Berliner Zeitung, 15. 03. 04

Noch fehlt der Schwung

Super-Riesenrad soll zur Attraktion werden, doch Anwohner sind dagegen

Birgitt Eltzel


KREUZBERG. Die Werbung in eigener Sache fiel Dirk Nishen diesmal schwer. Nishen, Erfinder der Infobox am Potsdamer Platz und der populären Kudammausstellung "Story of Berlin", stellte jetzt im Gemeindesaal der Evangelischen Jesus Christus Gemeinde erstmals Anwohnern seine Pläne für ein Super-Riesenrad in Berlin vor. Das soll für 60 Millionen Euro auf dem Gleisdreieck entstehen - dort, wo schon seit Jahren ein Park als Ausgleich für die Bebauung des Potsdamer Platzes errichtet werden soll. Das weltgrößte Riesenrad, 175 Meter hoch, soll bis zur Fußballweltmeisterschaft 2006 fertig sein. Der Baubeginn für den 16 Hektar großen Park aber ist noch unklar. "Das falsche Zeichen am falschen Ort" nannte Christian Schmidt-Hermsdorf von der AG Gleisdreieck deshalb die Pläne für das "World Wheel Berlin". Er möchte dieses lieber im Plänterwald sehen.

Die AG will den Park als grüne Lunge für die Anwohner, die Touristenattraktion Super-Riesenrad lehnt sie ab. Die Anwohner befürchten Lärm und Rummel, Verkehrschaos durch Reisebusse und durch Parkplatz suchende Pkw, die Zerstörung des Biotops auf dem ehemaligen Anhalter Güterbahnhof und die Verdrängung der Einheimischen. Auch das Deutsche Technikmuseum ist nicht begeistert über die Idee. Denn diese tangiert seine Pläne zur Erweiterung der Ausstellungsflächen. Seit kurzem verhandeln Nishen und die Museumsleitung, um einen Kompromiss zu finden - bisher noch ohne Ergebnis. Nishen hat inzwischen auch eine Variante vorgelegt, nach der das Riesenrad mit weniger Fläche als bisher geplant auskommen könnte. Die gewonnene Restfläche könnte dem Parkgelände zugeschlagen werden.

Damit wäre Franz Schulz (Bündnis 90/Grüne), Baustadtrat in Friedrichshain-Kreuzberg, zufrieden. Er will eine Paketlösung: Wenn das Superrad genehmigt wird, müsste es auch verbindliche Zusagen vom Senat zum Baubeginn für den Park und für die Erweiterung des Technikmuseums geben, sagt er. "Gelingt uns das, haben wir alle etwas gewonnen."

Nishen, der seine Investoren vor Vertragsabschluss nicht nennen will, macht deutlich, dass er vom Standort nicht abrücken wird: "Dieser Platz wurde uns vom Senat dafür zugewiesen." Alternativen habe es nicht gegeben. Bis Juni müssen die Verhandlungen abgeschlossen sein, damit der geplante Eröffnungstermin für das Riesenrad gehalten werden kann. Das wird übrigens nicht lange das höchste in der Welt sein: Schon 2007 soll in Peking ein 35 Meter höheres seine Runden drehen.



Berliner Morgenpost, 14. 03. 04

Kreuzberg: Chancen für Riesenrad am Gleisdreieck stehen schlecht

Zahlreiche Vorbehalte bei Bürgerforum

Von Marie-Th. Nercessian

Die Anwohner können sich mit dem am Gleisdreieck geplanten Riesenrad nicht anfreunden: "Das falsche Zeichen am falschen Ort" wäre für Christian Schmidt-Hermsdorf von der Bürgerinitiative AG Gleisdreieck das "World Wheel Berlin". Die Vertreter der Initiative befürchten eine Kommerzialisierung des Geländes, wünschen sich stattdessen einen großen Park und den Erhalt des bestehenden Biotops. Bei einer Diskussionsveranstaltung am Freitag konnten sich die Kreuzberger ein Bild von dem umstrittenen Projekt machen - und nach den Politikern auch einmal mitreden.

Baustadtrat Franz Schulz (Grüne) hält das Rad zwar einerseits für eine "technische Attraktion", die das benachbarte Technikmuseum weithin sichtbar markieren und zusätzliche Besucher anziehen könnte. "Wir müssen dann eine Paketlösung mit dem Deutschen Technikmuseum finden", sagt er. Er sieht aber andererseits die Priorität eindeutig beim geplanten Park. "Das Riesenrad kollidiert mit der Herstellung des Parks. Ich betrachte es daher sehr kritisch." Schulz kritisierte auch die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung für die stockenden Verhandlungen über die Zukunft des Gleisdreiecks: "Wir haben in Bezug auf die Park-Realisierung schon im Sommer vergangenen Jahres an dem Punkt gestanden, wo wir jetzt stehen."

Die Riesenrad-Investoren wollen 60 Millionen Euro aufbieten und ihr Fahrgeschäft zur Fußball-WM 2006 eröffnen. Dirk Nishen, Sprecher der Investorengruppe, bemühte sich, die zahlreich vorgetragenen Vorbehalte der Bürger zu entkräften. Heftige Kritik gab es vor allem wegen der "Geheimhaltung" der Investorennamen, die, so Nishen, "von einem großen institutionellen Anleger geführt werden".

In der kommenden Woche will Nishen den Mitgliedern des Friedrichshain-Kreuzberger Stadtplanungsausschusses eine modifizierte Machbarkeitsstudie, die vor allem die wirtschaftlichen Aspekte des Projekts betrachtet, vorlegen. Nishen versicherte außerdem, dass die Investoren bereit seien, für den unwahrscheinlichen Fall einer Pleite des Unternehmens eine Rückbaugarantie abzugeben.

Die Anwohner haben ihrerseits die Gründung einer Parkgenossenschaft vorbereitet, um ihre Ziele voranzutreiben. "Wir wollen mitspielen, unser erstes Ziel ist die Anlage eines Wegenetzes", sagte Schmidt-Hermsdorf.

Auch das Deutsche Technikmuseum steht dem Projekt "World Wheel Berlin" inzwischen eher reserviert gegenüber. Museumsdirektor Dirk Böndel befürchtet, das Riesenrad könnte die Pläne für den geplanten Erweiterungsbau des Museums stören. 20 000 Quadratmeter Ausstellungsfläche sollen an eben der Stelle entstehen, wo auch das Riesenrad geplant ist. Es gebe bereits Gespräche mit einem möglichen Investor. Dessen Namen wollte das Technikmuseum aber seinerseits nicht preisgeben. Investorensprecher Nishen hatte bereits Anfang März erklärt, dass die Zeit knapp werde: Bis spätestens Anfang Juni müsse eine Entscheidung fallen, um den Termin 2006 zu halten.

 



die tageszeitung, 12. 03. 2004

Ganz Kreuzberg dreht am Rad

Ein Investor plant ein 175 Meter hohes Riesenrad auf dem Gleisdreieck. Doch die Anwohner wollen lieber picknicken

Das geplante Riesenrad auf dem Gleisdreieck könnte eine echte Touristenattraktion werden. 175 Meter hoch wäre es das größte Riesenrad der Welt und zu Fuß erreichbar vom Potsdamer Platz - das überdimensionale Karussell würde scharenweise Besucher anziehen. Darin sind sich alle einig. Egal, ob man es eher als ein "kulturelles Highlight" betrachtet wie Bausenator Peter Strieder (SPD) oder als eine "technische Attraktion" wie der Kreuzberger Baustadtrat Franz Schulz. Noch vor einem Jahr war er wenig begeistert: Einen Vorteil für Kreuzberg sehe er nicht in dem Projekt. Heute denkt Schulz pragmatisch: "Jeder Stadtteil muss zur Attraktivität Berlins beitragen."

Initiator des Riesenrads ist der ehemalige Kreuzberger Verleger Dirk Nishen, und der kennt sich aus mit spektakulären Touristenattraktionen: Nishen gilt als Erfinder der Infobox, die zwischen 1995 und 2001 acht Millionen Besucher an die Baustelle auf dem Potsdamer Platz lockte. Auch die populäre Kudamm-Ausstellung "Story of Berlin" wurde von Nishen konzipiert.

Von der Sogwirkung eines Riesenrads auf dem Gleisdreieck könnte auch das benachbarte Deutsche Technikmuseum profitieren, das im Konkurrenzkampf zwischen den Berliner Museen gerne missachtet wird. "Mit einem anliegenden Riesenrad wäre das Technikmuseum im gesamten Stadtgebiet erkennbar", sagt Stadtrat Schulz. Doch einen fröhlichen Rummelbetrieb durch Buden rund um das Riesenrad schließt der Baustadtrat entschieden aus: "Wir wollen keinen Freizeitpark, darüber besteht Konsens."

Was es allerdings geben wird, ist ein großer Parkplatz für die Touristenbusse. Auf einen Stellplatz für 40 Busse habe man sich geeinigt, so Schulz. Denn irgendwie müssen die künftigen Touristenströme ja angekarrt werden. Keine verlockende Aussicht für die Anwohner. Neben dem zu erwartenden Verkehrsaufkommen befürchten die Nachbarn zudem, dass das Riesenrad negative Auswirkungen auf den geplanten Park auf der Brachfläche haben könnte: "Wie kann man unbefangen in einem Park picknicken, wenn man immer im Schatten des Riesenrads bleibt?", fragt Matthias Bauer von der AG Gleisdreieck. In der Bürgerinitiative seien fast alle gegen das Rad.

Die Anwohner haben Glück im Unglück. Denn genauso wie der Park, den sie seit 20 Jahren auf dem Gleisdreieck fordern, hängt auch die Entscheidung darüber, ob es ein Riesenrad geben wird oder nicht, von einer Einigung mit der Bahntochter Vivico ab, der ein großer Teil des Geländes gehört. Bevor die Rahmenvereinbarungen mit der Vivico nicht abgeschlossen sind, wird es keine endgültigen Nutzungskonzepte auf dem Gleisdreieck geben. Bezirk und Vivico haben sich bereits geeinigt: 20 Hektar bleiben als Baufläche bei der Vivico, 16 Hektar sollen für den Park zur Verfügung stehen. Der Grund für die Verzögerungen liegt laut Baustadtrat Schulz Schulz mittlerweile woanders: Auch dem Land Berlin gehört ein Teil des Gleisdreiecks. Bei den Verhandlungen zwischen der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und der Vivico gebe es jedoch noch "erhebliche Schwierigkeiten". Die Verhandlungen liefen noch, heißt es in der Senatsverwaltung.

Die Anwohner sind frustriert: "Seit sechs Jahren nichts als Stillstand", klagt Matthias Bauer. Die AG Gleisdreieck will nun eine Genossenschaft gründen und sich als Träger für die Verwaltung und Pflege eines zukünftigen Parks bewerben. "Damit wollen wir Verantwortung und Interesse zeigen und uns auch finanziell an der Entstehung des Parks beteiligen." Die Genossenschaft könnte mehr als eine symbolische Übung werden, der Bezirk hat Interesse signalisiert.

Auch der Forderung der Anwohner, das Gleisdreieck so bald wie möglich als Erholungsgebiet zu öffnen, will der Bezirk nun nachkommen. Eine Zwischennutzungs-Übereinkunft mit der Vivico machts möglich: Ein Rundweg soll durch den südlichen Teil des Gleisdreiecks zwischen Möckern- und Yorckstraße führen. Baustadtrat Schulz rechnet mit einer Einweihung schon im Mai. "WIBKE BERGEMANN

Info-Veranstaltung: Heute, 19 Uhr, Gemeindesaal Wartenburgstraße 7

taz Berlin lokal Nr. 7307 vom 12.3.2004, Seite 23, 141 Zeilen (TAZ-Bericht), WIBKE BERGEMANN


 

8. März 2004

Presseerklärung der Fraktion der PDS in der BVV Friedrichshain-Kreuzberg

Ein Riesenrad neben dem Deutschen Technikmuseum -
Highlight oder Hindernis?

Am 3. März beriet der Stadtplanungsausschuss der BVV Friedrichshain-Kreuzberg über das Projekt der World Wheel Berlin, neben dem Deutschen Technikmuseum ein 175 Meter hohes Riesenrad mit einer so genannten Abflughalle zu errichten. Dabei wurde deutlich, dass das Projekt in seiner Planung zwar ausgereift ist, die zur Umsetzung benötigten Partner - allen voran die für die Entwicklung des Deutschen Technischen Museums zuständige Senatsverwaltung für Wissenschaft - jedoch nicht ausreichend einbezogen wurden. Zugleich kamen bei der Anhörung im Stadtteilausschuss erhebliche Bedenken zur Sprache, die den Nutzen und die Folgen des Projektes betreffen. Dazu erklärt der stadtentwicklungspolitische Sprecher der PDS-Fraktion, Joachim Pempel:

"Der Rahmenplan für die künftige Entwicklung des Gleisdreiecks ist noch immer nicht abgeschlossen. Deshalb besteht die Gefahr, dass ein bereits im vergangenen Jahr vorgelegtes Entwicklungskonzept durch die Pläne der World Wheel Berlin konterkariert wird.
Die PDS-Fraktion Friedrichshain-Kreuzberg vertritt den Standpunkt, dass erst über das Riesenradprojekt entschieden werden kann, wenn der Rahmenvertrag zur Entwicklung des Gleisdreiecks abgeschlossen ist. Die entsprechenden Verhandlungen dazu müssen zügig beendet werden.
Gleichzeitig unterstützt die Fraktion Forderungen die zum Inhalt haben, bei der Entwicklung des Gleisdreiecks dem Aspekt der Erholung einen großen Stellenwert zuzumessen. Eine reine Kommerzialisierung der Fläche stünde dem entgegen. Die Umsetzung der dritten Ausbaustufe des Deutschen Technischen Museums darf nicht durch das Riesenradprojekt behindert werden.
Mit der Entwicklung des Areals besteht die einmalige Chance, großflächige Parkanlagen zur Verbesserung der Umwelt und zum Nutzen der Bürgerinnen und Bürger anzulegen. Mit einer voreiligen Entscheidung würde diese Chance vergeben werden."

Joachim Pempel
Stadtentwicklungspolitischer Sprecher der PDS-Fraktion Friedrichshain-Kreuzberg

 

 

Berliner Morgenpost, 05.03.2004

Gericht: Autohandel muss weg

Hoffnung für die lärmgeplagten Anwohner der Bautzener Straße:

Das Verwaltungsgericht hat am Mittwoch entschieden, dass der Autohandel auf dem Gelände zwischen S-Bahn und Bautzener Straße rechtlich nicht zulässig ist, "weil er auf Bahngelände stattfindet", sagt Stadtentwicklungsdezernentin Elisabeth Ziemer (Grüne). Damit sei der Räumungsbescheid des Stadtentwicklungsamtes vom Mai vorigen Jahres rechtens gewesen.
Das Gericht hat außerdem festgelegt, dass der Hauptpächter des 10 000 Quadratmeter großen Areals bis Montag eine vollständige Liste seiner rund 30 Untermieter vorlegen muss. Bisher hatte der Inhaber der Firma Yorck Automobile dies verweigert. "Sowie wir die Liste haben, werden wir allen Untermietern kündigen", sagt die Stadträtin. Bis zum 1. Juni müsse das Gelände vollständig geräumt sein. Ziemer: "Ich hoffe, dass sich die Zustände dort endlich bessern."
ij

 

Berliner Morgenpost, 5. 03. 04

Riesenrad-Betreiber stellt Ultimatum

Investor Dirk Nishen fordert Standortentscheidung binnen drei Monaten und droht mit Abwanderung aus Berlin

Von Marie-Thérèse Nercessian

"Wir wundern uns und sind genervt", sagt Investorensprecher Dirk Nishen. "Unsere Machbarkeitsstudie haben wir bereits im vergangenen Jahr beim Kultursenator abgegeben." Jetzt werden Zeit und Geduld knapp: Die Investoren wollen ihr Riesenrad zur Fußball-WM 2006 eröffnen. "Länger als drei Monate wollen wir bis zu einer Entscheidung nicht mehr warten. Zwei weitere Städte haben bereits Interesse angemeldet."

Der Stadtplanungsausschuss der Bezirksverordneten-Versammlung stand am Mittwoch ganz im Zeichen des "World Wheel Berlin": Nishen war gekommen, um - unterstützt von einem Vertreter der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung - die Pläne für das Riesenrad neben dem Technikmuseum am Gleisdreieck zu verteidigen. Museumsdirektor Dirk Böndel, Museumsreferent Richard Dahlheim von der Kulturverwaltung und Anwohnervertreter Norbert Rheinlaender trugen ihre Bedenken vor. Statt eine Entscheidung zu treffen, ging man am Ende verunsicherter als zuvor auseinander.

"Wir befürchten eine Kommerzialisierung des Geländes", sagte Rheinlaender. "Zudem ist das eine neue Dimension, die nach weiteren Hochhäusern schreit." Museumsdirektor Böndel sieht den langfristig geplanten Ausbau seines Hauses durch das Riesenrad "erschwert oder sogar unmöglich gemacht". Auch fehle eine klare Trennung zwischen Kommerz und dem Museum mit seinem wissenschaftlichen Anspruch. "Wir haben auch Bedenken, ob sich das Projekt realisieren lässt. Eine Bauruine wäre fatal." Die Finanzierung des 60 Millionen Euro teuren Projekts stehe, versicherte Nishen. Auch Dahlheim sah die Interessen des Museums "nicht ausreichend gewahrt", überraschte die Anwesenden mit der Tatsache, dass ein Großteil des Grundstücks nicht der Bahn, sondern der Kulturverwaltung gehöre, gab aber zu, nicht ausreichend informiert zu sein. Welcher Senator ist eigentlich zuständig und wie wird die Zusammenarbeit der Verwaltungen organisiert? fragte sich danach nicht nur Gumbert Salonek von der FDP-Fraktion. "Die Zuständigkeit liegt beim Bezirk, stellte Baustadtrat Franz Schulz (Grüne) klar. "Wer das Geld hat, hat nicht automatisch die Macht." Es gebe durchaus rechtliche Mittel, einer "schleichenden Verrummelung" Riegel vorzuschieben.

Nur einer fand klare Worte: In grünem Overall trat der durch sein jahrelanges Umwelt-Engagement bekannte Naturschützer Ben Wargin vor und nannte die Diskussion eine "Form von Unkultur". Im Mai will er seinen "Anhalter Garten" am Gleisdreieck eröffnen.


Berliner Zeitung, 5. 03. 04

Das Riesenrad bewegt sich nicht

Bezirk will Hightech-Projekt erst genehmigen, wenn der Park am Gleisdreieck gesichert ist
Karin Schmidl

KREUZBERG. Erst der Park, dann (vielleicht) das Riesenrad: So lautet kurz gefasst die Haltung des Bezirks zum Gleisdreieck. Damit kommt die Planung für das 175-Meter-Rad, das bis 2006 hinterm Technikmuseum gebaut werden soll, schon zu Beginn ins Stocken. Denn wann der Vertrag über den Gleisdreieck-Park fertig ist, weiß derzeit niemand. "Die vorzeitige Genehmigung eines Einzelprojektes könnte den gesamten Park gefährden, das wollen wir nicht", begründet Baustadtrat Franz Schulz (Grüne).
Der 16 Hektar große Park soll der Ausgleich sein für die Bebauung des Potsdamer Platzes. Seit über einem Jahr verhandeln die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und die vivico, die Immobilientochter der Bahn AG. Konkret geht es um einen Flächentausch, sechs Hektar zusätzlich sollen dabei für den Park herausspringen. "Berlin bietet der Bahn ein Stück am Lehrter Bahnhof an und will dafür mehr Land am Gleisdreieck", sagt Schulz. Warum die Gespräche so lange dauern, kann er nicht erklären. In der Senatsverwaltung heißt es dazu, es seien sehr schwierige Verhandlungen. "Aber wir sind optimistisch, dass der Vertrag bis zum Sommer steht", sagt Sprecherin Petra Reetz.

Die Initiatoren des Riesenrades um den Kreuzberger Planer Dirk Nishen werden diese Zeit nutzen müssen, um alle Beteiligten von ihrem Projekt zu überzeugen. Denn die Kulturverwaltung und das Deutsche Technikmuseum stehen dem Projekt "World Wheel Berlin" äußerst reserviert gegenüber. Museumsdirektor Dirk Böndel befürchtet, das Riesenrad könnte die Pläne für einen Museums-Erweiterungsbau stören. 20 000 Quadratmeter Ausstellungsfläche sollen nämlich genau dort entstehen, wo auch das weltgrößte Riesenrad geplant ist. Die Initiatoren begründen den Standort damit, dass ihr Projekt als technische Höchstleistung sehr gut dorthin passt. Deshalb planen sie auch ein Gebäude, das Abflughalle für das Riesenrad und Museumseingang zugleich sein soll.

Die Skepsis des Museumschefs geht aber noch weiter: Ihm fehle eine klare Trennung zwischen dem Museum als Volksbildungseinrichtung und dem Kommerz, sagt er. Dass das Gleisdreieck zu einem Rummelplatz verkommen könnte, fürchten auch Anwohner. Baustadtrat Schulz beruhigt. So etwas könne per Vertrag ausgeschlossen werden. Auch Planer Nishen versucht, Bedenken zu zerstreuen: Einen Rummel wolle man auf keinen Fall, zudem verursache das Riesenrad kaum Geräusche und werden nachts nur sehr dezent beleuchtet.

Die Investoren für das 60-Millionen-Euro-Projekt stünden bereit, sagt Nishen: ein institutioneller Großanleger, Privatleute und die Betreibergesellschaft. Fördermittel brauche man nicht. Erste Verhandlungen mit dem Museum finden kommende Woche statt: Mit dem Neubau der Abflughalle, so lautet das Angebot der Investoren, könnten 12 000 Quadratmeter zusätzliche Fläche für das Museum entstehen. Stadtrat Schulz: "Da nähern sich beide Seiten doch schon an."

Öffentliche Informationsveranstaltung am 12. März um 19 Uhr im Gemeindesaal der Ev. Jesus Christus Gemeinde, Wartenburgstraße 7.


Der Tagesspiegel, 05.03.2004

Ein Golfplatz unterm Riesenrad

Neuer Investor will am Gleisdreieck eine Übungs-Anlage bauen

Am Gleisdreieck in Kreuzberg soll nicht nur ein 175-Meter-Riesenrad entstehen: Nach Tagesspiegel-Informationen ist zudem ein Golf-Übungsplatz (Driving Range) auf dem einstigen Potsdamer Güterbahnhof geplant. Die vier Hektar große Brache wurde zuletzt als Logistikzentrum für die Bebauung des Potsdamer Platzes genutzt. Die Golfanlage komme als Zwischennutzung für bis zu dreieinhalb Jahre in Frage, sagt Baustadtrat Franz Schulz (Grüne). Danach werde das Bahngelände dem Land Berlin übertragen. Derzeit verhandelt der Bezirk mit der Bahn-Tochter Vivico. Falls der Übungsplatz genehmigt wird, will die Firma als Gegenleistung einen anderen Teil des Gleisdreiecks öffentlich zugänglich machen. Die Vivico steht in Kontakt mit einem noch unbekannten Investor, der den Golfplatz bauen möchte.

Unterdessen verhandelt auch der Erlebnisgastronom Hans-Peter Wodarz mit der Bahn, damit sein Restaurant-Theater „Pomp Duck and Circumstance“ bis 2006 an der Möckernstraße bleiben kann. CD


Die Welt, 4. 03. 04

Bezirksamt gegen Pläne für größtes Riesenrad der Welt am Gleisdreieck

35 Minuten müssen reichen für eine Trauung auf wahrhaft weltstädtischem Niveau - in der Hochzeitsgondel an Bord des World Wheel Berlin. So lange jedenfalls dauert der Flug mit dem höchsten Riesenrad der Welt (175 Meter Flughöhe). Spätestens zur Fußball-WM 2006 soll sich die neue Attraktion am Gleisdreieck drehen. So planen es die Initiatorengruppe und die Investitionsgesellschaft. Doch in der Beziehung zwischen Bezirk und Initiatorengruppe kriselt es.

Zu laut, zu voll, zu hell, sei die geplante Attraktion, ließ Baustadtrat Franz Schulz (Grüne) überraschend verlauten und schlug als Alternativ-Standort den beschaulichen Plänterwald vor. "Eine kleine Ohrfeige" sei dies gewesen, sagt Dirk Nishen, Sprecher der Initiatorengruppe World Wheel Berlin. In Frage komme nur ein urbaner Standort. Schließlich wollen die Gäste ja Berlin sehen und nicht nur Wald und Wiesen.

Stadtentwicklungssenator Peter Strieder (SPD) hat bereits Wohlwollen für den Standort signalisiert. "Die Idee finden wir gut und den Standort machbar", sagte Strieders Sprecherin Petra Reetz.

"Im Frühjahr wird die Betreibergesellschaft mit Unternehmenssitz in Berlin gegründet", sagt Nishen. 60 Millionen Euro sollen investiert werden, unter anderem für den Neubau des Haupteingangs am Deutschen Technikmuseum. Um 40 Meter wird das Berliner Rad das derzeit welthöchste Riesenrad in London überragen. In 40 klimatisierte Restaurant-, Konferenz-, Bar- und Hochzeitsgondeln können jeweils 28 Fluggäste für zwölf Euro einsteigen.

Die Bedenken der Anwohner teilen die Initiatoren nicht: Es werde eine umweltverträgliche Verkehrsplanung geben, das Solarbetriebene Rad drehte sich fast geräuschlos und werde nur indirekt bei Dunkelheit beleuchtet. Nishen rechnet mit 1,3 Millionen Besuchern jährlich. Eine wirtschaftliche Machbarkeitsstudie soll die Bezirkspolitiker auf der heutigen Sitzung des Stadtplanungsausschusses überzeugen. mtn

 

Berliner Zeitung, Dienstag, 02. März 2004

Dauer-Expo am Gleisdreieck

Ein Verein will einen "Welt-Zukunftspark" in der City / Skepsis bei Behörden

Karin Schmidl

KREUZBERG. In die fast 20 Jahre dauernde Planung für einen Park auf dem Gleisdreieck hat sich ein bundesweit agierender Verein eingeschaltet. Der bundesdeutsche Arbeitskreis für umweltbewusstes Management (Baum) möchte auf der rund 60 Hektar großen Brache einen "Welt-Zukunftspark" einrichten. Eine Mixtur aus Gartenschau und Expo soll in der City unweit des Potsdamer Platzes entstehen.
"Wir haben Ideen gesammelt, um den dort geplanten Park mit Leben zu erfüllen", sagte gestern Ralf Nehm, Mitglied der Baum-Geschäftsleitung. Anders als bei einer Expo soll etwas Dauerhaftes entstehen - in Form von Pavillons, Karussells oder Gaststätten. Möglich sind auch Multimedia-Präsentationen am Wegesrand. Die alten Gebäude würden saniert und in den Zukunftspark integriert. Nehm: "Die beiden Ladestraßen etwa südlich vom Technikmuseum könnten restauriert und durch eine Glaskuppel verbunden werden." Entstehen würde so ein "Foyer der Völker", in dem Kunsthandwerker aus aller Welt ihre Waren herstellen und präsentieren. Auf den alten Gleisanlagen sollen "Waggons der Meisterschüler" als Ateliers für Künstler aufgestellt werden. Und an der Möckernstraße könnte ein Gebäude als eine Art Akademie für die Umwelterziehung eingerichtet werden.

Finanziert werden soll die Dauer-Expo mit Hilfe der Vereinsmitglieder von Baum. Firmen hätten bereits Interesse an dem 70-Millionen-Euro-Projekt signalisiert, hieß es. Natürlich müsse im Gegenzug Werbung erlaubt sein. Zustimmung zum Projekt kommt laut Nehm aus Berlins Behörden. Doch das scheint ein Missverständnis zu sein: Stadtentwicklungssenator Peter Strieder (SPD) ließ gestern ausrichten, er begrüße zwar die Idee, am Gleisdreieck etwas Attraktives zu gestalten. "Doch über das Projekt muss man sich noch sehr genau unterhalten", sagte seine Sprecherin Petra Roland. Überrascht zeigte sich der Baustadtrat von Friedrichshain-Kreuzberg, Franz Schulz (Grüne): "Vereinbart war, dass der Verein seine Ideen ausschließlich auf der Fläche des Schwechtenparks im Nordwesten spielen lassen sollte, und nun plant er plötzlich das gesamte Gelände, das ist nicht seriös." Skeptisch ist Schulz in Bezug auf die Gegenleistungen für die Firmen: "Ich kann mir nicht vorstellen, dass es überall im Park Werbetafeln gibt." Beim Grundstückseigentümer der Fläche, der Immobilientochter der Bahn AG Vivico, spricht man gar von Utopien: Losgelöst von der Realität werde etwas entwickelt, was der Markt ohnehin nicht hergebe.

 

Berliner Morgenpost, 02.03.04

Gleisdreieck: Weltzukunftspark soll Riesenrad ergänzen

Kreuzberg

Der Bundesdeutsche Arbeitskreis für umweltbewusstes Management (B.A.U.M.) möchte einen Weltzukunftspark am Gleisdreieck errichten. Der Park soll geschätzte 70 Millionen Euro kosten und eine feste Einrichtung werden. Bislang beschränke sich die Planung aber auf eine "Ideensammlung", so Ralf Nehm von der B.A.U.M.-Geschäftsführung. "Uns ist vor allem daran gelegen, die Grünflächen zu bespielen." Der Park soll Erholung und Erlebnis, Kinderfreundlichkeit und Sportmöglichkeiten, Bildung und humanitäre Hilfsprojekte in sich vereinen. Das Projekt versteht sich nicht als Konkurrenz zum ebenfalls in der Planung und Diskussion befindlichen Riesenrad am Gleisdreieck: "Das Riesenrad sehen wir als ergänzende Idee." Sowohl Stadtentwicklungssenator Peter Strieder (SPD) als auch Kreuzbergs Baustadtrat Franz Schulz (Grüne) haben ihre Zustimmung signalisiert. Auch die Anwohner sind einverstanden. "Wir sind froh, dass sich angesichts klammer Kassen überhaupt jemand für Grün begeistert", sagt Norbert Rheinlaender von der AG Gleisdreieck.

Einen Haken hat die Sache allerdings. "Wir sind kein üblicher Investor, der mit Millionen im Gepäck kommt", sagt Nehm. Die Finanzierung soll von den am Park beteiligten Unternehmen kommen: "Entweder als Naturalleistung, als Spende oder in Form von Exponaten", so Nehm. "Das soll aber keine Selbstdarstellungsshow der deutschen Industrie werden, sondern ein alltagstauglicher öffentlicher Park."

mtn