Der Tagesspiegel, Leserbrief, 24.10.2004

Riesenrad-Investoren heben ab

„Riesenrad: Investoren werben bei Bezirk“ vom 20. Oktober 2004

Werben muss man. Besonders allerdings für fragwürdige Projekte. Mit dem Verweis auf das Londoner MillenniumRiesenrad wird seitens der Gesellschaft „World Wheel Berlin“ Internationalität suggeriert, um die Provinzialität ihres Vorhabens vergessen machen zu lassen. Die sich in Berliner Dimensionen bewegende Größe (175m!) soll mit den seitens der Gesellschaft prognostizierten 1000000 (!) zahlenden Besuchern pro Jahr den Erfolg garantieren. Wer es wirklich (!) finanziert – diese Frage wird entweder nicht oder mit wolkenreichen Worten beantwortet. Gut liest sich auch die Aussage der „World Wheel Berlin“, das Risiko ohne Beanspruchung von Fördermitteln tragen zu wollen. Es stellt sich nur die Frage, wer wirklich und letztlich die Rechnung zahlt, wenn es denn „janz anders“ kommt. Ob die bisher kluge Entscheidungen treffende Senatorin für Stadtentwicklung, Frau Junge-Reyer, gut beraten wäre, sich ein solches Denkmal zu setzen?
Holger Schnaars, Berlin-Schöneberg

 

Berliner Morgenpost, 23. 10. 04

Riesenrad: Senatorin greift vorerst nicht ein

Kreuzberg

Noch sind nicht alle Hoffnungen auf ein Riesenrad in Berlin begraben. Zwar haben sich, wie berichtet, die Ausschüsse für Stadtentwicklung, Verkehr, Umwelt und Kultur der Bezirksverordneten-Versammlung klar gegen das Millionen-Projekt der "World Wheel Berlin Holding GmbH" neben dem Technikmuseum am Standort Gleisdreieck ausgesprochen. Doch besteht weiterhin die Möglichkeit, daß der Senat das Genehmigungsverfahren wegen der gesamtstädtischen Bedeutung des Vorhabens an sich zieht. "Noch gibt es keinen Beschluß der BVV", so die Reaktion von Manuela Damianakis, Sprecherin der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung. Erst wenn verbindliche Beschlüsse des Bezirks vorlägen, werde Senatorin Junge-Reyer über ein mögliches Eingreifen entscheiden. "Wir halten das Vorhaben aus touristischer und wirtschaftspolitischer Sicht für sinnvoll", sagt Brigitte Schmidt für die Senatswirtschaftsverwaltung. Es werde aber kein Entscheidungsdruck auf den Bezirk ausgeübt.

Unterdessen kritisieren die Bürger-Aktionsgemeinschaft Gleisdreieck und die Parkgenossenschaft Gleisdreieck, daß der Senat städtebauliche und landschaftsarchitektonische Argumente gegen das Riesenrad bisher abschmetterte und nur Aspekte des Stadtmarketings in den Vordergrund stelle. "Dieses Vorgehen bedeutet einen Ausverkauf der städtischen Planung", sagt Norbert Rheinlaender von der Aktionsgemeinschaft. Das Technikmuseum drohe zum Anhängsel einer Entertainmentmaschine zu werden und riskiere so seinen international guten Ruf.

fü/plet

 

Berliner Zeitung, 23. 10. 04

Nun kann nur noch der Senat das Riesenrad retten

Bezirk entscheidet sich gegen das "World Wheel Berlin"

sk.

Der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg lehnt das mit 175 Metern weltgrößte Riesenrad am Gleisdreieck ab. Eine Mehrheit des Bezirksparlaments aus Grünen, PDS und CDU stimmt am nächsten Mittwoch gegen den Standort am Deutschen Technikmuseum. Begründet wird dies mit einem unzureichenden Verkehrskonzept der Investoren für den erwarteten Zustrom von 1,2 Millionen Besuchern jährlich. Zudem stünde das Riesenrad zu nahe an den Wohnhäusern entlang der Möckernstraße. Anwohnerinitiativen befürchten wie die Museumsleitung, dass mit dem Projekt ein Rummelplatz neben der Bildungseinrichtung entstünde.

Die Investoren wollen ihr 60-Millionen-Euro-Projekt über die Delbrück-Dethmann-Maffai-Bank, eine Tochter der holländischen ABN-Amro-Bank, finanzieren. Fördermittel wollen sie nicht. Ihr Riesenrad bezeichnen sie als Hightech-Attraktion, die sehr gut zum Technik-Museum passe. Dafür wollen sie 12 000 Quadratmeter Land kaufen. Vom Erlös, fünf Millionen Euro, soll das Land dem Museum zwei Millionen auszahlen. Dazu erhielte es einen neuen Eingangsbereich und 2 000 Quadratmeter mehr Ausstellungsfläche. Seit April reden beide Seiten über eine Kooperation, etwa über gemeinsame Gastronomie und Werbung. Bislang ergebnislos. Museumsdirektor Dirk Böndel: "Wenn wir andere Partner finden, die dasselbe Geld aufbringen, entscheinden wir uns für diese."

Jetzt setzen die Investoren nach Aussage ihres Sprechers Dirk Nishen auf den Senat: "Es muss an oberster Stelle entschieden werden, was wird, wir wollen das Riesenrad gerne in Berlin bauen." Vorstellbar wäre auch ein anderer Standort - wie etwa an der Flottwellpromenade im Nordwesten des Gleisdreiecks. Nishen: "Aber dort kostet das Grundstück dreimal so viel wie das am Museum, das würde sich für uns nicht rechnen, muss also geklärt werden." (sk.)

 

Tagesspiegel, 22. 10. 04

Bezirkspolitiker gegen Riesenrad am Gleisdreieck

Bezirkspolitiker in Friedrichshain-Kreuzberg haben das geplante 175-Meter-Riesenrad am Gleisdreieck gestern mit großer Mehrheit abgelehnt. Das übereinstimmende Votum von vier Ausschüssen gilt als Vorentscheidung für die Bezirksverordnetenversammlung am kommenden Mittwoch. Kritiker befürchten ein Verkehrschaos und einen „Rummel“. Verwirrung löste gestern der Brief einer niederländischen Bank aus. In dem Schreiben steht, die Bank habe entgegen anderslautender Darstellungen nicht zugesagt, das Projekt zu finanzieren. Investorensprecher Dirk Nishen zeigte sich überrascht und kündigte eine rasche Klärung an. CD

 

Der Tagesspiegel, 20.10.2004

Riesenrad: Investoren werben bei Bezirk

Die Investoren für ein 175 Meter hohes Riesenrad am Gleisdreieck haben mit Nachdruck den Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg um Zustimmung für das Projekt gebeten. In einem Offenen Brief wies die Gesellschaft „World Wheel Berlin“ am Dienstag auf den Erfolg des Londoner Millennium-Riesenrads an der Themse hin. An diesem Donnerstag will der zuständige Bezirksausschuss über das 60 Millionen Euro teure Rad in der Nähe des Technikmuseums am Landwehrkanal entscheiden, das das weltgrößte seiner Art werden soll.

Die Investoren betonten, in London sei das Riesenrad zu einem dauerhaften Wahrzeichen geworden. Arbeitsplätze seien entstanden, Touristen und Londoner seien begeistert. Grüne und PDS im Bezirksparlament sind gegen das Projekt. Das Riesenrad würde zusätzlichen Verkehr anziehen und das Technikmuseum zu sehr dominieren. Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD), die das Riesenrad trotz Ablehnung des Bezirks genehmigen könnte, wollte keine Stellungnahme abgeben. dpa

 

Berliner Morgenpost , 19. Oktober 2004

Ausschüsse debattieren über das Riesenrad

Kreuzberg

Übermorgen wollen die Investoren des umstrittenen Riesenrades am Gleisdreieck einen letzten Versuch unternehmen, die Bezirksverordneten von ihrem Projekt zu überzeugen. Grüne und PDS lehnen es bislang ab. Gleich vier Ausschüsse der Bezirksverordneten-Versammlung befassen sich auf einer gemeinsamen Sitzung mit dem 175 Meter hohen "World Wheel Berlin".

Hauptvorwürfe der Grünen: Das Riesenrad passe nicht in die Umgebung, die Besucherströme würden sich negativ auf das angrenzende Wohngebiet auswirken. "Das Konzept und die Finanzierung überzeugen uns nicht", heißt es aus der PDS-Fraktion. Am 27. Oktober wird die BVV abstimmen. Projektentwickler Dirk Nishen von der World Wheel Berlin Holding GmbH: "Wir weisen in einem Konzept nach, daß keine wirkliche Verkehrsbelastung entsteht." Maximal 200 Parkplätze seien erforderlich. "Wir hoffen, daß wir die PDS-Verordneten umstimmen können, denn mit PDS-Wirtschaftssenator Harald Wolf haben wir kein Problem." Doch auch die SPD-Fraktion ist noch unsicher, wie sie abstimmen wird. Die Investoren hoffen, daß Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD) das Genehmigungsverfahren an sich zieht, falls die BVV das Vorhaben abschmettert.

"Wir sollten erst die Abstimmung der nächsten Woche abwarten", sagt Manuela Damianakis, Sprecherin der Senatsverwaltung. Die Senatorin halte das Riesenrad für möglich, jedoch nicht für die einzige Lösung. "Wichtig ist, daß das Grundstück verkauft wird und dort ein Park entsteht."
saf

 

Berliner Zeitung, 18. 10. 2004

Das Riesenrad kommt nicht in Schwung

Wenn der Bezirk den 60-Millionen-Euro-Bau am Gleisdreieck ablehnt, bitten die Investoren die Senatorin um Hilfe

Karin Schmidl

Es ist nicht leicht, in Berlin etwas Neues zu wagen. Diese Erfahrung müssen derzeit auch die Investoren für das weltgrößte Riesenrad machen, das am Gleisdreieck, unmittelbar hinter dem Deutschen Technik-Museum, entstehen soll. 175 Meter hoch, mit 40 verglasten Gondeln, die nicht nur für die Sightseeing-Runde über Berlin da sein sollen, sondern auch als Konferenzort oder Raum für Feiern. Was sich eben so erledigen lässt in etwa 40 Minuten.

Doch die 60-Millionen-Euro-Investition der niederländischen ABN Amro-Bank kommt nicht in Schwung. Geht es nach der Mehrheit im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg, der das Bauwerk genehmigen muss, wird es das "World Wheel Berlin" auch nie geben: Nach den Grünen lehnte jetzt auch die PDS das Projekt ab. Zur Begründung heißt es, der zusätzliche Touristenverkehr würde die Anwohner stören, die Bildungseinrichtung Museum würde "zum Anhängsel eines dominanten Kommerzes" und der geplante Park zum Rummelplatz verkommen. Damit ist die Mehrheit im Bezirksparlament, das am 27. Oktober abstimmen will, gegen das Riesenrad. Baustadtrat Franz Schulz (Grüne): "Dies teile ich den Investoren dann so mit."

Für den Bezirk scheint die Sache erledigt. Doch die Investoren geben nicht auf. "Wir wollen in Berlin eine Attraktion bauen und brauchen keine Fördermittel, wieso sollen wir also blockiert werden", fragt ihr Sprecher Dirk Nishen. Immer wieder erklärt er, dass am Gleisdreieck kein Rummelplatz entstehen soll, sondern ein technisches Meisterwerk, das zugleich mehr Besucher zum Museum bringen werde. Zudem erhalte das Technik-Museum einen neuen Eingangsbereich und 3 000 Quadratmeter zusätzlicher Ausstellungsfläche. Mit dem Technik-Museum ist die Betreibergesellschaft von "World Wheel Berlin" seit Wochen in Verhandlungen. Denn das Riesenrad soll genau dort stehen, wo seit 20 Jahren der Erweiterungsbau des Museums geplant ist. Für diese Investition hat Berlin aber kein Geld. Für den Fall, dass der Bezirk das Riesenrad tatsächlich ablehnt, wollen die Investoren die Stadtentwicklungsverwaltung des Senats bitten, das Verfahren an sich zu ziehen. Senatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD) gilt als Befürworterin des Projekts. "Es würde an diesen Standort passen und wäre ein gutes Angebot für Berlin", sagt sie. Möglich ist also, dass die Stadtentwicklungsverwaltung, die den Standort am Gleisdreieck ausgesucht hatte, das Riesenrad gegen den Willen des Bezirks genehmigt.

Irritiert von der Haltung im Bezirk ist man auch in der Senatswirtschaftsverwaltung. Hatte doch Senator Harald Wolf (PDS) erst unlängst gemeinsam mit Unternehmensverbänden eine so genannte Wachstumsinitiative für Berlin gestartet. Darin wird dem Tourismus eine entscheidende Rolle zugemessen und die Schaffung besserer Rahmenbedingungen für Firmenansiedlungen versprochen. "Der Bezirk sollte sich genau überlegen, was er will und was nicht", sagt Wolfs Sprecher Christoph Lang. Riesenrad und Museum würden sich gut ergänzen. Wenn jemand eine gute Idee habe, diese plausibel durchrechne und alle davon profitierten, wieso solle er es nicht machen dürfen, so Lang.

Mit ihrer Ablehnung fällt die PDS Friedrichshain-Kreuzberg ihrem eigenen Senator in den Rücken. Während dieser Investoren umwirbt, heißt es bei den Genossen im Bezirk: "In Zeiten fehlender öffentlicher Gelder ist die Versuchung groß, privaten Investoren den roten Teppich auszurollen - wir halten ihr in diesem Falle gerne stand."

 

 

Der Tagesspiegel, 17.10.2004

Grünende Landschaften

6300 Hektar Parkflächen hat Berlin – und es werden mehr. Bauboom und Ausgleichszahlungen von Investoren machen’s möglich

Von Matthias Oloew

Berlin hat kein Geld, doch in der Stadt gibt es immer neue Parks. Ursache ist der Bauboom der vergangenen Jahre. Finanziert werden neue Grünanlagen mit Ausgleichsmitteln: Geld, das Investoren zahlen mussten, weil sie Bäume gefällt oder Flächen versiegelt haben. 1992 hatte Berlin 4000 Hektar Grünflächen, heute sind es 6300 Hektar. Und es werden immer mehr.

Noch im Herbst beginnen laut Stadtentwicklungsverwaltung die Arbeiten für einen fünf Hektar großen Park am Nordbahnhof in Mitte. „Er soll 2006 fertig sein“, sagt Beate Profé, Referatsleiterin für das Stadtgrün. Für eine andere große Grünfläche, ebenfalls aus Ausgleichsmitteln finanziert, gibt es noch keinen Zeitplan: das Gleisdreieck. Zwischen Schöneberg, Kreuzberg und Tiergarten ist ein großer Park mit Spielplätzen vorgesehen, dessen Kosten im Wesentlichen die Bauherren vom Potsdamer Platz tragen. Weil die Bahn, DaimlerChrysler, Sony und weitere Investoren ihre Türme und Bahnhöfe errichtet haben, mussten sie zahlen – für einen neuen Park. Ein zweistelliger Millionenbetrag parkt seitdem auf einem Konto der Stiftung Naturschutz. Allein DaimlerChrysler zahlte vor zehn Jahren 15 Millionen Mark (7,5 Millionen Euro) ein. Passiert ist bis heute nichts. Noch immer gehören die benötigten Grundstücke nicht dem Land, und auch die Frage, ob im Park nahe dem Technikmuseum eine großes Riesenrad stehen wird, ist offen.

Das Geld ist zweckgebunden. Neue Straßenbäume können davon nicht gekauft werden, obwohl sich der Senat auch hier ein ehrgeiziges Ziel gesetzt hat. 500000 Bäume sollen in Zukunft an Berlins Straßen stehen, rund 416000 sind es jetzt. Zum Vergleich: 1949, vier Jahre nach Kriegsende, waren es 190000, Ende 1990 bereits 371000. Der Schwund, der durch die Stürme der letzten Jahre entstanden war, ist nach Profés Angaben bis heute nicht ausgeglichen.

Werden ausgewachsene Bäume gefällt, wie jetzt am Lauenburger Platz in Steglitz oder demnächst am Rosa-Luxemburg-Platz in Mitte, errechnet die Verwaltung nach einem standardisierten Verfahren, wie viele Jungpflanzen als Ausgleich gesetzt werden müssen. So kommt es, dass für zwei Hainbuchen, die in Steglitz gefällt werden, 40 neue Bäume gepflanzt werden. „Das muss dann nicht unbedingt an Ort und Stelle sein“, sagt Profé. Es geht auch anderswo im Bezirk.

Um den Grünanteil in baumlosen Teilen der Innenstadt zu erhöhen, hat die Verwaltung für diese Bereiche Landschaftspläne festgesetzt, in denen der so genannte Biotopflächenfaktor (BFF) eine wichtige Rolle spielt. Dieser gibt bei einem Neubau an, wie das Verhältnis zwischen Haus und Grün auf dem jeweiligen Grundstück sein muss. Um dem BFF Rechnung zu tragen, können Bauherren Dächer begrünen, Kletterpflanzen an Fassaden wachsen lassen oder asphaltierte Höfe aufreißen und Rabatten anlegen. Zu den Bezirken, in denen diese Landschaftspläne gelten, gehören vor allem Mitte und Kreuzberg-Friedrichshain.

 

Berliner Morgenpost, 24.09.2004

Streit um Riesenrad geht in nächste Runde

Auch beim Bürgerpark Gleisdreieck nur schleppender Fortgang

Von Guido Hartmann und Steffen Pletl

Kein Riesenrad auf dem Areal des Gleisdreiecks! Diese Forderung an den Senat wollten jetzt die Fraktionen von Grünen und PDS in Friedrichshain-Kreuzberg mit einem Beschluss der Bezirksverordneten-Versammlung (BVV) zementieren. Nur mit Hilfe der Geschäftsordnung konnte die SPD-Fraktion ein Votum der BVV verhindern und einen Aufschub der Abstimmung um einen Monat erwirken. Dann wollen Grüne und PDS vom Bezirksamt erneut fordern, in den Verhandlungen mit dem Senat das geplante Riesenrad auf dem Gleisdreieck zu kippen. Dafür zeichnet sich eine Mehrheit in der BVV ab, Grüne und PDS verfügen über 30 Stimmen gegenüber 25 von SPD, CDU, FDP und Fraktionslosen.

"Ein Votum des Bezirkes gegen den Riesenradbau würden wir bedauern, doch letztlich muss der Senat über das Für und Wider entscheiden", sagt Dirk Nishen, Sprecher der für den Riesenradbau gegründeten World Wheel Berlin Holding GmbH. Währenddessen sieht die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung keine Einwände gegen das Vorhaben. "Wir werden die Option für dieses Projekt am Gleisdreieck offen halten", sagt Sprecherin Manuela Damianakis. Mittlerweile ist jedoch auch die Senatsverwaltung für Kultur in das Verfahren um das mit mehr als 170 Metern Höhe weltgrößte Riesenrad eingebunden. Dort beobachte man das Projekt "mit gewisser Skepsis", sagte ein Vertreter der Verwaltung im Ausschuss für Stadtentwicklung des Abgeordnetenhauses. Das Riesenrad dürfe das benachbarte Deutsche Technikmuseum (DTM) keineswegs zu einem "Anhängsel" reduzieren, hieß es. Zudem müssten für eine mögliche Pleite des Riesenrads bereits die Abrisskosten gesichert sein. Um die Besucherströme bewältigen zu können, die durch das möglicherweise noch auszubauende DTM und das Riesenrad ausgelöst würden, habe man "in diesen Tagen" erst einmal ein Verkehrsgutachten in Auftrag gegeben, so der Vertreter der Senatskulturverwaltung. Diese Aussage brachten sowohl Claudia Hämmerling (Grüne) wie auch Jürgen Radebold von der SPD in Rage. Seit Jahren werde turnusmäßig in den Ausschüssen über die Nutzung des Gleisdreiecks - mit 62 Hektar Fläche die letzte große Brache in der Innenstadt - diskutiert, ohne dass es sichtbare Fortschritte gebe. "Und jetzt wird auf einmal ein Verkehrsgutachten in Auftrag gegeben", sagte Radebold ungläubig.

Wenigstens beim geplanten Bürgerpark gibt es offenbar kleine Fortschritte. Nach Angaben eines Vertreters der Bahn-Immobilientochter Vivico ist der Rahmenvertrag mit dem Senat über Aufteilung der Flächen unterschriftsreif - zumindest auf "Arbeitsebene."

Für die Bürgerinitiative AG Gleisdreieck forderte Christian Schmidt-Hermsdorf die Abgeordneten eindringlich auf, den seit Jahren versprochenen Bürgerpark realisieren zu helfen.

 

 

10. 09. 2004

Städtebaulicher Rahmenvertrag für das Gleisdreieck anstatt Anstrengungen für ein Riesenrad

Die Pressemitteilung der PDS im Wortlaut, PDF-Dokument

 

Ein Leserbrief, den der Tagesspiegel nicht abdrucken wollte, 29. 08. 04
als Anwort auf den Tagesspiegel-Artikel vom 22.08.2004 "Einfach nur drehen – Riesenrad ohne Rummel "

Fatale Verknüpfung

Im Tagesspiegel vom 22. 08. 04 wird der Eindruck erweckt, die Finanzierung des Gleisdreieck-Parks sei abhängig von 2 Mio €, die durch ein Grundstücksgeschäft mit dem Riesenradbetreiber für das Land Berlin abfallen. Dies ist falsch. Die Finanzierung des Gleisdreieck-Parks ist seit Mitte der 90er Jahre gesichert. Damals haben die Investoren vom Potsdamer Platz insgesamt 22,5 Mio € auf ein Konto der Stiftung Naturschutz einbezahlt, damit auf dem Gleisdreieck ökologische Ausgleichsmassnahmen realisiert werden können. Dieses Geld (sowie die seitdem angefallenen Zinsen) können sofort abgerufen werden, wenn der Park realisiert wird.

Was hat es nun auf sich mit dem 2-Mio-Geschäft ? In den Verhandlungen mit dem Grundstückseigentümer Vivico hat sich das Land Berlin breitschlagen lassen, im nördlichen Bereich des Anhalter Güterbahnhofs aus einer Nicht-Baufläche (siehe aktuell gültigen Flächennutzungsplan, der dort Grün und Kultur vorsieht) eine Baufläche zu machen. Dadurch steigt der Grundstückswert von 40 €/m² auf 300 - 400 €/m². Die Wertsteigerung realisiert die Vivico, indem das Land Berlin ihr die "teure" Fläche abkauft und an den Betreiber des Riesenrads weitergibt, so daß 2 Mio übrig bleiben.

Mit der umstrittenen Standortwahl für das Riesenrad und dem zweifelhaften Grundstücksgeschäft hat die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung sich selbst und alle anderen Beteiligten in eine fatale Situation gebracht: ohne das Geschäft mit dem Riesenradbetreiber müsste das Land Berlin den städtebaulichen Rahmenvertrag mit dem Grundstückseigentümer Vivico neu verhandeln, ohne diesen Vertrag muß der Park weiter auf die Realisierung warten, obwohl die Flächen seit 1998 brachliegen und die Finanzierung gesichert ist ...

Matthias Bauer, Aktionsgemeinschaft Gleisdreieck

 

Der Tagesspiegel, 24.08.2004

PRO & Contra

84 Prozent wollen kein Riesenrad

Eine große Mehrheit der Teilnehmer an unserem Pro & Contra vom Sonntag ist nicht der Meinung, dass Berlin ein 175 Meter hohes Riesenrad mitten in der Stadt braucht: 84 Prozent der Anrufer stimmten gegen das Projekt am Gleisdreieck. Die Beteiligung war ungewöhnlich hoch. „Mit einem so klaren Ergebnis hätte ich nicht gerechnet“, sagte der Direktor des Deutschen Technikmuseums, Dirk Böndel. Er sieht in den Plänen der Investoren sowohl „Vor- als auch Nachteile“ für sein Haus. Das Museum führe nach wie vor Gespräche mit den Senatsverwaltungen für Bauen und für Kultur, dem Bezirksamt und den Investoren. Die Entscheidung müsse „auf jeden Fall im Herbst fallen“. Die Investoren um Dirk Nishen – den Erfinder der einstigen Infobox am Potsdamer Platz – drängen auf Eile. Denn sie wollen das Riesenrad bis zur Fußball-WM 2006 in Betrieb nehmen. Die zu diesem Zeitpunkt erwarteten Besuchermassen sind ein Teil des Finanzierungskonzepts. Investorensprecher Nishen war nicht für eine Stellungnahme erreichbar. Die Namen seiner Geschäftspartner sind weiterhin unbekannt. Die Senatsbauverwaltung will zunächst die „Entscheidungsfindung der Beteiligten“ abwarten, wie ein Sprecher gestern sagte. Senatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD) halte das Projekt generell für „machbar“. Die Investoren müssten aber noch nachweisen, dass keine Investitionsruine drohe. Eine Argumentationshilfe bedeutet die Lesermeinung für die „Aktionsgemeinschaft Gleisdreieck“. Diese lehnt das Vorhaben in Hinblick auf den seit Jahren geplanten Park am Gleisdreieck ab. CD

 

Berliner Zeitung, 26.08.2004

Riesenrad kommt in Fahrt

Pläne für neue Attraktion am Gleisdreieck werden konkret / Direktor des Technikmuseums findet zunehmend Gefallen am Projekt

In die Diskussion um das Riesenrad, das eine private Betreibergesellschaft am Gleisdreieck bauen will, kommt neuer Schwung. Am Montag wollen Vertreter der Betreiber und der Berliner Behörden über das Projekt verhandeln. Dabei geht es auch schon um Details. Etwa darum, wie eine enge Kooperation zwischen dem Riesenrad und seinem unmittelbaren Nachbarn, dem Technikmuseum, machbar ist.

"Unsere Ideen reichen dabei von einem gemeinsamen Eingangsbereich über ein Kombi-Ticket für beide Attraktionen bis zum gemeinsamen Restaurant", sagt der Sprecher der Betreiber-Holding, Dirk Nishen. Reden könne man zudem über einen zusätzlichen Ausstellungspavillon fürs Museum, den die Riesenrad-Investoren bauen wollen.

Das Technikmuseum hatte bislang die größten Bedenken gegen das "World Wheel Berlin". Am meisten fürchtet man einen Imageschaden, wenn nebenan kommerzielle Unterhaltung geboten wird. "Wir wollen nicht, dass unser Haus, das einen Bildungsauftrag hat, als Anhängsel eines Riesenrades gesehen wird", sagt Museumsdirektor Dirk Böndel. Zudem soll das Rad genau dort stehen, wo seit 20 Jahren der Erweiterungsbau des Museums geplant ist. Die Investoren des "World Wheel Berlin" wollen der Senatsverwaltung für Kultur gut 12 000 Quadratmeter abkaufen, für sieben Millionen Euro. 3 000 Quadratmeter Ausstellungsfläche bekäme das Museum von den Investoren geschenkt. "Das ist lange nicht so viel wie geplant, aber immer noch besser als nichts", sagt der Museumsdirektor. Jetzt sei man dabei, alle Vor- und Nachteile gegeneinander abzuwägen. Vorteile fürs Museum sieht Böndel nämlich inzwischen auch: "Wir würden auf alle Fälle bekannter werden und bekämen vielleicht sogar mehr Besucher."

Zur Fußball-WM 2006 fertig

Eine enge Kooperation zwischen beiden Einrichtungen wird auch von Tourismusforschern empfohlen: Nur so, heißt es in einem Gutachten, könne das Museum vom Riesenrad profitieren. Profitieren könnten sogar die Anwohner, die bislang das Riesenrad ablehnen, weil sie um ihre Ruhe fürchten. Die Fläche um das Riesenrad, die noch der Bahnimmobilientochter Vivico gehört, muss das Land ohnehin ankaufen, für den dort geplanten Park. Kosten: fünf Millionen Euro. Zwei Millionen hätte man dann sogar übrig - für das Museum.

Auch darum dürfte es bei den Verhandlungen am Montag gehen. Die Architekten von Museum und Riesenrad reden jedenfalls schon über die Gestaltung des Eingangsbereichs. Auch Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD) ist optimistisch: "Wenn sich Museum und Riesenradbetreiber einigen, kann das Projekt eine gute Sache für Berlin sein." Zum ersten Mal drehen soll sich das Rad zur Fußball-Weltmeisterschaft 2006.

Autor: Karin Schmidl

Konferenz in verglasten Gondeln // Das höchste Riesenrad der Welt ist bislang das "London Eye" am Themse-Ufer in der britischen Hauptstadt. Mit seinen 135 Metern ist es seit 1999 zu einer Touristenattraktion geworden. In Peking soll sich vom Jahr 2007 an ein 210 Meter hohes Riesenrad drehen.

Das World Wheel Berlin soll 175 Meter hoch werden, mit 40 verglasten Gondeln, darunter spezielle Gondeln für Tagungen (mit Internetanschluss und Catering) und Hochzeitsfeiern (mit Restaurant). Eine Runde soll 35 bis 40 Minuten dauern.

Der Investor ist der größte niederländische Bankkonzern ABN Amro. Das Unternehmen, das vom Umsatz her das achtgrößte Bankhaus Europas ist und in mehr als 50 Ländern arbeitet, will 60,5 Millionen Euro in das Riesenrad stecken.

Zwei Spezialfirmen aus den Niederlanden sollen das Riesenrad bauen. Eine war schon beim "London Eye" beteiligt.

Gebaut werden soll das Rad auf einer Fläche am Gleisdreieck, die der Senatsverwaltung für Kultur gehört. Genau dort soll seit 20 Jahren der Erweiterungsbau des Technik-Museums entstehen.

Die Investoren wollen dem Land Berlin die Fläche abkaufen und streben eine Kooperation mit dem Museum an. Das Motto: Technische Meisterwerke als Nachbarn.

 

Tagesspiegel, 22.08.2004

Einfach nur drehen – Riesenrad ohne Rummel

Die geplante Touristenattraktion soll dem Technikmuseum nicht schaden. Investoren versprechen, dass sie am Gleisdreieck kein Spektakel aufziehen

Von Matthias Oloew

Das Ding wird die Silhouette der Stadt verändern: Mit seinen 175 Metern im Durchmesser wäre das Riesenrad am Technikmuseum höher als die Türme am Potsdamer Platz, aber wesentlich kleiner als der Fernsehturm. Ganz oben wäre das Rad nur wenige Meter niedriger als die bislang höchste Aussichtsplattform nahe dem Alexanderplatz. Kein Wunder also, wenn eine heftige Debatte läuft.

Die Befürworter sind natürlich die Investoren. Sie versprechen eine einzigartige Attraktion, die dauerhaft Scharen von Touristen in die Stadt locken würde. Ihre Schätzungen gehen davon aus, dass jährlich 1,2 bis 1,4 Millionen Besucher kommen werden, um mit dem Riesenrad zu fahren. Sie ködern mit einer spektakulären Aussicht. In London, wo das Vorbild steht, könne man an klaren Tagen 40 Kilometer weit sehen. Da das Berliner Rad noch 40 Meter höher als das Pendant an der Themse sein soll, werde man am Landwehrkanal noch weiter sehen können. Die Investoren um den Ideengeber Dirk Nishen versprechen, dass rund um das Riesenrad kein Rummel aufgebaut werden soll. Geplant sei ausschließlich eine Halle für die Kassen und Warteschlangen, die es – da hegen sie keine Zweifel – sicherlich geben werde.

Gegner des Projekts sind vor allem die Mitglieder der Aktionsgemeinschaft Gleisdreieck, die an der Stelle lieber einen Park sehen wollen. Einen Park wollen auch der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg und die Stadtentwicklungsverwaltung des Senats. Beide Behörden wissen aber, dass der Park am Gleisdreieck noch lange auf sich warten lässt, wenn die Finanzierung für ihr Projekt nicht steht. Sie sind also offen für die Werbeversuche der Investoren, die ein Koppel-Geschäft vorschlagen: Ihr gebt uns das Grundstück für das Riesenrad, dafür bekommt ihr ein Grundstück, das wir kaufen und das wertvoller ist als euers. Die Stadt würde bei diesem Handel zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Erstens wäre Geld für den Park da (immerhin zwei Millionen Euro) und zweitens wäre genügend Platz für einen Erweiterungsbau des Technikmuseums geschaffen.

An diesem Punkt fängt die Senatskulturverwaltung an mitzumischen. Sie möchte auf keinen Fall das Museum nur zum Anhängsel des Riesenrades werden lassen. Sie befürchtet darüber hinaus, das Riesenrad könne in Zukunft private Geldgeber oder Sponsoren davon abbringen, sich bei einem Weiterbau des Technikmuseums zu beteiligen. Auch die Museumsleitung selbst ist nicht gerade begeistert von den Riesenrad-Plänen. Zu erdrückend sei allein die schiere Größe des geplanten Rades, das sich 2006 zum ersten Mal drehen soll.

Museum und Riesenrad könnten aber nur bei einer engen Kooperation voneinander profitieren. Das sagt zumindest eine eigens beauftragte Studie eines Hamburger Freizeitforschungsinstituts. Bei einer Konkurrenz zwischen beiden werde das Museum sicherlich verlieren.

Eine Kooperation kann sich Kultursenator Thomas Flierl (PDS) schwerlich vorstellen. Er gilt ohnehin nicht als Freund solcher Riesenrad-Pläne, versuchte er als Baustadtrat von Mitte einst auch den bunten Touristen-Ballon am Potsdamer Platz zu verhindern. Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge- Reyer (SPD) formuliert ihre Zustimmung nicht so euphorisch wie ihr Amtsvorgänger Peter Strieder, aber sie lässt keinen Zweifel: „Das Riesenrad ist aus stadtplanerischer Sicht machbar.“


Der Tagesspiegel, 22.08.2004

PRO & Contra, Zwei Meinungen

Braucht Berlin ein Riesenrad mitten in der Stadt?

Pro Riesenrad

Die Abgeordneten des britischen Unterhauses, durchaus traditionsbewusst, haben sich nicht aufgeregt. Und Big Ben mit der großen Uhr ist weiterhin ein Anziehungspunkt für die Touristen. Dabei wird der Turm des Parlaments seit einigen Jahren weit überragt von dem Riesenrad, das nicht fern davon auf der andern Seite der Themse steht. Das London Eye gehört inzwischen zum Stadtbild dazu, zumal es wegen seiner filigranen Bauweise nicht massig wirkt. Die fahrende Aussichtsplattform – die Gondeln bewegen sich einmal in dreißig Minuten im Kreis – hat das bis vor wenigen Jahren städtebaulich eher vernachlässigte Gebiet aufgewertet.

Ein privates, ohne Belastung für den Landeshaushalt finanziertes Riesenrad auf dem Gleisdreieck wäre ebenfalls eine Attraktion, um das derzeit abgelegene Gelände jenseits des Potsdamer Platzes zu entwickeln – zusammen mit dem Technik-Museum. Kooperationsmöglichkeiten zu beider Nutzen sind vorstellbar. Beide Einrichtungen zusammen machen es für Besucher noch reizvoller, sich für den Weg zum Gleisdreieck zu entscheiden. Dass selbst Kunst und Riesenrad nebeneinander funktionieren, kann man in London sehen. Dort ist kürzlich direkt neben dem London Eye die berühmte Saatchi-Gallery eingezogen.

Gerd Nowakowski

Contra Riesenrad

Riesenräder sind unnütz und verschandeln das Stadtbild. Sie sind ein Relikt des frühen Industriezeitalters, als der neue Werkstoff Stahl groß in Mode kam. Das erste Riesenrad der Welt, 1893 für die Weltausstellung in Chicago gebaut, sollte den Eiffelturm übertrumpfen. Es wurde 1906 verschrottet. Das Rad im Wiener Prater wurde 1896 zu Kaisers Thronjubiläum gebaut. Es entging dem Abbruch 1916 mit knapper Not, weil die Stadt kein Geld dafür hatte. Das dritte Vorbild für ein Riesenrad am Gleisdreieck ist das London Eye, ein Produkt des Millenniumwahns. Auch kein schöner Anblick. Aber protzig und eine teure Touristenfalle. Ein Riesenrad, 175 Meter hoch, wird Berlin schon von weitem eine zweifelhafte Rummel-Atmosphäre verschaffen. Als hätten wir davon nicht schon genug. Im Zusammenspiel mit Würstchenbuden und ähnlichen Serviceunternehmen wird sich mitten in der Stadt eine neue Fremdenverkehrsattraktion etablieren. Eine Attraktion zweiter Klasse. Schlimmer noch: Das wunderbare Technikmuseum, für das man Zeit und Aufmerksamkeit mitbringen muss, würde vermutlich zur Riesenrad-Beigabe deklassiert. Einmal rauf, einmal runter für 15 Euro, und dann kauft man sich im Museum noch rasch ein paar Postkarten. Berlin hat so viel erdulden und erleben müssen. Es muss sich nicht auch noch rädern lassen.

Ulrich Zawatka-Gerlach

 

Leserbriefe an den Tagesspiegel am 22. 08. 04, die ersten drei wurden abgedruckt, der vierte Leserbrief nicht:

Riesenrad wird nicht rundlaufen

„Das Riesenrad gewinnt an Fahrt“ vom 16. August 2004

Riesenrad und Museum haben nichts miteinander zu tun! Ein megalomanisches Riesenrad ist kein technisches Meisterwerk, sondern ein anachronistischer Technik-Dinosaurier, den man beim Naturkunde-Museum unterbringen müsste. Und weil das Ungetüm natürlich größer sein müsste als das in London, kann man bei gutem Wetter sogar 40 Kilometer weit sehen – obwohl da „nischt als Jejend“ ist. Wenn beide, Riesenrad und Museum, gemeinsame Sache machten und gemeinsame Eintrittsgebühren erhöben, so heißt es, würden beide „profitieren“. Warum dann nicht aus dem Mühlenteich des Museums einen Whirlpool machen und aus dem Museumspark eine Oktoberfestwiese?

Günther Gottmann, Berlin-Zehlendorf

 

Ich komme gerade von einer Studienreise England/Schottland. In London stand das Riesenrad still. Der Millennium Dome ist pleite! Wenn dort eine Umdrehung 17 Euro kostet, werden es hier nach der Fertigstellung 20 Euro sein. Die Renten werden gekürzt und Millionen Deutsche füllen jetzt die Hartz-IV-Fragebögen aus. Und die Planer, Stadtentwickler, Politiker und Investoren sind so herzerfrischend damenhaft, dass sie die Augen davor verschließen, dass eine Familie kaum 200 Euro für diesen Tag des Riesenradbesuches haben dürfte! Die Verantwortlichen müssten vor dem Riesenrad Geld verteilen, damit die Arbeitslosen und Sozialrentner mitfahren können. Ich unterstelle, dass das auch den Touristen zu teuer wird. Wie beim Tempodrom wird es eine Katastrophe geben.

Gunter Thomas, Berlin-Lichterfelde

 

Unter uns Berlinern mal Hand aufs Herz. Wat jibt et von da oben denn zu sehen? Nüscht! Oder warum ist der Hi-Flyer immer so leer? Die meisten Berlin-Touristen sind „Wiederholungstäter“. Sie fahren einmal mit, dann haben sie es gemerkt. Und was soll ein 175 Meter hohes Gammelteil neben dem Museum und mitten im neuen Park? Müssen wir zum x-ten Mal die Erfahrung machen, dass ein Abriss viel mehr kostet, als man vorher „gedacht“ hat?

Torsten Schöppler, Berlin-Kreuzberg

Leserbrief, den der Tagesspiegel nicht abdrucken wollte:

Betrifft: Tagesspiegel, 16.08.2004, "Das Riesenrad gewinnt an Fahrt"

Tourismus-Gutachten sieht Zusammenarbeit
zwischen Riesenrad und Technikmuseum sehr skeptisch

Das Gutachten des Hamburger B.A.T Freizeit-Forschungsinstitut, über das der Tagesspiegel am 16. 08. 04 berichtet hat, liegt seit Mai 2004 vor. Die Kurzfassung kann auf http://www.berlin-gleisdreieck.de/Seiten/aktuelles/aktuelles_Frameset01.htm nachgelesen werden. Anders als der Tagesspiegel in seinem Bericht vom 16. 08. 04 behauptet, wird die Zusammenarbeit zwischen Riesenrad und Deutschem Technikmuseum eher skeptisch gesehen. Hier ein kurzes Zitat aus dem Gutachten: " . . . Das Museum . . . dürfte kaum von den Riesenradbesuchern profitieren können . . . Hinsichtlich des Images besteht das Risiko, dass der Wert des DTMB unter der Dominanz des WWB (World Wheel Berlin) leiden könnte . . . Die Besucher werden nicht in der Lage sein, die verschiedenen Angebote WWB und DTMB voneinander zu trennen . . ."

Mit freundlichen Grüßen

Matthias Bauer

Aktionsgemeinschaft Gleisdreieck

 

Berliner Morgenpost, 18. 08. 04

Vages "Ja" zum Riesenrad am Gleisdreieck

Kreuzberg

"Wenn Riesenradbetreiber und das Technikmuseum sich einigen, dann werden wir das Vorhaben unterstützen", sagt Joachim Günther, Sprecher Senatsverwaltung für Stadtentwicklung. Damit zieht sich die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung auf die Position des von ihr in Auftrag gegebenen Gutachtens zum Für und Wider des Baus des weltgrößten Riesenrads mit zirka 150 Meter Höhe am Gleisdreieck zurück. Demnach wird in dem mehr als 50 Seiten umfassenden Papier unter der Voraussetzung für den Bau eines Riesenrads auf dem Plateau vor dem Technikmuseum zugestimmt, sofern es ein gemeinsames Miteinander gibt. Während der Museumschef für den geplanten Bau des mehr als 150 Meter hohen Riesenrads vor der eigenen Haustür ernsthafte Bedenken anmeldet, versuchen die Investoren des Riesenrads die Vorbehalte aus dem Weg zu räumen. "Das Riesenrad als Attraktion bringt auch für das Technikmuseum Popolarität", sagt Investorensprecher Dirk Nishen. Zudem soll dort kein Rummelplatz entstehen. Mehr als 60 Millionen Euro will eine aus- und inländische Investorengruppe in das "technische Wunderwerk" stecken. "Hierfür bedarf es jedoch einer politischen Entscheidung durch den Senat ", sagt Nishen. Diese könnte bereits Ende September fallen. Denn die Gespräche zwischen ihm und dem Chef des Technikmuseums scheinen einen gemeinsamen Nenner zu finden. So werde zum Beispiel derzeit über die Möglichkeiten eines Kombitickes verhandelt oder auch die Möglichkeiten, Gegenstände des Museums auf dem Areal des Riesenrads öffentlich auszustellen

 

Tagesspiegel, 16.08.2004

Das Riesenrad gewinnt an Fahrt

Senatsgutachten: Von Millionen-Projekt neben Technikmuseum könnten beide Einrichtungen profitieren

Von Matthias Oloew

Die Diskussion um den Bau eines Riesenrades am Gleisdreieck erhält neue Impulse. Grundlage sind die Ergebnisse eines Gutachtens, das die Stadtentwicklungsbehörde in Auftrag gegeben hat. Die Ergebnisse hat die Verwaltung von Senatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD) bisher nicht öffentlich gemacht. Seit gut vier Wochen liegt das Gutachten auf dem Tisch. Die Kernaussage: Das Deutsche Technikmuseum könnte durch die direkte Nachbarschaft des geplanten Riesenrades an Attraktivität gewinnen. Voraussetzung wäre aber eine sehr enge Kooperation von Museum und Riesenrad. Dann könnten beide profitieren und zu einem Besuchermagneten werden. Ohne eine solche Zusammenarbeit würde das Technik-Museum unter der Konkurrenz leiden.

Geplant ist der Bau eines 175 Meter hohen Riesenrades nach dem Vorbild in London. Es wäre allerdings noch 40 Meter höher als das Pendant an der Themse. Vorgesehen ist, das Rad auf der Fläche der alten Eisenbahnschuppen entlang der Möckernstraße in Kreuzberg zu errichten. Das wäre direkt neben dem Technikmuseum und nur ein paar Schritte entfernt von der großen Grünanlage, die sich Bezirk und Senat am Gleisdreieck wünschen. Sowohl Bezirk als auch Senat wollen aber dem Technikmuseum keine Konkurrenz machen. Die möglichen Auswirkungen des Riesenrades untersuchte deshalb das BAT-Freizeitforschungsinstitut von Horst W. Opaschowski aus Hamburg.

Die Kernaussagen des Gutachtens bestätigte ein Sprecher der Stadtentwicklungsverwaltung gegenüber dem Tagesspiegel. Genauere Angaben über den Inhalt machte er jedoch nicht. Fest steht jedoch: Wenn das Riesenrad als Unternehmen für sich steht, dann verliert das Technikmuseum. Die erwarteten 1,2 bis 1,4 Millionen Besucher pro Jahr würden schon so viel Geld für eine Fahrt mit dem Riesenrad ausgeben, dass nur ein Bruchteil von ihnen bereit wäre, noch einmal Geld für einen Eintritt im Technikmuseum zu bezahlen. Ein anderes Bild ergibt sich bei einer engen Patenschaft zwischen beiden, wenn zum Beispiel Museumseintritt und Fahrt mit dem Riesenrad als Kombi-Ticket zu haben wären, das Riesenrad quasi als eine Attraktion des Museums verkauft werden würde. Dann würde auch das Technikmuseum von den Besucherströmen profitieren.

Doch die Bereitschaft zu einer solchen Kooperation ist bei der Museumsleitung nicht besonders ausgeprägt. Zu tief sitzt die Angst, künftig nur noch ein Anhängsel des Riesenrades zu sein. Gegen das Museum will aber keine Verwaltung entscheiden. „Der Bezirk ist dafür, wenn das Museum profitiert“, sagt Baustadtrat Franz Schulz (Grüne). Junge-Reyer sorgt sich darüber hinaus über finanzielle Risiken: „Ich werde keine Investitionsruine dulden oder ein Risiko eingehen, dass in irgendeiner Weise das Land in die Pflicht genommen werden kann, um das Rad bei einer Insolvenz zu Ende zu bauen.“

Anfang September soll zwischen den beteiligten Verwaltungen eine Entscheidung fallen. Das weiß auch der Riesenrad-Investor und lockt mit einem Grundstücksdeal. Er würde für 5,4 Millionen Euro eine Fläche kaufen, die das Land bräuchte, um langfristig geplante Erweiterungsbauten des Technikmuseums zu realisieren. Im Gegenzug erhielte er die weit weniger wertvolle Fläche, auf der er sein Riesenrad bauen will, die aber im Besitz des Landes ist. Berlin würde auf diesem Weg gut zwei Millionen Euro gewinnen und käme dem Ziel, einem attraktiven Park am Gleisdreieck, ein Stück näher.

 

 

Berliner Zeitung 03.08.2004
Autor: Birgit Walter, Nikolaus Bernau

Schöne Aussichten

In Berlin soll das größte Riesenrad der Welt entstehen. Wer braucht das?

Der Stadt Berlin soll ein Riesenrad geschenkt werden, das 1,3 Millionen Besucher jährlich lockt. Mit 175 Metern Höhe würde es für einige Zeit das größte Rad der Welt sein, das von allüberall zu sehen ist. Und was sagt die Stadt? Sie sagt: Schaun wir mal. Dem Deutschen Technik-Museum am Gleisdreieck soll vom Investor überdies ein großer neuer Eingangsbau errichtet werden, dazu der Rohbau eines Ausstellungspavillons. Er verspricht Hunderttausende zusätzlicher Besucher. Und was sagt das Museum? - Och, lieber nicht.

Die Berliner Kulturverwaltung soll ein bisher unbebaubares Grundstück mitten im einstigen Eisenbahngelände gegen ein benutzbares an dessen Rand tauschen dürfen, dabei zwei Millionen Euro übrig behalten für den Ausbau ihres Technik-Museums. Und was sagen die Kulturverwalter: Wie sieht denn das aus!

Sind wir umzingelt von Undank? Und was geht es überhaupt die Kulturverwaltung an, wenn ein Unternehmer Vergnügungsmaschinen aufstellen will? Nun, das Ressort wäre mit Sicherheit nicht um seine Meinung gebeten worden, befände sich nicht zufällig das Grundstück für das künftige Riesenrad in seinem Besitz. Einmal gefragt, legte es aber gleich los mit seiner Bedenkenträgerei und rief als erstes nach einem Insolvenzplan mit Notkasse für den Abriss. Kommt es zu einer Pleite, soll der Bauherr für die Entsorgung der Rad-Reste zahlen müssen, und nicht Berlin. Das Tempodrom hat der Stadt, wenn schon sonst nichts Gutes, so doch ein Vorsichts-Syndrom hinterlassen.

Wie sieht denn das aus?

Die Kulturverwalter machen sich Sorgen, dass das Riesenrad die Stadtsilhouette empfindlich stören könnte. Immerhin handelt es sich um ein kolossales Bauwerk, der Eingang wird "Abflughalle" genannt, die Aussichtsplattform des Berliner Fernsehturmes ist nur 28 Meter höher als das Riesenrad. Tatsächlich hat sich die Senatsbauverwaltung bisher gegen Hochhäuser an dieser Stelle gewehrt. Nun ist ein Bauwerk in Planung, das auf Animationsbildern durchsichtig erscheint, aber in Wirklichkeit von erschütternder Dominanz sein wird. Man kann in London studieren, wie stark das nur 135 Meter hohe Riesenrad London's Eye am Themse-Ufer die Stadtansicht prägt. Der Direktor des Technik-Museums, Dirk Böndel, hat das Berliner Riesenrad und seine Umgebung als Modell im Maßstab 1:87 (H0-Modelleisenbahnformat) bauen lassen. Er sagt: "Das sieht schrecklich aus. Es passt nicht in die Stadtlandschaft."

Außerdem fürchtet er um das Image seines Museums, das Teil des kommerziellen Rummels werden könnte, zum "Museum am Riesenrad". Der Eingangsbereich und die Ausstellungshalle, die die Riesenrad-Unternehmer hinstellen würden, wären zwar von Nutzen für das Museum. Andererseits sind die künftig geplanten Ausbauten von 20 000 bis 25 000 Quadratmetern nur mit Hilfe von Mäzenen möglich. Doch welcher Mäzen spendet schon für eine Institution, die nach außen hin nur noch ein Anhängsel ist?

Fraglich ist, ob das Museum tatsächlich von den Besuchern des Riesenrades profitieren kann. Eine Hamburger Studie im Auftrag der Bauverwaltung bezweifelt das. Sowohl zeitlich als auch finanziell spreche vieles dagegen, dass sich Riesenradfahrer auch noch für einen anschließenden Museumsbesuch erwärmten. Das Ansehen des Museums würde eher leiden durch den Gegenssatz von Bildungs- und Unterhaltungsangebot.

Längst hat sich auch eine Bürgerinitiative gegen das Riesenrad in Position gebracht. Auch sie sorgt sich um die Stadtansicht, vor allem aber um die Ruhe der Wohngebiete in Kreuzberg und Schöneberg. Zwar läuft das Riesenrad nach Angaben der künftigen Betreiber völlig geräuschlos. Doch Tausende werden für Autos und Busse einen Parkplatz suchen. Bis zu 11 500 Besucher werden täglich erwartet, eine Werbebroschüre spricht sogar von 21 000. Die Sprecherin der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Petra Roland, weiß über eine Verkehrsplanung dennoch überhaupt nichts. Die Kulturverwaltung solle eine Konzeption vorlegen, "Synergieeffekte" prüfen, vorher werde ihre Verwaltung "überhaupt nicht aktiv".

Das erstaunt, weil sich das Rad bereits zur Fußballweltmeisterschaft 2006 drehen soll. Entweder der Termin ist nicht zu halten, oder es wird nicht gebaut, oder die Baugenehmigungen genehmigen sich wie von selbst.

Auf Variante drei wird Dirk Nishen hoffen, Sprecher der Investoren, die das World Wheel Berlin bauen wollen. Nishen verbreitet Optimismus. Man befinde sich in einem "äußerst konstruktiven Prozess", wiederholt er mehrmals, die Zusammenarbeit mit allen Verwaltungen, mit dem Bezirk und dem Museum laufe ganz ausgezeichnet. Ja, die Fußball-WM, das sei ein "sehr ehrgeiziger" Zeitplan, aber noch zu schaffen. Auch mit den Bürgerinitiativen werde man sich schon einig, so Nishen. Denn hier werde ja definitiv kein Rummel stattfinden, sondern eine Freizeit-Attraktion.

Darauf legt er Wert - Würstchenbuden würden nur stören, denn es handele sich um eine "mediale Inszenierung" mit 48 gläsernen Gondeln, drehbaren Böden und einer 3 000 Quadratmeter großen Abflughalle. Wirklich phantastisch. 60 Millionen Euro sollen verbaut werden. Die Finanzierung sei mehrfach von den kapitalgebenden Banken geprüft worden. Aber warum hat das viel kleinere Londoner Riesenrad 108 Millionen Euro gekostet, während für die Berliner Konstruktion nur 60 Millionen geplant sind? Dazu kann Nishen nichts sagen, es hänge vielleicht damit zusammen, dass es in Berlin ein freies Baufeld gebe, in London dagegen wurde mitten im Zentrum gebaut.

Das erklärt nicht die Differenz von 48 Millionen Euro, wirft aber noch eine andere Frage auf: Warum soll das Riesenrad eigentlich ausgerechnet hier stehen? Von "London's Eye" blickt man auf die City von London, auf Westminister, auf die St. Pauls Kathedrale, den Schiffsverkehr der Themse. Charlie Chaplin nannte diese Silhouette den schönsten Großstadtblick der Welt. Vom Berliner Riesenrad blickt man dagegen auf die Blöcke Kreuzbergs und Schönebergs. Zu sehen sind zu Parks umgewandelte Bahnanlagen, die Wände des Potsdamer Platzes, Hochhäuser an der Leipziger Straße und der Fernsehturm steht schon in weiter Ferne.

Berlin ist nicht London

Das soll Geschäftsleute locken, ihre Verhandlungen in einer Konferenz-Gondel abzuschließen? Mit dem Drehcafe im Fernsehturm hat das Riesenrad eine Aussichts-Konkurrenz, die kaum zu schlagen ist. Von hier aus sieht man Berlins Mitte, die Museumsinsel, den Alexanderplatz. Vom Riesenrad aus werden selbst die Gedächtniskirche und die City West nur ein Schattengrundriss sein. Das sei der Standort, den Berlin dem Investor angeboten habe, sagt Nishen. Die Stadt tut gut daran, ewige Aussichten auf ein Riesenrad gründlich zu prüfen.

 

Mietermagazin, August 2004

Gleisdreieck

Wer will Parkbesitzer werden?

Mit rund 62 Hektar ist das Gleisdreieck die größte noch unbebaute Freifläche im Zentrum Berlins. "Auf dem Gleisdreieck ist für die nächsten Jahre die Entwicklung neuer, lebendiger Stadtquartiere geplant", verkündet der Grundstückseigentümer, die "Vivico Real Estate". Für den auf dem Gelände geplanten Park streitet seit kurzem die Parkgenossenschaft Gleisdreieck.

Nachdem bereits seit mehreren Jahren auf dem Gleisdreieck die Erlebnisgastronomie "Pomp Duck and Circumstance" gastiert, kann die gleiche vermögende Klientel demnächst auf dem Gelände auch golfen. "Global Golf Berlin" eröffnet auf dem Gelände eine Driving Range mit Clubhaus. Im Gegensatz zum von "World Wheel Berlin" geplanten Riesenrad handelt es sich hierbei allerdings um Zwischennutzungen. Trotzdem: Alle Aktivitäten richten sich an ein zahlungskräftiges Publikum, die Anwohner bleiben außen vor.

Bereits 1990 hatte es einen Wettbewerb "Sechs Ideen für einen Park" im Rahmen der geplanten Bundesgartenschau 1995 gegeben. Circa 60 Hektar Grünflächen sollten entstehen. Nach der deutschen Wiedervereinigung wurde das Gelände für die Baulogistik am Potsdamer Platz gebraucht. 1994 wurden im Bebauungsplan Potsdamer Platz 16 Hektar Ausgleichsfläche auf dem Gleisdreieck festgeschrieben - zu wenig, fanden Bürgerinitiativen. Sie schlossen sich zu Beginn des Jahres 2000 zur Aktionsgemeinschaft Gleisdreieck zusammen, um gemeinsam für einen Park zu streiten. Denn das Eisenbahnimmobilienmanagement, der Vorgänger der Vivico Real Estate, blockierte seit Jahren mit der juristischen Konstruktion "planfestgestelltes Bahngelände" alle im Flächennutzungsplan, dem Planwerk Innenstadt und dem Bebauungsplanentwurf des Bezirks Kreuzberg vorgesehenen Parkprojekte - obwohl die Flächen offensichtlich nicht mehr für Bahnzwecke benötigt wurden. Die Kommune könnte deshalb die Entlassung aus der so genannten "Planfeststellung" beim Eisenbahnbundesamt beantragen - wenn sie wollte. Aber der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg scheut sich offensichtlich, die Verantwortung für einen neuen Park zu übernehmen, obwohl seit 1998 20 Millionen Euro auf einem Konto bei der Stiftung Naturschutz liegen und sofort abgerufen werden könnten. Die Pflege würde die Parkgenossenschaft Gleisdreieck übernehmen, die sich im März diesen Jahres gegründet hat.

Norbert Rheinlaender vom Vorstand der Parkgenossenschaft, die bereits über 30 Mitglieder hat, nennt als Vorbilder die Community Gardens in Manhattan und Detroit. Diese Bewegung hat der städtischen Verwaltung, die in den 70er Jahren in die Rolle des größten Besitzers abbruchreifer Wohnungen geraten war, viele verwahrloste Grundstücke zur Gartennutzung durch die Nachbarschaft abgerungen. Andere Projekte sind Greenwich Peninsular in London und der Parc de la Villette in Paris. Aber auch in Deutschland gibt es Beispiele: Der Bürgerpark Bremen wird seit 137 Jahren durch einen privaten Verein getragen. Warum soll das nicht auch in Berlin funktionieren?

Mit einem Eintrittsgeld von 25 Euro ist man dabei, ein Geschäftsanteil kostet 50 Euro. Matthias Bauer von der Parkgenossenschaft: "Wir hoffen, dass möglichst viele Einzelpersonen, Vereine und Institutionen Mitglied werden und sich an der Gestaltung des Parks beteiligen." Bei Ben Wargin im Anhalter Garten in der Ladestraße kann jeder schon mit zupacken. Erstes Projekt der Genossenschaft ist das Anlegen von Wegen auf dem Parkgelände. Hinweisschilder sollen über die natur- und heimatkundliche sowie industrie- und kulturgeschichtliche Bedeutung einzelner Orte auf dem Gelände informieren. Wenn die Genossenschaft stark genug ist, will sie mit dem Bezirk, dem Land, der Vivico und anderen Eigentümern Überlassungsverträge aushandeln, um Flächen für den Park zu pachten oder zu kaufen.

Franz Schulz, Baustadtrat von Friedrichshain-Kreuzberg, kann sich vorstellen, dass "einige Brachen von Bürgerinitiativen als Gärten oder Spielplätze angelegt und gepflegt werden", und auch die Senatorin für Stadtentwicklung, Ingeborg Junge-Reyer, will sich bei der Gestaltung des Gleisdreiecks "mehr auf die Bürger einlassen". Die wollen weder Golfplätze noch das Riesenrad, sondern ihren Park.

Rainer Bratfisch