Ein Leserbrief, den der Tagesspiegel
nicht abdrucken wollte, 29. 08. 04
als Anwort auf den Tagesspiegel-Artikel
vom 22.08.2004 "Einfach nur drehen –
Riesenrad ohne Rummel "
Fatale Verknüpfung
Im Tagesspiegel vom 22. 08.
04 wird der Eindruck erweckt, die Finanzierung
des Gleisdreieck-Parks sei abhängig von
2 Mio €, die durch ein Grundstücksgeschäft
mit dem Riesenradbetreiber für das Land
Berlin abfallen. Dies ist falsch. Die Finanzierung
des Gleisdreieck-Parks ist seit Mitte der 90er
Jahre gesichert. Damals haben die Investoren
vom Potsdamer Platz insgesamt 22,5 Mio €
auf ein Konto der Stiftung Naturschutz einbezahlt,
damit auf dem Gleisdreieck ökologische
Ausgleichsmassnahmen realisiert werden können.
Dieses Geld (sowie die seitdem angefallenen
Zinsen) können sofort abgerufen werden,
wenn der Park realisiert wird.
Was hat es nun auf sich mit
dem 2-Mio-Geschäft ? In den Verhandlungen
mit dem Grundstückseigentümer Vivico
hat sich das Land Berlin breitschlagen lassen,
im nördlichen Bereich des Anhalter Güterbahnhofs
aus einer Nicht-Baufläche (siehe aktuell
gültigen Flächennutzungsplan, der
dort Grün und Kultur vorsieht) eine Baufläche
zu machen. Dadurch steigt der Grundstückswert
von 40 €/m² auf 300 - 400 €/m².
Die Wertsteigerung realisiert die Vivico, indem
das Land Berlin ihr die "teure" Fläche
abkauft und an den Betreiber des Riesenrads
weitergibt, so daß 2 Mio übrig bleiben.
Mit der umstrittenen Standortwahl
für das Riesenrad und dem zweifelhaften
Grundstücksgeschäft hat die Senatsverwaltung
für Stadtentwicklung sich selbst und alle
anderen Beteiligten in eine fatale Situation
gebracht: ohne das Geschäft mit dem Riesenradbetreiber
müsste das Land Berlin den städtebaulichen
Rahmenvertrag mit dem Grundstückseigentümer
Vivico neu verhandeln, ohne diesen Vertrag muß
der Park weiter auf die Realisierung warten,
obwohl die Flächen seit 1998 brachliegen
und die Finanzierung gesichert ist ...
Matthias Bauer, Aktionsgemeinschaft
Gleisdreieck
Der Tagesspiegel, 24.08.2004
PRO & Contra
84 Prozent wollen kein Riesenrad
Eine große Mehrheit der Teilnehmer an unserem Pro & Contra
vom Sonntag ist nicht der Meinung,
dass Berlin ein 175 Meter hohes Riesenrad mitten in
der Stadt braucht: 84 Prozent der Anrufer
stimmten gegen das Projekt am Gleisdreieck. Die Beteiligung
war ungewöhnlich hoch. „Mit einem
so klaren Ergebnis hätte ich nicht gerechnet“, sagte
der Direktor des Deutschen Technikmuseums,
Dirk Böndel. Er sieht in den Plänen der Investoren
sowohl „Vor- als auch Nachteile“ für sein
Haus. Das Museum führe nach wie vor Gespräche mit den
Senatsverwaltungen für Bauen und für
Kultur, dem Bezirksamt und den Investoren. Die Entscheidung
müsse „auf jeden Fall im Herbst
fallen“.
Die Investoren um Dirk Nishen – den Erfinder der einstigen
Infobox am Potsdamer Platz – drängen
auf Eile. Denn sie wollen das Riesenrad bis zur Fußball-WM
2006 in Betrieb nehmen. Die zu
diesem Zeitpunkt erwarteten Besuchermassen sind ein
Teil des Finanzierungskonzepts.
Investorensprecher Nishen war nicht für eine Stellungnahme
erreichbar. Die Namen seiner
Geschäftspartner sind weiterhin unbekannt.
Die Senatsbauverwaltung will zunächst die „Entscheidungsfindung
der Beteiligten“ abwarten, wie
ein Sprecher gestern sagte. Senatorin Ingeborg Junge-Reyer
(SPD) halte das Projekt generell für
„machbar“. Die Investoren müssten aber noch nachweisen,
dass keine Investitionsruine drohe.
Eine Argumentationshilfe bedeutet die Lesermeinung
für die „Aktionsgemeinschaft Gleisdreieck“.
Diese lehnt das Vorhaben in Hinblick auf den seit Jahren
geplanten Park am Gleisdreieck ab. CD
Berliner Zeitung, 26.08.2004
Riesenrad kommt in Fahrt
Pläne für neue Attraktion am Gleisdreieck
werden konkret / Direktor des Technikmuseums
findet zunehmend Gefallen am Projekt
In die Diskussion um das Riesenrad, das eine
private Betreibergesellschaft am Gleisdreieck
bauen will, kommt neuer Schwung. Am Montag wollen
Vertreter der Betreiber und der Berliner Behörden
über das Projekt verhandeln. Dabei geht
es auch schon um Details. Etwa darum, wie eine
enge Kooperation zwischen dem Riesenrad und
seinem unmittelbaren Nachbarn, dem Technikmuseum,
machbar ist.
"Unsere Ideen reichen dabei von einem
gemeinsamen Eingangsbereich über ein Kombi-Ticket
für beide Attraktionen bis zum gemeinsamen
Restaurant", sagt der Sprecher der Betreiber-Holding,
Dirk Nishen. Reden könne man zudem über
einen zusätzlichen Ausstellungspavillon
fürs Museum, den die Riesenrad-Investoren
bauen wollen.
Das Technikmuseum hatte bislang die größten
Bedenken gegen das "World Wheel Berlin".
Am meisten fürchtet man einen Imageschaden,
wenn nebenan kommerzielle Unterhaltung geboten
wird. "Wir wollen nicht, dass unser Haus,
das einen Bildungsauftrag hat, als Anhängsel
eines Riesenrades gesehen wird", sagt Museumsdirektor
Dirk Böndel. Zudem soll das Rad genau dort
stehen, wo seit 20 Jahren der Erweiterungsbau
des Museums geplant ist. Die Investoren des
"World Wheel Berlin" wollen der Senatsverwaltung
für Kultur gut 12 000 Quadratmeter abkaufen,
für sieben Millionen Euro. 3 000 Quadratmeter
Ausstellungsfläche bekäme das Museum
von den Investoren geschenkt. "Das ist
lange nicht so viel wie geplant, aber immer
noch besser als nichts", sagt der Museumsdirektor.
Jetzt sei man dabei, alle Vor- und Nachteile
gegeneinander abzuwägen. Vorteile fürs
Museum sieht Böndel nämlich inzwischen
auch: "Wir würden auf alle Fälle
bekannter werden und bekämen vielleicht
sogar mehr Besucher."
Zur Fußball-WM 2006 fertig
Eine enge Kooperation zwischen beiden Einrichtungen
wird auch von Tourismusforschern empfohlen:
Nur so, heißt es in einem Gutachten, könne
das Museum vom Riesenrad profitieren. Profitieren
könnten sogar die Anwohner, die bislang
das Riesenrad ablehnen, weil sie um ihre Ruhe
fürchten. Die Fläche um das Riesenrad,
die noch der Bahnimmobilientochter Vivico gehört,
muss das Land ohnehin ankaufen, für den
dort geplanten Park. Kosten: fünf Millionen
Euro. Zwei Millionen hätte man dann sogar
übrig - für das Museum.
Auch darum dürfte es bei den Verhandlungen
am Montag gehen. Die Architekten von Museum
und Riesenrad reden jedenfalls schon über
die Gestaltung des Eingangsbereichs. Auch Stadtentwicklungssenatorin
Ingeborg Junge-Reyer (SPD) ist optimistisch:
"Wenn sich Museum und Riesenradbetreiber
einigen, kann das Projekt eine gute Sache für
Berlin sein." Zum ersten Mal drehen soll
sich das Rad zur Fußball-Weltmeisterschaft
2006.
Autor: Karin Schmidl
Konferenz in verglasten Gondeln // Das höchste
Riesenrad der Welt ist bislang das "London
Eye" am Themse-Ufer in der britischen Hauptstadt.
Mit seinen 135 Metern ist es seit 1999 zu einer
Touristenattraktion geworden. In Peking soll
sich vom Jahr 2007 an ein 210 Meter hohes Riesenrad
drehen.
Das World Wheel Berlin soll 175 Meter hoch
werden, mit 40 verglasten Gondeln, darunter
spezielle Gondeln für Tagungen (mit Internetanschluss
und Catering) und Hochzeitsfeiern (mit Restaurant).
Eine Runde soll 35 bis 40 Minuten dauern.
Der Investor ist der größte niederländische
Bankkonzern ABN Amro. Das Unternehmen, das vom
Umsatz her das achtgrößte Bankhaus
Europas ist und in mehr als 50 Ländern
arbeitet, will 60,5 Millionen Euro in das Riesenrad
stecken.
Zwei Spezialfirmen aus den Niederlanden sollen
das Riesenrad bauen. Eine war schon beim "London
Eye" beteiligt.
Gebaut werden soll das Rad auf einer Fläche
am Gleisdreieck, die der Senatsverwaltung für
Kultur gehört. Genau dort soll seit 20
Jahren der Erweiterungsbau des Technik-Museums
entstehen.
Die Investoren wollen dem Land Berlin die Fläche
abkaufen und streben eine Kooperation mit dem
Museum an. Das Motto: Technische Meisterwerke
als Nachbarn.
Tagesspiegel,
22.08.2004
Einfach nur drehen – Riesenrad ohne
Rummel
Die geplante Touristenattraktion soll dem Technikmuseum
nicht schaden. Investoren versprechen, dass
sie am Gleisdreieck kein Spektakel aufziehen
Von Matthias Oloew
Das Ding wird die Silhouette der Stadt verändern:
Mit seinen 175 Metern im Durchmesser wäre
das Riesenrad am Technikmuseum höher als
die Türme am Potsdamer Platz, aber wesentlich
kleiner als der Fernsehturm. Ganz oben wäre
das Rad nur wenige Meter niedriger als die bislang
höchste Aussichtsplattform nahe dem Alexanderplatz.
Kein Wunder also, wenn eine heftige Debatte
läuft.
Die Befürworter sind natürlich die
Investoren. Sie versprechen eine einzigartige
Attraktion, die dauerhaft Scharen von Touristen
in die Stadt locken würde. Ihre Schätzungen
gehen davon aus, dass jährlich 1,2 bis
1,4 Millionen Besucher kommen werden, um mit
dem Riesenrad zu fahren. Sie ködern mit
einer spektakulären Aussicht. In London,
wo das Vorbild steht, könne man an klaren
Tagen 40 Kilometer weit sehen. Da das Berliner
Rad noch 40 Meter höher als das Pendant
an der Themse sein soll, werde man am Landwehrkanal
noch weiter sehen können. Die Investoren
um den Ideengeber Dirk Nishen versprechen, dass
rund um das Riesenrad kein Rummel aufgebaut
werden soll. Geplant sei ausschließlich
eine Halle für die Kassen und Warteschlangen,
die es – da hegen sie keine Zweifel –
sicherlich geben werde.
Gegner des Projekts sind vor allem die Mitglieder
der Aktionsgemeinschaft Gleisdreieck, die an
der Stelle lieber einen Park sehen wollen. Einen
Park wollen auch der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg
und die Stadtentwicklungsverwaltung des Senats.
Beide Behörden wissen aber, dass der Park
am Gleisdreieck noch lange auf sich warten lässt,
wenn die Finanzierung für ihr Projekt nicht
steht. Sie sind also offen für die Werbeversuche
der Investoren, die ein Koppel-Geschäft
vorschlagen: Ihr gebt uns das Grundstück
für das Riesenrad, dafür bekommt ihr
ein Grundstück, das wir kaufen und das
wertvoller ist als euers. Die Stadt würde
bei diesem Handel zwei Fliegen mit einer Klappe
schlagen: Erstens wäre Geld für den
Park da (immerhin zwei Millionen Euro) und zweitens
wäre genügend Platz für einen
Erweiterungsbau des Technikmuseums geschaffen.
An diesem Punkt fängt die Senatskulturverwaltung
an mitzumischen. Sie möchte auf keinen
Fall das Museum nur zum Anhängsel des Riesenrades
werden lassen. Sie befürchtet darüber
hinaus, das Riesenrad könne in Zukunft
private Geldgeber oder Sponsoren davon abbringen,
sich bei einem Weiterbau des Technikmuseums
zu beteiligen. Auch die Museumsleitung selbst
ist nicht gerade begeistert von den Riesenrad-Plänen.
Zu erdrückend sei allein die schiere Größe
des geplanten Rades, das sich 2006 zum ersten
Mal drehen soll.
Museum und Riesenrad könnten aber nur
bei einer engen Kooperation voneinander profitieren.
Das sagt zumindest eine eigens beauftragte Studie
eines Hamburger Freizeitforschungsinstituts.
Bei einer Konkurrenz zwischen beiden werde das
Museum sicherlich verlieren.
Eine Kooperation kann sich Kultursenator Thomas
Flierl (PDS) schwerlich vorstellen. Er gilt
ohnehin nicht als Freund solcher Riesenrad-Pläne,
versuchte er als Baustadtrat von Mitte einst
auch den bunten Touristen-Ballon am Potsdamer
Platz zu verhindern. Stadtentwicklungssenatorin
Ingeborg Junge- Reyer (SPD) formuliert ihre
Zustimmung nicht so euphorisch wie ihr Amtsvorgänger
Peter Strieder, aber sie lässt keinen Zweifel:
„Das Riesenrad ist aus stadtplanerischer
Sicht machbar.“
Der Tagesspiegel,
22.08.2004
PRO & Contra,
Zwei Meinungen
Braucht Berlin ein Riesenrad mitten in der
Stadt?
Pro Riesenrad
Die Abgeordneten des britischen Unterhauses,
durchaus traditionsbewusst, haben sich nicht
aufgeregt. Und Big Ben mit der großen
Uhr ist weiterhin ein Anziehungspunkt für
die Touristen. Dabei wird der Turm des Parlaments
seit einigen Jahren weit überragt von dem
Riesenrad, das nicht fern davon auf der andern
Seite der Themse steht. Das London Eye gehört
inzwischen zum Stadtbild dazu, zumal es wegen
seiner filigranen Bauweise nicht massig wirkt.
Die fahrende Aussichtsplattform – die
Gondeln bewegen sich einmal in dreißig
Minuten im Kreis – hat das bis vor wenigen
Jahren städtebaulich eher vernachlässigte
Gebiet aufgewertet.
Ein privates, ohne Belastung für den Landeshaushalt
finanziertes Riesenrad auf dem Gleisdreieck
wäre ebenfalls eine Attraktion, um das
derzeit abgelegene Gelände jenseits des
Potsdamer Platzes zu entwickeln – zusammen
mit dem Technik-Museum. Kooperationsmöglichkeiten
zu beider Nutzen sind vorstellbar. Beide Einrichtungen
zusammen machen es für Besucher noch reizvoller,
sich für den Weg zum Gleisdreieck zu entscheiden.
Dass selbst Kunst und Riesenrad nebeneinander
funktionieren, kann man in London sehen. Dort
ist kürzlich direkt neben dem London Eye
die berühmte Saatchi-Gallery eingezogen.
Gerd Nowakowski
Contra Riesenrad
Riesenräder sind unnütz und verschandeln
das Stadtbild. Sie sind ein Relikt des frühen
Industriezeitalters, als der neue Werkstoff
Stahl groß in Mode kam. Das erste Riesenrad
der Welt, 1893 für die Weltausstellung
in Chicago gebaut, sollte den Eiffelturm übertrumpfen.
Es wurde 1906 verschrottet. Das Rad im Wiener
Prater wurde 1896 zu Kaisers Thronjubiläum
gebaut. Es entging dem Abbruch 1916 mit knapper
Not, weil die Stadt kein Geld dafür hatte.
Das dritte Vorbild für ein Riesenrad am
Gleisdreieck ist das London Eye, ein Produkt
des Millenniumwahns. Auch kein schöner
Anblick. Aber protzig und eine teure Touristenfalle.
Ein Riesenrad, 175 Meter hoch, wird Berlin schon
von weitem eine zweifelhafte Rummel-Atmosphäre
verschaffen. Als hätten wir davon nicht
schon genug. Im Zusammenspiel mit Würstchenbuden
und ähnlichen Serviceunternehmen wird sich
mitten in der Stadt eine neue Fremdenverkehrsattraktion
etablieren. Eine Attraktion zweiter Klasse.
Schlimmer noch: Das wunderbare Technikmuseum,
für das man Zeit und Aufmerksamkeit mitbringen
muss, würde vermutlich zur Riesenrad-Beigabe
deklassiert. Einmal rauf, einmal runter für
15 Euro, und dann kauft man sich im Museum noch
rasch ein paar Postkarten. Berlin hat so viel
erdulden und erleben müssen. Es muss sich
nicht auch noch rädern lassen.
Ulrich Zawatka-Gerlach
Leserbriefe an den Tagesspiegel am 22. 08.
04, die ersten drei wurden abgedruckt, der vierte
Leserbrief nicht:
Riesenrad wird nicht rundlaufen
„Das Riesenrad gewinnt an Fahrt“
vom 16. August 2004
Riesenrad und Museum haben nichts miteinander
zu tun! Ein megalomanisches Riesenrad ist kein
technisches Meisterwerk, sondern ein anachronistischer
Technik-Dinosaurier, den man beim Naturkunde-Museum
unterbringen müsste. Und weil das Ungetüm
natürlich größer sein müsste
als das in London, kann man bei gutem Wetter
sogar 40 Kilometer weit sehen – obwohl
da „nischt als Jejend“ ist. Wenn
beide, Riesenrad und Museum, gemeinsame Sache
machten und gemeinsame Eintrittsgebühren
erhöben, so heißt es, würden
beide „profitieren“. Warum dann
nicht aus dem Mühlenteich des Museums einen
Whirlpool machen und aus dem Museumspark eine
Oktoberfestwiese?
Günther Gottmann, Berlin-Zehlendorf
Ich komme gerade von einer Studienreise England/Schottland.
In London stand das Riesenrad still. Der Millennium
Dome ist pleite! Wenn dort eine Umdrehung 17
Euro kostet, werden es hier nach der Fertigstellung
20 Euro sein. Die Renten werden gekürzt
und Millionen Deutsche füllen jetzt die
Hartz-IV-Fragebögen aus. Und die Planer,
Stadtentwickler, Politiker und Investoren sind
so herzerfrischend damenhaft, dass sie die Augen
davor verschließen, dass eine Familie
kaum 200 Euro für diesen Tag des Riesenradbesuches
haben dürfte! Die Verantwortlichen müssten
vor dem Riesenrad Geld verteilen, damit die
Arbeitslosen und Sozialrentner mitfahren können.
Ich unterstelle, dass das auch den Touristen
zu teuer wird. Wie beim Tempodrom wird es eine
Katastrophe geben.
Gunter Thomas, Berlin-Lichterfelde
Unter uns Berlinern mal Hand aufs Herz. Wat
jibt et von da oben denn zu sehen? Nüscht!
Oder warum ist der Hi-Flyer immer so leer? Die
meisten Berlin-Touristen sind „Wiederholungstäter“.
Sie fahren einmal mit, dann haben sie es gemerkt.
Und was soll ein 175 Meter hohes Gammelteil
neben dem Museum und mitten im neuen Park? Müssen
wir zum x-ten Mal die Erfahrung machen, dass
ein Abriss viel mehr kostet, als man vorher
„gedacht“ hat?
Torsten Schöppler, Berlin-Kreuzberg
Leserbrief, den der Tagesspiegel nicht abdrucken
wollte:
Betrifft: Tagesspiegel, 16.08.2004,
"Das Riesenrad gewinnt an Fahrt"
Tourismus-Gutachten sieht
Zusammenarbeit
zwischen Riesenrad und Technikmuseum sehr skeptisch
Das Gutachten des Hamburger B.A.T Freizeit-Forschungsinstitut,
über das der Tagesspiegel am 16. 08. 04
berichtet hat, liegt seit Mai 2004 vor. Die
Kurzfassung kann auf http://www.berlin-gleisdreieck.de/Seiten/aktuelles/aktuelles_Frameset01.htm
nachgelesen werden. Anders als der Tagesspiegel
in seinem Bericht vom 16. 08. 04 behauptet,
wird die Zusammenarbeit zwischen Riesenrad und
Deutschem Technikmuseum eher skeptisch gesehen.
Hier ein kurzes Zitat aus dem Gutachten: "
. . . Das Museum . . . dürfte kaum von
den Riesenradbesuchern profitieren können
. . . Hinsichtlich des Images besteht das Risiko,
dass der Wert des DTMB unter der Dominanz des
WWB (World Wheel Berlin) leiden könnte
. . . Die Besucher werden nicht in der Lage
sein, die verschiedenen Angebote WWB und DTMB
voneinander zu trennen . . ."
Mit freundlichen Grüßen
Matthias Bauer
Aktionsgemeinschaft Gleisdreieck
Berliner
Morgenpost, 18. 08. 04
Vages "Ja" zum Riesenrad am Gleisdreieck
Kreuzberg
"Wenn Riesenradbetreiber
und das Technikmuseum sich einigen, dann werden
wir das Vorhaben unterstützen", sagt
Joachim Günther, Sprecher Senatsverwaltung
für Stadtentwicklung. Damit zieht sich
die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung
auf die Position des von ihr in Auftrag gegebenen
Gutachtens zum Für und Wider des Baus des
weltgrößten Riesenrads mit zirka
150 Meter Höhe am Gleisdreieck zurück.
Demnach wird in dem mehr als 50 Seiten umfassenden
Papier unter der Voraussetzung für den
Bau eines Riesenrads auf dem Plateau vor dem
Technikmuseum zugestimmt, sofern es ein gemeinsames
Miteinander gibt. Während der Museumschef
für den geplanten Bau des mehr als 150
Meter hohen Riesenrads vor der eigenen Haustür
ernsthafte Bedenken anmeldet, versuchen die
Investoren des Riesenrads die Vorbehalte aus
dem Weg zu räumen. "Das Riesenrad
als Attraktion bringt auch für das Technikmuseum
Popolarität", sagt Investorensprecher
Dirk Nishen. Zudem soll dort kein Rummelplatz
entstehen. Mehr als 60 Millionen Euro will eine
aus- und inländische Investorengruppe in
das "technische Wunderwerk" stecken.
"Hierfür bedarf es jedoch einer politischen
Entscheidung durch den Senat ", sagt Nishen.
Diese könnte bereits Ende September fallen.
Denn die Gespräche zwischen ihm und dem
Chef des Technikmuseums scheinen einen gemeinsamen
Nenner zu finden. So werde zum Beispiel derzeit
über die Möglichkeiten eines Kombitickes
verhandelt oder auch die Möglichkeiten,
Gegenstände des Museums auf dem Areal des
Riesenrads öffentlich auszustellen
Tagesspiegel, 16.08.2004
Das
Riesenrad gewinnt an Fahrt
Senatsgutachten: Von Millionen-Projekt neben
Technikmuseum könnten beide Einrichtungen
profitieren
Von Matthias Oloew
Die Diskussion um den Bau eines
Riesenrades am Gleisdreieck erhält neue
Impulse. Grundlage sind die Ergebnisse eines
Gutachtens, das die Stadtentwicklungsbehörde
in Auftrag gegeben hat. Die Ergebnisse hat die
Verwaltung von Senatorin Ingeborg Junge-Reyer
(SPD) bisher nicht öffentlich gemacht.
Seit gut vier Wochen liegt das Gutachten auf
dem Tisch. Die Kernaussage: Das Deutsche Technikmuseum
könnte durch die direkte Nachbarschaft
des geplanten Riesenrades an Attraktivität
gewinnen. Voraussetzung wäre aber eine
sehr enge Kooperation von Museum und Riesenrad.
Dann könnten beide profitieren und zu einem
Besuchermagneten werden. Ohne eine solche Zusammenarbeit
würde das Technik-Museum unter der Konkurrenz
leiden.
Geplant ist der Bau eines 175
Meter hohen Riesenrades nach dem Vorbild in
London. Es wäre allerdings noch 40 Meter
höher als das Pendant an der Themse. Vorgesehen
ist, das Rad auf der Fläche der alten Eisenbahnschuppen
entlang der Möckernstraße in Kreuzberg
zu errichten. Das wäre direkt neben dem
Technikmuseum und nur ein paar Schritte entfernt
von der großen Grünanlage, die sich
Bezirk und Senat am Gleisdreieck wünschen.
Sowohl Bezirk als auch Senat wollen aber dem
Technikmuseum keine Konkurrenz machen. Die möglichen
Auswirkungen des Riesenrades untersuchte deshalb
das BAT-Freizeitforschungsinstitut von Horst
W. Opaschowski aus Hamburg.
Die Kernaussagen des Gutachtens
bestätigte ein Sprecher der Stadtentwicklungsverwaltung
gegenüber dem Tagesspiegel. Genauere Angaben
über den Inhalt machte er jedoch nicht.
Fest steht jedoch: Wenn das Riesenrad als Unternehmen
für sich steht, dann verliert das Technikmuseum.
Die erwarteten 1,2 bis 1,4 Millionen Besucher
pro Jahr würden schon so viel Geld für
eine Fahrt mit dem Riesenrad ausgeben, dass
nur ein Bruchteil von ihnen bereit wäre,
noch einmal Geld für einen Eintritt im
Technikmuseum zu bezahlen. Ein anderes Bild
ergibt sich bei einer engen Patenschaft zwischen
beiden, wenn zum Beispiel Museumseintritt und
Fahrt mit dem Riesenrad als Kombi-Ticket zu
haben wären, das Riesenrad quasi als eine
Attraktion des Museums verkauft werden würde.
Dann würde auch das Technikmuseum von den
Besucherströmen profitieren.
Doch die Bereitschaft zu einer
solchen Kooperation ist bei der Museumsleitung
nicht besonders ausgeprägt. Zu tief sitzt
die Angst, künftig nur noch ein Anhängsel
des Riesenrades zu sein. Gegen das Museum will
aber keine Verwaltung entscheiden. „Der
Bezirk ist dafür, wenn das Museum profitiert“,
sagt Baustadtrat Franz Schulz (Grüne).
Junge-Reyer sorgt sich darüber hinaus über
finanzielle Risiken: „Ich werde keine
Investitionsruine dulden oder ein Risiko eingehen,
dass in irgendeiner Weise das Land in die Pflicht
genommen werden kann, um das Rad bei einer Insolvenz
zu Ende zu bauen.“
Anfang September soll zwischen
den beteiligten Verwaltungen eine Entscheidung
fallen. Das weiß auch der Riesenrad-Investor
und lockt mit einem Grundstücksdeal. Er
würde für 5,4 Millionen Euro eine
Fläche kaufen, die das Land bräuchte,
um langfristig geplante Erweiterungsbauten des
Technikmuseums zu realisieren. Im Gegenzug erhielte
er die weit weniger wertvolle Fläche, auf
der er sein Riesenrad bauen will, die aber im
Besitz des Landes ist. Berlin würde auf
diesem Weg gut zwei Millionen Euro gewinnen
und käme dem Ziel, einem attraktiven Park
am Gleisdreieck, ein Stück näher.
Berliner Zeitung 03.08.2004
Autor: Birgit Walter, Nikolaus Bernau
Schöne Aussichten
In Berlin soll das größte Riesenrad
der Welt entstehen. Wer braucht das?
Der Stadt Berlin soll ein Riesenrad geschenkt
werden, das 1,3 Millionen Besucher jährlich
lockt. Mit 175 Metern Höhe würde es
für einige Zeit das größte Rad
der Welt sein, das von allüberall zu sehen
ist. Und was sagt die Stadt? Sie sagt: Schaun
wir mal. Dem Deutschen Technik-Museum am Gleisdreieck
soll vom Investor überdies ein großer
neuer Eingangsbau errichtet werden, dazu der
Rohbau eines Ausstellungspavillons. Er verspricht
Hunderttausende zusätzlicher Besucher.
Und was sagt das Museum? - Och, lieber nicht.
Die Berliner Kulturverwaltung soll ein bisher
unbebaubares Grundstück mitten im einstigen
Eisenbahngelände gegen ein benutzbares
an dessen Rand tauschen dürfen, dabei zwei
Millionen Euro übrig behalten für
den Ausbau ihres Technik-Museums. Und was sagen
die Kulturverwalter: Wie sieht denn das aus!
Sind wir umzingelt von Undank? Und was geht
es überhaupt die Kulturverwaltung an, wenn
ein Unternehmer Vergnügungsmaschinen aufstellen
will? Nun, das Ressort wäre mit Sicherheit
nicht um seine Meinung gebeten worden, befände
sich nicht zufällig das Grundstück
für das künftige Riesenrad in seinem
Besitz. Einmal gefragt, legte es aber gleich
los mit seiner Bedenkenträgerei und rief
als erstes nach einem Insolvenzplan mit Notkasse
für den Abriss. Kommt es zu einer Pleite,
soll der Bauherr für die Entsorgung der
Rad-Reste zahlen müssen, und nicht Berlin.
Das Tempodrom hat der Stadt, wenn schon sonst
nichts Gutes, so doch ein Vorsichts-Syndrom
hinterlassen.
Wie sieht denn das aus?
Die Kulturverwalter machen sich Sorgen, dass
das Riesenrad die Stadtsilhouette empfindlich
stören könnte. Immerhin handelt es
sich um ein kolossales Bauwerk, der Eingang
wird "Abflughalle" genannt, die Aussichtsplattform
des Berliner Fernsehturmes ist nur 28 Meter
höher als das Riesenrad. Tatsächlich
hat sich die Senatsbauverwaltung bisher gegen
Hochhäuser an dieser Stelle gewehrt. Nun
ist ein Bauwerk in Planung, das auf Animationsbildern
durchsichtig erscheint, aber in Wirklichkeit
von erschütternder Dominanz sein wird.
Man kann in London studieren, wie stark das
nur 135 Meter hohe Riesenrad London's Eye am
Themse-Ufer die Stadtansicht prägt. Der
Direktor des Technik-Museums, Dirk Böndel,
hat das Berliner Riesenrad und seine Umgebung
als Modell im Maßstab 1:87 (H0-Modelleisenbahnformat)
bauen lassen. Er sagt: "Das sieht schrecklich
aus. Es passt nicht in die Stadtlandschaft."
Außerdem fürchtet er um das Image
seines Museums, das Teil des kommerziellen Rummels
werden könnte, zum "Museum am Riesenrad".
Der Eingangsbereich und die Ausstellungshalle,
die die Riesenrad-Unternehmer hinstellen würden,
wären zwar von Nutzen für das Museum.
Andererseits sind die künftig geplanten
Ausbauten von 20 000 bis 25 000 Quadratmetern
nur mit Hilfe von Mäzenen möglich.
Doch welcher Mäzen spendet schon für
eine Institution, die nach außen hin nur
noch ein Anhängsel ist?
Fraglich ist, ob das Museum tatsächlich
von den Besuchern des Riesenrades profitieren
kann. Eine Hamburger Studie im Auftrag der Bauverwaltung
bezweifelt das. Sowohl zeitlich als auch finanziell
spreche vieles dagegen, dass sich Riesenradfahrer
auch noch für einen anschließenden
Museumsbesuch erwärmten. Das Ansehen des
Museums würde eher leiden durch den Gegenssatz
von Bildungs- und Unterhaltungsangebot.
Längst hat sich auch eine Bürgerinitiative
gegen das Riesenrad in Position gebracht. Auch
sie sorgt sich um die Stadtansicht, vor allem
aber um die Ruhe der Wohngebiete in Kreuzberg
und Schöneberg. Zwar läuft das Riesenrad
nach Angaben der künftigen Betreiber völlig
geräuschlos. Doch Tausende werden für
Autos und Busse einen Parkplatz suchen. Bis
zu 11 500 Besucher werden täglich erwartet,
eine Werbebroschüre spricht sogar von 21
000. Die Sprecherin der Senatsverwaltung für
Stadtentwicklung, Petra Roland, weiß über
eine Verkehrsplanung dennoch überhaupt
nichts. Die Kulturverwaltung solle eine Konzeption
vorlegen, "Synergieeffekte" prüfen,
vorher werde ihre Verwaltung "überhaupt
nicht aktiv".
Das erstaunt, weil sich das Rad bereits zur
Fußballweltmeisterschaft 2006 drehen soll.
Entweder der Termin ist nicht zu halten, oder
es wird nicht gebaut, oder die Baugenehmigungen
genehmigen sich wie von selbst.
Auf Variante drei wird Dirk Nishen hoffen,
Sprecher der Investoren, die das World Wheel
Berlin bauen wollen. Nishen verbreitet Optimismus.
Man befinde sich in einem "äußerst
konstruktiven Prozess", wiederholt er mehrmals,
die Zusammenarbeit mit allen Verwaltungen, mit
dem Bezirk und dem Museum laufe ganz ausgezeichnet.
Ja, die Fußball-WM, das sei ein "sehr
ehrgeiziger" Zeitplan, aber noch zu schaffen.
Auch mit den Bürgerinitiativen werde man
sich schon einig, so Nishen. Denn hier werde
ja definitiv kein Rummel stattfinden, sondern
eine Freizeit-Attraktion.
Darauf legt er Wert - Würstchenbuden würden
nur stören, denn es handele sich um eine
"mediale Inszenierung" mit 48 gläsernen
Gondeln, drehbaren Böden und einer 3 000
Quadratmeter großen Abflughalle. Wirklich
phantastisch. 60 Millionen Euro sollen verbaut
werden. Die Finanzierung sei mehrfach von den
kapitalgebenden Banken geprüft worden.
Aber warum hat das viel kleinere Londoner Riesenrad
108 Millionen Euro gekostet, während für
die Berliner Konstruktion nur 60 Millionen geplant
sind? Dazu kann Nishen nichts sagen, es hänge
vielleicht damit zusammen, dass es in Berlin
ein freies Baufeld gebe, in London dagegen wurde
mitten im Zentrum gebaut.
Das erklärt nicht die Differenz von 48
Millionen Euro, wirft aber noch eine andere
Frage auf: Warum soll das Riesenrad eigentlich
ausgerechnet hier stehen? Von "London's
Eye" blickt man auf die City von London,
auf Westminister, auf die St. Pauls Kathedrale,
den Schiffsverkehr der Themse. Charlie Chaplin
nannte diese Silhouette den schönsten Großstadtblick
der Welt. Vom Berliner Riesenrad blickt man
dagegen auf die Blöcke Kreuzbergs und Schönebergs.
Zu sehen sind zu Parks umgewandelte Bahnanlagen,
die Wände des Potsdamer Platzes, Hochhäuser
an der Leipziger Straße und der Fernsehturm
steht schon in weiter Ferne.
Berlin ist nicht London
Das soll Geschäftsleute locken, ihre Verhandlungen
in einer Konferenz-Gondel abzuschließen?
Mit dem Drehcafe im Fernsehturm hat das Riesenrad
eine Aussichts-Konkurrenz, die kaum zu schlagen
ist. Von hier aus sieht man Berlins Mitte, die
Museumsinsel, den Alexanderplatz. Vom Riesenrad
aus werden selbst die Gedächtniskirche
und die City West nur ein Schattengrundriss
sein. Das sei der Standort, den Berlin dem Investor
angeboten habe, sagt Nishen. Die Stadt tut gut
daran, ewige Aussichten auf ein Riesenrad gründlich
zu prüfen. |