Platz richtet
sich ein und versorgt die Großbaustelle von hier aus mit allem was
sie braucht.
Zurück bleibt eine abgeräumte Fläche. Zwei Drittel der
berühmten Spontanvegetation sind vernichtet.
Lange bevor die Baukräne am Potsdamer Platz in Aktion treten, hatten
Wissenschaftler vor schwerwiegenden Eingriffen in das Stadtklima gewarnt.
Der Luftaustausch würde durch die hohen Gebäudekomplexe stark
eingeschränkt und der Wärmering, der sich als dichte Stadtmasse
um den Tiergarten legt, nahezu geschlossen. Die Experten fordern, das
nahe gelegene Gleisdreieck als Ausgleich
von weiterer Bebauung freizuhalten und darauf einen großen Park
anzulegen.
Mit Sorge beobachten Stadtklimatologen einen Trend: Die Ballungszentren
der
Großstädte werden immer dichter bebaut -und damit immer heißer.
Dieter Scherer, Klimatologe an der TU Berlin, sieht das Hauptproblem vor
allem in zu warmen Nächten, in denen die Bewohner den klimatischen
Bedingungen passiv ausgeliefert sind. Sie können sich das so vorstellen,
wenn Menschen ihr Bett im Gleisdreieck aufstellen würden, dann wären
sie ganz gut dran, denn dort kühlt sich die Luft ab. Sie wohnen aber
nicht auf dem Gleisdreieck, sondern sie wohnen in dem angrenzenden Gleisdreieck.
Das heißt, es muss die kühle Luft in die angrenzenden Bereiche,
wo sich der Mensch befindet, transportiert werden.
Doch in dicht bebauten Stadtteilen wie Kreuzberg, Schöneberg und
Mitte hat der
Wind kaum eine Chance. Zu viele Hindernisse, die ihn bremsen.
Biometeorologen sind überzeugt: Zu warme Nächte sind thermischer
Stress. Der Körper kann sich nicht erholen und verkraftet die Hitze
des Tages immer schlechter.
Als bekannt wird, dass Grundstückseigentümer Deutsche Bahn und
Senat planen, die Baufelder auf dem Gleisdreieck gegenüber den ursprünglichen
Plänen nahezu zu verdoppeln, hagelt es Protest. Anwohner und Umweltverbände
befürchten, dass die klimatische Ausgleichsfläche dann nicht
mehr funktioniert.
Zwei unabhängige Untersuchungen haben zum gleichen Ergebnis geführt:
Das von Freiflächen geprägte Areal verfügt über wichtige
Strömungssysteme. Es liefert Kaltluft in die angrenzenden Wohngebiete.
Die sorgt für Abkühlung in den Nachtstunden, trägt Feuchtigkeit
mit sich und fördert den Abzug von Luftschadstoffen. Doch ihr Wirkungsbereich
ist begrenzt. Stadtklimatologe Dieter Scherer spricht von wenigen hundert
Metern im günstigsten Fall. Bei einer Randbebauung, die blockierend
wirkt, bleibt die Wirkung auf die angrenzende Häuserzeile beschränkt.
Es ist daher wichtig, die vorhandenen Freiflächen nicht in lauter
Kleinteile zu zersplittern - auch wenn prozentual die gleiche Fläche
dabei herauskommt. Wichtig sind zusammenhängende Flächen, die
auch eine Mindestbreite von 50 bis 100 Metern haben, damit sie als Frischluftschneise
wirksam sind.
Das Wäldchen um den Anhaltergüterbahnhof
gehört zu den letzten Resten einer Großstadtwildnis, die sich
selbst schuf. Ben Wagin, Berlins bekanntester Baumpate, hat das Areal
für sich entdeckt. Der von den Anwohnern geforderte Park aber, lässt
noch immer auf sich warten. Im Hickhack um die 62 Hektar große Industriebrache
ist noch immer kein Ende in Sicht. Seit Jahren wird darum gestritten und
gepokert: Die einen wollen mehr Grün, die anderen mehr Bauland.
Wir sind keine Grundstückseigentümer, folglich haben wir auch
entsprechend wenig zu sagen, konstatiert Norbert Rheinlaender von der
Aktionsgemeinschaft Gleisdreieck. Wir sind nur Stadtnutzer, nur Anwohner.
Und die bestimmen in der Regel weder die Stadtplanung, noch können
sie Bauwünsche verhindern. Dennoch will man nicht aufgeben. Schließlich
sind es die Anwohner, die die Hitze der Nacht ertragen müssen.
Am 2. August 2003 zeigt das Thermometer in der City morgens um drei Uhr
noch immer 22,9 Grad Celsius an.
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