Tagesspiegel, 18. 03. 08

Bummeln über Bahnbrücken

Der Bezirk Tempelhof-Schöneberg will die Überführungen der Yorckstraße für Fußgänger öffnen, um die neuen Parks am Gleisdreieck miteinander zu verbinden. Zusätzlich sollen breite, repräsentative Treppen angelegt werden.

Sie ist dunkel und schmutzig. Viele Berliner nehmen die Yorckstraße nur als notwendiges Übel wahr, das man auf dem Weg von Kreuzberg nach Schöneberg möglichst schnell hinter sich bringen muss. Dabei sind die über 20 eng aneinandergereihten Brücken, die die Straße überspannen, ein beeindruckendes technisches Monument. Sie erinnern an die Zeit, als Berlin industrielle Metropole war und die Züge aus dem Süden täglich Massen an Passagieren, Tonnen von Gütern und damit auch Kapital in die Hauptstadt brachten. Davon ist nicht viel geblieben. Nachdem der Güterbahnhof und die beiden Fernbahnhöfe nach dem Zweiten Weltkrieg geschlossen worden waren, verfielen die meisten alten Brücken. Die Bahn als Eigentümerin möchte sie am liebsten abreißen und das Eisen verkaufen. Seit Jahren ringen der Senat und die Denkmalschützer um ihre Erhaltung.

Auf seiner Suche nach guten Argumenten hat das Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg ein Gutachten beim Architekturbüro ASL in Auftrag gegeben. Darin legen die Planer erstmals umfassende Vorschläge vor, wie man die Brücken, die Straße und das angrenzende Gebiet in Zukunft städtebaulich aufwerten und nutzen könnte. Der wichtigste Punkt: Die Brücken sollen Fußgängern als Verbindung dienen zwischen dem neuen Park am Gleisdreieck, der gerade gebaut wird, und dem geplanten Park auf dem sogenannten „Schöneberger Flaschenhals“ im Süden.

Um die Zugänge zu den höher gelegenen Parkgebieten zu erleichtern, sollen auf der Kreuzberger und der Schöneberger Seite jeweils repräsentative, einladende Treppen angelegt werden. In dem Dreieck, das die S-Bahn-Linien 1 und 2 vor ihrer Einfahrt in den Tunnel bilden, ist eine Bebauung für Büros und Dienstleistungen geplant – leicht von der Straße zurückversetzt, so dass dort, wo sich heute die Tankstelle befindet, ein neuer Platz entstehen wird. Außerdem sollen die Brücken illuminiert werden, um das Sicherheitsgefühl zu erhöhen, „aber auch, um ihre Schönheit ins rechte Licht zu rücken“, wie es Siegmund Kroll formuliert, der das Amt für Denkmalschutz beim Bezirk leitet und das Gutachten in Auftrag gegeben hat.

Rund 100 000 Euro kostet es, eine der Brücken sandzustrahlen, zu sanieren und wieder verkehrssicher zu machen. Bisher steht aber nur fest, dass 2009 die östlichste und westlichste Brücke wiederhergestellt werden. Das Geld dazu kommt zum Teil von der Bahn, zum Teil aus dem Programm „Stadtumbau West“. Für die übrigen Brücken erwartet die Bahn eine Regelung. Sie will, dass langfristig alle vom Senat übernommen werden. Dies würde die Chance deutlich erhöhen, dass die Yorckbrücken in ihrer Gesamtheit erhalten werden können – was ja gerade den Wert dieses Denkmals ausmacht.

Das neue Gutachten ist vor allem als Vorschlag zu verstehen. „Es ist ein Zwischenschritt“, sagt Siegmund Kroll, „der jetzt die politischen Gremien durchlaufen muss.“ Nach Ostern soll das Gutachten der Öffentlichkeit im Rathaus Schöneberg vorgestellt werden. Bereits jetzt kann man aber schon eine neue Broschüre kaufen, die das Bezirksamt herausgegeben hat und die die Geschichte der Yorckbrücken sowie ihre technische Konstruktion detailliert beschreibt. Sie kostet 4,50 Euro und ist in den Bürgerämtern erhältlich. Udo Badelt

 

Die Welt, 18. 03. 08

Yorckbrücken sollen saniert und beleuchtet werden

Die Bahnbrücken an der Yorckstraße sind verrostet, beschmiert und unansehnlich. Nun sollen sie saniert werden. Für zwei Bauwerke könnte das schon bis 2009 geschehen und aus dem Programm Stadtumbau West bezahlt werden. Das Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg hat vom Stadtplanungsbüro ASL ein 14 000 Euro teures Gutachten anfertigen lassen. Darin nehmen die Architekten den 500 Meter langen Abschnitt der Yorckstraße unter die Lupe, auf dem die 30 Brücken stehen. Einige sollen für Fußgänger und Radfahrer hergerichtet werden und die Verbindung zum künftigen Park am Gleisdreieck herstellen. ASL schlägt einen grünen Vorplatz und Treppen zum Park vor. Die Fahrbahn der Yorckstraße solle vierspurig bleiben, aber zu Gunsten des Gehwegs schmaler werden, sagt Bodo von Essen von ASL. Die düstere Situation unter den Brücken soll durch Beleuchtung beseitigt werden. saf

 

Berliner Zeitung, 22.01.2008

Berlins große Spielwiese

Peter Neumann und Karin Schmidl

KREUZBERG. Nach mehr als drei Jahrzehnten Diskussion ist es jetzt endlich soweit: Auf der 35 Hektar großen Eisenbahnbrache am Gleisdreieck beginnen die Arbeiten für den Park. Auf der Kreuzberger Seite, konkret zwischen Technikmuseum und Möckernstraße, habe man mit ersten Aufräumarbeiten angefangen, sagte Hendrik Gottfriedsen von der Grün Berlin GmbH gestern der Berliner Zeitung. Im Sommer fällt dort der Startschuss für die Bauarbeiten. Dann rücken auch auf der Brachfläche im Westteil, die sich zwischen Kleingärten und der S-Bahn-Linie 1 erstreckt, die Bautrupps an. Bevor aber die Arbeiter auf der sogenannten Gleisinsel beginnen, soll es dort ein kleines Fest geben, kündigte die Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD) jetzt an. "Der Park am Gleisdreieck ist auf einem guten Weg. Das wollen wir mit den Bürgern feiern", sagte Junge-Reyer gestern während einer Anhörung der Ausschüsse für Stadtentwicklung und Sport im Abgeordnetenhaus.
Gut elf Millionen Euro stehen zur Verfügung, um den Flickenteppich aus aufgegebenen Bahnanlagen, Gewerbegrundstücken und Spontanvegetation in einen öffentlichen Park zu verwandeln. "Das ist zwar nicht üppig, aber ausreichend", so die Senatorin. Das Geld stammt von den Investoren am nahen Potsdamer Platz - als Ausgleich für die dortige Bebauung. Laut Junge-Reyer wird derzeit auch eine wichtige Verbindung in den Park in Angriff genommen: Der Bau einer Brücke über den Landwehrkanal wird vorbereitet. Auf der Überführung sollen Fußgänger und Radfahrer aus Richtung Potsdamer Platz zum Gleisdreieck gelangen. Der Brückenbau könnte im Frühjahr 2009 beginnen, für Ende 2010 ist die Fertigstellung vorgesehen.

Raum für das Abenteuer Natur

Doch die Planungen für den Park, der eine der größten Wiesen Berlins und drum herum Spiel- und Sportflächen, ein Hundeauslaufgebiet sowie öffentliche Gärten vorsieht, ruft nicht nur Begeisterung hervor. Torsten Schöppler von der Arbeitsgemeinschaft Gleisdreieck sagt, dass viele Anwohner die Wiesen als "langweilig" empfinden. Sie fordern, mehr Wildwuchs, historische Kopfsteinpflasterstraßen und Gleisreste zu erhalten. Das will auch Cornelia Wimmer von der Elterninitiative Gleisdreieck: "Wenn die letzte große innerstädtische Brache verschwindet, verlieren wir wertvollen Räume, in denen Stadtkinder die Natur erfahren können", sagt sie. Hügel zum Erobern, Bäume zum Klettern, Büsche zum Verstecken dürften nicht verloren gehen.
Dieser Forderung versuchen die Planer vom Landschaftsatelier Loidl gerecht zu werden. Das Büro hatte Mitte 2006 den Wettbewerb für die Parkplanung gewonnen. Man stehe Anwohnerwünschen aufgeschlossen gegenüber, sagte gestern Landschaftsplaner Bernd Joosten: "Wir wollen am Gleisdreieck eine gute Kombination aus Gestaltung und Bestand." Integriert werden in den Park könne auch die "Galerie der Wildkräuter." Auf rund 150 Tafeln hat dort eine Künstlerin die Namen von Pflanzen aufgeschrieben, deren Samen einst mit der Eisenbahn nach Berlin kamen.
Ein weiterer Streitpunkt sind die Kleingärten auf der Schöneberger Seite, die Sportflächen Platz machen sollen. Doch das dauert: Es zeichne sich ab, dass die Gärten mindestens bis 2014 bleiben, sagte der Bürgermeister von Friedrichshain-Kreuzberg, Franz Schulz (Grüne). Frühestens dann gebe es auch aus Tempelhof-Schöneberg Geld für die Sportanlagen. Bisher habe nur sein Bezirk eine Rate für das 1,8-Millionen-Euro-Projekt bereit gestellt - 50 000 Euro für 2011.

 

Tagesspiegel vom 22.01.2008

Geteilter Park

Aus dem verwilderten Gelände am Gleisdreieck soll ein Park werden. Doch es fehlt Geld für eine Brücke - und Kleingärten sind in Gefahr.

Jahrelang wird hier schon diskutiert und geplant. Nun soll es los gehen – obwohl noch viele Probleme ungelöst sind: In diesem Jahr beginnen die Arbeiten am Gleisdreieck, die aus dem verwilderten Gelände einen Park machen sollen, kündigte Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD) gestern an. Zugleich mahnte sie im Stadtentwicklungsausschuss des Parlaments schnelle Entscheidungen bei den offenen Fragen an. Finanziert wird der Park aus den Ausgleichs- und Ersatzmaßnahmen für die Bauten auf dem Potsdamer und Leipziger Platz. Etwa 25 Millionen Euro stehen dafür bereit. Nach wie vor unklar ist aber, ob die durch die Trasse der Nord-Süd-Bahn getrennten Parkhälften mit einer Brücke verbunden werden. Und nicht entschieden ist auch der Ort für die vorgesehenen Sportanlagen. Nach den bisherigen Plänen müssten dafür Kleingärten weichen.Für den Bau der geplanten Fußgänger- und Radfahrerbrücke, die über den Park hinweg die Bülowstraße auf Schöneberger Seite mit der Hornstraße in Kreuzberg verbinden soll, gebe es zurzeit kein Geld, sagte die Sprecherin der Stadtentwicklungsverwaltung, Petra Rohland. Weil die Brücke im Park über die Oberleitungen der Bahn führt, müsste ein aufwändiges Bauwerk entstehen – mit bis zu 250 Meter langen Rampen, damit es behindertengerecht wird. Wann Geld für den Brückenbau zur Verfügung stehe, sei ungewiss, sagte Rohland weiter. Norbert Rheinlaender von der Aktionsgemeinschaft Gleisdreieck schlägt vor, auf die nach seiner Ansicht unsinnige geplante Brücke über den Landwehrkanal zu verzichten und das gesparte Geld dann für die Verbindung im Park zu verwenden. Am Landwehrkanal soll– wenige Meter von der vorhandenen Köthener Straßenbrücke entfernt – ein zusätzliches Bauwerk ebenfalls für Fußgänger und Radfahrer entstehen. Diese Brücke überquert aber nur den Kanal; der Plan, auch die Uferstraßen zu überbrücken, wurde fallen gelassen. So müssten Fußgänger und Radfahrer wie bisher an der benachbarten Brücke die Straßen an Ampeln queren.
Noch lange warten müssen auch Sportler auf die vorgesehenen zwei Spielfelder und die Sporthalle südlich des Viadukts der U-Bahnlinie U 2. Vor 2014 werde es auch dafür kein Geld geben, sagte der Bürgermeister von Friedrichshain-Kreuzberg, Franz Schulz (Grüne), im Ausschuss. Sein Bezirk habe jetzt 50 000 Euro bereitgestellt, um planen zu können. Aus Tempelhof-Schöneberg komme das Geld nicht vor 2014, und Mitte, das ebenfalls an dem Projekt beteiligt ist, habe dafür noch gar keinen Finanzierungsplan.
Dass die Sportanlagen auf einem Kleingartengelände entstehen sollen, hält Torsten Schöppler von der Aktionsgemeinschaft Gleisdreieck für fatal. Für den Bau eines Parks zuerst Obstbäume zu fällen, sei widersinnig. Die Grünen-Fraktionschefin Franziska Eichstädt-Bohlig forderte, für die Sportanlagen einen anderen Standort zu suchen. Klaus Kurpjuweit
(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 22.01.2008)

 

Taz 21.01.2008

Gleisdreieck

Gärtner siegen gegen Sportler

Die Gartenparzellen auf dem Gleisdreieck sind gesichert. Weil es kein Geld für Sportanlagen gibt, werden die Gärten wohl in den künftigen Park integriert.

VON CHRISTOPH VILLINGER

Die 70 Kleingärten in der Südwestecke des Gleisdreiecks sind mindestens bis zum Jahr 2014 gerettet. Dies erklärte am Montag Franz Schulz, grüner Bezirksbürgermeister von Friedrichshain-Kreuzberg, bei einer Anhörung zum aktuellen Stand der Bauplanung für den neuen Park am Gleisdreieck an. Bei der gemeinsamen Sitzung der Ausschüsse für Stadtentwicklung und Sport im Abgeordnetenhaus ging es vor allem um den Konflikt zwischen den geplanten Sportanlagen und der vorhandenen Kleingartensiedlung.
Diese 70 Parzellen sind Teil eines riesigen früheren Bahngeländes zwischen Landwehrkanal und Yorckbrücken, auf dem in den nächsten Jahren ein etwa 35 Hektar großer Park entstehen soll. Auf drei Bauflächen am Rand wird der ehemaligen Immobilientochter der Bahn AG, der Vivico AG, eine Wohnbebauung erlaubt. Und auf etwa vier Hektar am Schöneberger Ende der Yorckstraße sollen laut Uwe Hammer vom Landessportbund Berlin "wettkampfgerechte Sportanlagen" entstehen, darunter "zwei Großflächen und eine überdachte Halle".
Auch Schulz verwies auf die "vielen Bedarfsmeldungen" für die Sportanlagen der drei angrenzenden Quartiere Schöneberg, Kreuzberg und Tiergarten-Süd - um dann faktisch den Plänen vorerst den Boden unter den Füßen wegzuziehen. Allein eine "ungedeckte Sportfläche" koste 1,8 Millionen Euro. Doch dafür fehlt das Geld: Großzügig stelle sein Bezirk dafür bereits im Jahr 2011 rund 50.000 Euro zur Verfügung, so Schulz; von den anderen beiden Bezirken sei allerdings vor 2014 kein Geld zu erwarten. "Vor 2014 kann man also nicht starten", resümierte Schulz. Und selbst dann müssten die Kleingärten erst weichen, wenn die Finanzierung der Sportanlagen gesichert sei. Für Schulz ergibt dies "automatisch einen Zeithorizont".
Hilfesuchend wandten sich daraufhin die Augen der beiden Vertreter des Landessportbundes in Richtung von Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD). Doch geschickt wich die Senatorin ins Allgemeine aus und wollte zum wiederholten Male "zügig den Bedarf ermitteln", um dann "die Flächen zu sichern".
An dieser Stelle beklagte Franziska Eichstädt-Bohlig, grüne Fraktionsvorsitzende und Sprecherin für den Bereich Stadtentwicklung, dass "es doch absurd ist, Sportstätten gegen Kleingärten ausspielen zu müssen". Ob man nicht noch mal mit der Vivico AG reden könne, zum Beispiel über das zurzeit von einer Tankstelle genutzte Dreieck zwischen den beiden S-Bahn-Linien an den Yorckbrücken? Damit komme Eichstädt-Bohlig "vier oder fünf Jahre zu spät", belehrte sie Parteikollege Schulz, denn "auch damals fehlte dem Land das Geld, um weitere Flächen für den Park anzukaufen".
Ansonsten konnte auf der Sitzung Torsten Schöppler von der Initiative AG Gleisdreieck seinen Standpunkt eines von den AnwohnerInnen getragenen Parks vortragen. Bei allen Umfragen unter Anliegern falle der von Seiten des Senats favorisierte "Aktivitätspark" durch. Die Menschen sehnten sich nach einem Ort zur "Stressbewältigung und zum Abschalten-Können".
Immerhin hat inzwischen das Land Berlin dem Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg ein Sonderbudget für die Pflege des zukünftigen Parks in Höhe von 500.000 Euro jährlich zugesagt. Denn auch "Spontan-Vegetation muss gepflegt werden, sonst wird es einfach Wald", weiß die ehemalige Kreuzbergerin Junge-Reyer.
So gab es auch keinerlei Gelächter, als Junge-Reyer sich "auf den Beginn der Bauarbeiten in diesem Sommer" freute. Ursprünglich war dieser im Frühjahr 2007 vorgesehen. Nur der 24-jährige sportpolitische Sprecher der FDP, Sebastian Czaja, fragte sich, "ob meine Generation noch die Realisierung des Parks erleben wird".

 

taz, 15. 01. 08

Dreieck mit tausend Konflikten

Bevor der Park auf dem Gleisdreieck kommen kann, müssen noch viele Streitpunkte beseitigt werde. Aber dieses Jahr soll es losgehen.

VON CHRISTOPH VILLINGER

"Kuck mal, Mama! Ich bin ganz oben!" Begeistert blickt Sebastian um sich. Gerade hat der Dreijährige einen etwa zehn Meter hohen Hügel erklommen. Dieser "kleine Teufelsberg" in der Nähe der Kreuzberger Möckernstraße entstand, als beim Abbau von Schienen auf dem Gleisdreieck der Schutt zusammengeschoben wurde. Jetzt wachsen kleine Bäume auf dem Miniaturberg.

Von oben blickt Sebastian auf eine in Jahrzehnten gewachsene Wildnis aus Sträuchern, Birken und Robinien. Zerfallende ehemalige Stellwerke und Lagerhallen wechseln sich ab mit weiten Flächen überwucherter Gleise. Die einstige Nutzung der Fläche, die einmal zu den wichtigsten Güterumschlagsplätzen Berlins gehörte, ist noch erkennbar.

Aber Sebastian sieht auch Neues: Bis zu zwei Meter hoch wachsen die Maispflanzen in den überwiegend von bosnischen Frauen betriebenen "interkulturellen Gärten". Daneben macht Alexandra Toland in ihrer "Galerie der Wildkräuter" auf rund 150 Tafeln die Pflanzen sichtbar, deren Samen mit den Eisenbahnen aus allen Ländern Europas eingereist sind, um hier aufzublühen. Diesen kleinen Bereich entlang der Möckernstraße machte der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg voriges Jahr offiziell zugänglich.

Cornelia Wimmer von der Elterninitiative Gleisdreieck findet die Mischung aus Wildnis und Nutzflächen faszinierend: "Hier finden die Kinder keine vorgefertigten Erlebnisse wie auf konventionellen Spielplätzen, sondern können sich ihre Welt selbst gestalten", sagt die 47-Jährige. Mit Torsten Schöppler von der AG Gleisdreieck führt die rothaarige Pädagogin über das Gelände. "Jeden Sommer verstecken sich hier 20 bis 30 Kids hinter den Büschen, klettern auf Bäume und bezwingen den Schuttberg."

Um ebendiesen Hügel kommt es nun zum Konflikt. Ganz in der Nähe haben die ersten Rodungen für den Park zwischen Landwehrkanal und Yorckbrücken begonnen, der einmal fast 35 Hektar umfassen soll. Für Hendrik Gottfriedsen, Geschäftsführer der senatseigenen "Grün Berlin Park und Garten GmbH", die mit der Anlage des Parks betraut ist, sind das "erste Aufräumarbeiten". Der tatsächliche Baubeginn werde erst im Laufe dieses Jahres sein.

Gottfriedsen hält es für "völlig unverantwortlich, Kinder auf dem Kletterberg spielen zu lassen". Die obersten 30 Zentimeter seien stark mit Altöl und anderen Stoffen belastet. "Deshalb kann der Berg nicht erhalten werden", meint Gottfriedsen. "Einfache Warnschilder würden doch die Haftungsfrage klären", hält Wimmer dagegen. Und Gottfriedsen signalisiert immerhin Kompromissbereitschaft: "Dies ist einer der tausend kleinen Konflikte, für die wir gemeinsam eine Lösung finden müssen."

Es sind diese "tausend kleinen Konflikte", wegen denen sich der offizielle Baubeginn, der eigentlich für das Frühjahr 2007 anvisiert war, immer weiter ins Jahr 2008 verschiebt. Da verzögert sich etwa die Eintragung des Geländes ins bezirkliche Grundbuch um Jahre, weil wichtige Fragen auftauchen: Gehören die Widerlager der 27 Eisenbahnbrücken über die Yorckstraße zum Bundeseisenbahnvermögen oder nicht? Wer sie besitzt, ist auch für ihre Sanierung zuständig - und die kostet etwa 150.000 Euro pro Brücke. Da gibt es aber auch die Sorge der Kleingärtner in der Südwestecke des Parks vor Vertreibung oder den Anspruch der Beachvolleyballer auf "ihren Teil" vom Gelände.

Solche Probleme schrecken aber weder Hendrik Gottfriedsen noch Cornelia Wimmer. Denn der Park ist das Ergebnis eines jahrzehntelangen Konflikts um eine der letzten großen zentralen Brachen Berlins. In den 70er-Jahren entstand der Plan, mit einer Stadtautobahn - der "Westtangente" - die Gegend um den heutigen Potsdamer Platz an den Südwesten der Stadt anzuschließen. Damit wäre der innerstädtische Grünstreifen weitgehend zerstört worden. Der kämpferischen Bürgerinitiative Westtangente gelang es jedoch selbst nach der Wende und dem Bau des Potsdamer Platzes, die Träume von DaimlerChrysler und anderen Autoliebhabern in die Schranken zu weisen.

Stattdessen einigten sich nach langen Verhandlungen in den Jahren 2001 bis 2005 das Land Berlin, der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg und die Immobiliengesellschaft Vivico auf einen städtebaulichen Rahmenvertrag. Dieser erlaubt der Vivico die Verwertung von drei Teilbereichen: das von einer Tankstelle genutzte Dreieck zwischen den S-Bahn-Linien oberhalb der Yorckstraße, eine Fläche an der Möckernstraße Ecke Yorckstraße und eine weitere entlang der Dennewitz- und Flottwellstraße.

Der Rest wird zum Park, zerschnitten freilich von der S-Bahn und der ICE-Strecke. Durch eine weit ausholende Rampenbrücke sollen beide Hälften verbunden werden. Doch schon fehlt dafür das Geld: Von ursprünglich 24 Millionen Euro für den Park sind nur noch etwa 11 Millionen Euro da, den Rest benötigte das Land Berlin für den Grundstückserwerb und den Wettbewerb zur Parkgestaltung.

Diesen gewann im Sommer 2006 das Stadtplanungsbüro Atelier Loidl, das bei der Präsentation des Entwurfs im Herbst 2006 betonte, es gehe "vor allem darum, die Weite der riesengroßen Fläche fürs Auge zu erhalten". Zwar sollen möglichst viele der historische Spuren bewahrt werden, aber der Entwurf betont mehr die durch Rasenflächen erzeugten Sichtachsen.

Cornelia Wimmer hält wenig von diesen Sichtachsen. Die machten alles offen und transparent. "Da gibt es keine gemütlichen Ecken und Rückzugsorte zum Knutschen." Auf den Entwurfsbildern der Stadtplaner kann Wimmer "keine alten Menschen und Kinder entdecken, nur Menschen aus der Zigarettenwerbung".

Für Norbert Rheinlaender, einen jahrelangen Kämpfer für den Park, "wollen die Designfigaros aus dem Atelier Loidl den bereits entstehenden Park zurechtfrisieren und die wilde Kreuzberger Wiese am liebsten mit einem gepflegten Rasen überrollen". Auch Torsten Schöppler von der AG Gleisdreieck befürchtet "einen Park für die jung-dynamischen Menschen vom Potsdamer Platz", bei dem Kinder und Anwohner an den Rand gedrängt würden. "Meine Horrorvorstellung sind ebene Flächen und gerade Betonkanten" sagt der 44-Jährige. Für den studierten Betriebswirt ist "gemähter Rasen wie grüner Beton".

Noch wird die Mitte des künftigen Parks von grauem Beton dominiert: Hier wurden die Baustoffe für den Potsdamer Platz umgeschlagen. "Genau diese Betonflächen sollen doch abgetragen werden", hält Gottfriedsen von Grün Berlin den Kritikern entgegen. Er bestätigt die Planung einer weiten Rasenfläche in der Mitte und eines etwa 30 Meter breiten Randstreifens für Kinderspielplätze, überwachsene Gleisanlagen, Community Gardens und Sportplätze. Als Betreiber des Britzer Gartens weiß er aber: "Um Wiesen in ihrer Schönheit zu erhalten, dürfen sie in der Regel weder bespielt noch betreten werden." Dagegen seien Rasenflächen "hochstrapazierfähig, werden gedüngt, bis zu 18-mal im Jahr gemäht und sind daher immer betretbar". Die Vorstellung, "Wiese und Fußball" unter einen Hut zu bringen, ist für ihn "Unsinn". Er kennt den Konflikt vom Mauerpark, der von den AnwohnerInnen so stark angenommen wird, dass "die Wiesen an den Hängen einfach zertrampelt werden".

Genau die 300.000 potenziellen NutzerInnen des Parks am Gleisdreieck versucht Beate Profé, Referatsleiterin für Stadtgrün bei der Senatorin für Stadtentwicklung, im Blick zu behalten. Sie will einen "Park für alle, auch für die, die sich nicht zu Wort melden". Aber auch keinen Park, der "nur die Addition aller individuellen Interessen ist". Noch sei man mitten in der Diskussion, um "die Ausführung der Planung zu konkretisieren". Aber Grundlage bleibe der Entwurf des Wettbewerbssieger. "Da müssen wir uns nun gemeinsam durchquälen, um hinterher sagen zu können, die Mühe hat sich gelohnt", sagt Profé.

Anstrengend waren sicher die ganztägigen Werkstattgespräche mit über 50 TeilnehmerInnen zum Thema Sportanlagen, zu denen Grün Berlin im Dezember eingeladen hatte. Während für den stämmigen Torsten Schöppler "vor allem Trendsportarten wie Skaten und Joggen bedient werden", spürt Profé den Landessportbund im Nacken. Besonders bei den 4 Hektar auf der Schöneberger Seite, wo heute noch Kleingärten sind und ein Sportzentrum entstehen soll. Übrigens ein weiterer der "tausend Konflikte": Sozial eindeutig in Schöneberg gelegen, gehört es verwaltungsrechtlich zu Kreuzberg. Aber weil Berlin ohnehin kein Geld hat "können die Kleingärtner da noch Jahre bleiben", glaubt Profé.

Auch Matthias Bauer von der BI Westtangente hofft, dass die 70 Parzellen doch noch in den Park integriert werden. "Es wäre kein guter Start, einen Park mit dem Absägen von 300 Obstbäumen zu beginnen." Als einer von drei gewählten AnwohnervertreterInnen sitzt er in der "projektbegleitenden Arbeitsgruppe" zur Planung des Parks. Einerseits ist die Arbeitsgruppe für ihn ein "Musterbeispiel für Bürgerbeteiligung", andererseits drohte er im Herbst mit Austritt. "Die Senatsvertreter tun so, als hätten wir den Entwürfen zugestimmt. Das haben wir aber nicht." Allein 18 Punkte umfassen die von den AnwohnerInnen formulierten Änderungswünsche. Und Bauer betont die strukturelle Unterlegenheit der BürgerInnen: Ehrenamtlich sitzen sie hauptberuflichen StadtplanerInnen gegenüber, die "jeden Tag beruflich miteinander reden". Zusätzlich sind diese auch noch formal durch die Vielzahl der zuständigen staatlichen Institutionen in der Mehrheit. "Sie brauchen uns", klagt der Aktivist, "aber in Wirklichkeit finden unsere Ideen kaum Berücksichtigung." Und bei der entscheidenden Machtfrage, dem Geld, lassen sich die Vertreter der Verwaltung ungern in die Karten schauen. Dass für die Brücke über die ICE-Trasse kein Geld mehr da ist, will Matthias Bauer erst glauben, "wenn der Senat einen transparenten Kassensturz macht".

Dass der Senat eine Abrechnung der Gelder bis zur Sitzung des Stadtentwicklungs-Ausschusses im Abgeordnetenhaus am kommenden Montag vorlegen wird, erwartet Bauer nicht. Aber so kommen wenigstens einige der Konflikte vor den Abgeordneten zur Sprache. Immerhin soll der Park nach dem Willen des Senats "weltweite Leuchtkraft" erlangen - als Beispiel für die behutsame Umnutzung einer innerstädtischen Brache. Doch für Torsten Schöppler "hat ein Bauvorhaben noch nie weltweite Bedeutung erlangt, weil es sie erlangen sollte". Das gelinge nur, wenn lokale Probleme mit lokalen Mitteln mustergültig gelöst würden. Und, möchte man hinzufügen, von einem Trümmerberg aus die "tausend kleinen Konflikte" überblickbar bleiben.

 

dpa, 4. 12. 2007

Vivico verkauft

Wien (dpa) - Die an der Wiener Börse notierte CA Immo will die von Deutschland gekaufte Bahnimmobilien-Gesellschaft Vivico nicht zerschlagen. «Dafür ist es uns zu viel wert», sagte Vorstandssprecher Bruno Ettenauer über die Gesellschaft mit 140 Mitarbeitern am Mittwoch. Am Vortag war bekannt geworden, dass das österreichische Unternehmen die Vivico Real Estate GmbH für 1,03 Milliarden Euro von der Bundesrepublik übernimmt. Damit erwirbt CA Immo unter anderem große Grundstücke und Immobilien mitten in Berlin und Frankfurt.

 

Financial Times Deutschland, Montag 26. November 2007

Vivico-Verkauf steht kurz bevor

Es sind die US-Finanzinvestoren Carlyle und Colony sowie das börsennotierte österreichische Immobilienunternehmen CA Immobilien - die größten Chancen werden dabei den Wienern eingeräumt. Wie es hieß, biete CA Immobilien mit Abstand den höchsten Preis. Interessiert sei auch der Bonner Immobilienkonzern IVG gewesen, der jedoch zu einem früheren Zeitpunkt ausgeschieden sei. Die Entscheidung, wer den Zuschlag bekommt, stünde kurz bevor. Die Beteiligten wollten die Informationen nicht kommentieren. Angesichts der Kreditkrise überrascht der pünktliche Abschluss einer Transaktion dieses Volumens. Bei Immobilienfinanzierungen über 300 Mio Euro halten sich die Banken derzeit zurück, was unter anderem daran liegt, dass die Banken die Kredite nicht mehr verbriefen können.

Einige Banken haben ihr Neugeschäft sogar komplett eingestellt. Bieter müssen daher mehr Eigenkapital mitbringen. Der Bund hatte im Sommer angekündigt, Vivico bis Jahresende verkaufen zu wollen. Das Unternehmen gehört zum Bundeseisenbahnvermögen und entwickelt mit rund 135 Mitarbeitern Stadtquartiere auf ehemaligen Bahnflächen, etwa das Europaviertel in Frankfurt oder den Arnulfpark in München. Das Bestandsportfolio der Immobilien liegt bei rund 1 Mrd. Euro. Alle drei Bieter haben jedoch Finanzierungszusagen, hieß es in Finanzkreisen. Carlyle habe die Hypo Real Estate (Xetra: 802770 - Nachrichten) gewinnen können, Colony die Eurohypo (Xetra: 807600 - Nachrichten) und die französische Investmentbank Natixis. CA Immobilien dürfte sich für die Finanzierung hingegen auch aus den Einnahmen aus einer Kapitalerhöhung in Höhe von rund 676 Mio. Euro bedienen können, die das Unternehmen im April dieses Jahres begeben hat. Den jüngsten Zahlen zufolge setzte Vivico 2006 mehr als 221 Mio. Euro um und behielt ein Zehntel davon als Jahresüberschuss. Eigentümer ist zu knapp 95 Prozent das Bundeseisenbahnvermögen; der Rest liegt direkt beim Bund. Gegründet wurde Vivico 2001 aus einer ehemaligen Bahn-Tochter. Ziel war es, die Immobilien der Bahn zu privatisieren.

Käme die CA-Immo-Gruppe zum Zuge, wäre dies nicht der erste prominente Zukauf der Österreicher in Deutschland. Im vergangenen Jahr hatte CA Immo dem Land Hessen Behörden, Gerichtsgebäude und Polizeistationen für 800 Mio. Euro abgekauft. Diese Behördenbauten und weitere Liegenschaften im Gesamtwert von 1,5 Mrd. bis 2 Mrd. Euro will das Unternehmen bis spätestens Mitte kommenden Jahres am Frankfurter Aktienmarkt platzieren. Dazu soll eine separate Deutschlandtochter gegründet werden, die den steuerbegünstigten Status eines Real Estate Investment Trust (REIT) anstrebt. Möglicherweise eignen sich außerdem einige Grundstücke aus dem Vivico-Bestand für den REIT. CA Immobilien selbst gehört zu zehn Prozent der Unicredit-Gruppe und ist zu 90 Prozent in Streubesitz. Das Unternehmen konzentriert sich auf den Kauf von Bestandsimmobilien, Projektentwicklung und aktive Bewirtschaftung. Angelsächsische Finanzinvestoren wir Carlyle und Colony überlassen Immobilienentwicklungen in der Regel lieber angestammten Entwicklern. Projektentwicklungen verlangen einen höheren Eigenkapitaleinsatz - der Schuldenhebel lässt sich also nicht so stark zur Renditesteigerung einsetzen wie bei großen Portfoliotransaktionen, die Finanzinvestoren in Zeiten billiger Zinsen noch zu 90 Prozent oder mehr fremdfinanzieren konnten. Carlyle hat jedoch auch Erfahrung in der Entwicklung. Der Investor ist bereits seit 2001 auf dem deutschen Markt präsent, in Hamburg entwickelt Carlyle mit einem Partner zwei größere Projekte. Das US-Private-Equity-Unternehmen Colony Capital hatte vor zwei Jahren durch den Einstieg bei dem französischen Hotelkonzern Accor von sich reden gemacht.

Beraten wird der Bund bei der Vivico-Transaktion von der Privatbank Sal. Oppenheim, die das Mandat bereits 2004 erhalten hatte. Sal. Oppenheim ist dem wahrscheinlichen Käufer CA Immobilien nicht unbekannt. Die Bank hatte die Wiener beim Börsengang der Tochter CA Immobilien International beraten und stand auch beim Kauf des Hessen-Portfolios an der Seite von CA. Außerdem sitzt Detlef Bierbaum, Mitinhaber und persönlich haftender Gesellschafter von Sal. Oppenheim, seit 2006 im Aufsichtsrat von CA Immobilien.