11. Juli 2002, Berliner Abendblatt

TU-Professor: Die Planungshoheit liegt beim Bezirksamt

Gutachten kann Pläne für Gleisdreieck kippen

Schöneberg/Kreuzberg.

Der jahrelange Hickhack um die Bebauung des Gleisdreiecks vor den Toren Mittes könnte jetzt eine ganz neue Wende nehmen. Zwar haben sich Senat, die Bahntochter Vivico als Eigentümerin des 59 Hektar großen Geländes und das Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg auf einen Rahmenvertrag geeinigt. Aber ein neues Rechtsgutachten könnte die gesamte bisherige Planung auf den Kopf stellen. Das Rechtsgutachten wurde von der Aktionsgemeinschaft (AG) Gleisdreieck, in der sich zahlreiche Bürgerinitiativen zusammengeschlossen haben, in Auftrag gegeben. Streitpunkt ist die Größe des Parks, der angelegt werden soll. Die AG Gleisdreieck fordert eine Fläche von 35 Hektar. Die Vivico, die ehemalige Bahngelände vermarktet, will zugunsten einer massiveren Bebauung aber nur einen 26 Hektar großen Park zulassen. "Die Vivico ist in der Lage, ihre Verhandlungspartner unter Druck zu setzen", sagt Matthias Bauer, Sprecher der AG Gleisdreieck. Das liege daran, dass nur Unternehmen oder Abteilungen, die zur Deutschen Bahn AG gehören, ehemalige Bahnflächen entwidmen, also die Nutzung für Bahnzwecke aufheben können. "Dazu ist ein entsprechender Antrag beim Eisenbahnbundesamt (EBA) erforderlich, der von allen Bahnabteilungen abgesegnet werden muss, damit ihm stattgegeben wird", so Bauer. Aber genau diese bislang gängige Praxis wird im Rechtsgutachten angezweifelt. Autor ist der Dekan des Fachbereichs Architektur und Planungsexperte an der Technischen Universität Berlin (TU), Prof. Dr. Rudolf Schäfer. Er hat unter juristischen Aspekten das Verhältnis von kommunalem Planungsrecht und der Fachplanung Bahn untersucht. Ergebnis: Sobald die Bahn erklärt, sie wolle bestimmte Flächen nicht mehr für eigene Zwecke nutzen, erlischt ihr Recht zu bestimmen, was mit dieem Gelände passiert. Schäfers Auffassung nach kann jetzt auch das Bezirksamt einen Entwidmungsantrag beim EBA stellen. Damit läge die Planungshoheit bei Friedrichshain-Kreuzberg, der Bezirk könnte also einen Park nach eigenen Vorstellungen anlegen. Zumal sich der Kreuzberger Baustadtrat Franz Schulz selbst einen größeren Park gewünscht hätte, als jetzt im Rahmenvertrag vorgesehen. Die Vivico bliebe weiterhin Eigentümerin, müsste sich aber der Planung des Bezirks beugen. Was allerdings jetzt noch fehlt, ist ein Präzedenzfall: "Eine Kommune müsste den Antrag beim EBA stellen und sich notfalls durch alle Instanzen klagen", sagt Bauer. "Bekommt die Kommune recht, wird das Gutachten bundesweit rechtskräftig." dvs

 

22.06.02, Berliner Morgenpost

Gutachten: Bezirk darf Gleisdreieck allein planen

lim Kreuzberg - Kurz vor einer Einigung zwischen Senat und der Projektentwicklergesellschaft Vivico über die Nutzung des Gleisdreiecks verlangen Bürgerinitiativen einen größeren Park auf der Brache: «Wir fordern 35 Hektar Parkfläche und höchstens elf Hektar Baufläche», sagt Norbert Rheinlaender, Sprecher der Bürgerinitiative Westtangente. Derzeit sind auf dem 62 Hektar großen Gebiet ein 25 bis 30 Hektar großer Park sowie rund 20 Hektar für Wohn- und Gewerbebebauung geplant. Der Park kostet Berlin nichts.

Basis für die Forderung ist ein Rechtsgutachten. Danach könne der Bezirk über das ehemalige Eisenbahngelände planerisch verfügen, nicht Vivico selbst, weil die Bahnnutzung längst verfallen sei. Er könne das Bahngelände in billige Grünfläche umwidmen und sie der Vivico zu günstigen Konditionen abkaufen, um einen größeren Park anzulegen. «Somit kann Vivico den Bezirk auch nicht weiter wie bisher damit unter Druck setzen, den Status der Fläche als Bahngelände erst dann aufzugeben, wenn Berlin der Vivico genügend Baufläche ausweist», sagt Rheinlaender.

Baustadtrat Franz Schulz (Grüne) steht dieser Rechnung skeptisch gegenüber. Es sei strittig, ob das ehemalige Eisenbahngelände funktionslos und damit für die Vivico planerisch nicht mehr verfügbar sei. «Der Streit darum könnte bis zum Bundesverwaltungsgericht gehen», sagt er. Berlin müsse aber jetzt handeln. Außerdem müsse das Land der Vivico dann immer noch das Land abkaufen - die Landeskasse sei aber leer.

Schulz will den Bezirksverordneten am Mittwoch eine Vorlage über den derzeitigen Verhandlungsstand zum Gleisdreieck zur Abstimmung präsentieren. «Ich hoffe, dass sie durchgeht. Sonst besteht die Gefahr, dass der Senat das Bebauungsplanverfahren an sich zieht», sagt der Stadtrat.

 

22.06.2002, Der Taggesspiegel

Gleisdreieck-Vertrag kritisiert

Kreuzberg. Die Einigung zwischen Senat und der Bahn AG zur Bebauung des Gleisdreiecks bezeichneten gestern mehrere Bürgerinitiativen als „Misserfolg für die Bevölkerung in den Innenstadtbezirken“. Sprecherin Marlies Funk von der AG Gleisdreieck verwies darauf, dass entgegen dem gültigen Flächennutzungsplan der Rahmenvertrag die Parkfläche von rund 35 auf etwa 20 Hektar reduziert. Nach einem TU-Rechtsgutachten könnten die Bezirke auf ehemaligen Bahnflächen eigene Planungen verfolgen. So könne die Immobiliengesellschaft der Bahn AG, die Vivico, als „normaler privater Investor“ behandelt werden. Dieser Konflikt spielt auch bei den Flächen rund um die Warschauer Brücke, am Stuttgarter Platz und in Lichterfelde-Süd eine Rolle.chv

 

13. Juni 2002, Berliner Morgenpost:

Weg frei für Wohnen und Flanieren am Gleisdreieck

Partner legen überarbeitetes Konzept vor

Von Michael Link

Kreuzberg - Die Würfel scheinen gefallen: In der Auseinandersetzung um die Nutzung des Gleisdreiecks sind sich Senat, Projektentwickler Vivico und Bezirk näher gekommen. «Wir sind sehr zuversichtlich, dass wir bald zu einem Ergebnis kommen werden. Es liegt ein tragfähiges Modell vor, das auch den Park vorsieht», sagt Vivico-Sprecher Wilhelm Brand. Unterschrieben ist die Rahmenvereinbarung allerdings noch nicht.

Baustadtrat Franz Schulz (B 90) ist optimistisch: «Der Kompromiss über die Flächenaufteilung kann in den kommenden zwei Wochen von den Verhandlungspartner paraphiert werden, so dass im August die bezirklichen Gremien darüber beraten können.» Nach gegenwärtigem Verhandlungsstand wird die Vivico 42 Hektar des insgesamt 62 Hektar großen Brachlandes nutzen, unter anderem für Gewerbe-, Wohn- und Bürogebäude. Herzstück des Stadtteils zwischen Flottwellstraße, Yorckstraße, Möckernstraße und Landwehrkanal soll ein 16 Hektar großer Park werden. Er steht dem Land als Ausgleichsfläche für die Verluste am Potsdamer und Leipziger Platz zu. Hinzu kommen 4,4 Hektar Ausgleichsflächen der Vivico zwischen den Gleisen sowie vier Hektar für eine geplante Sportfläche im südöstlichen Bebauungsbereich.

Die «Stadtsavanne» am Gleisdreieck - derzeit wird sie noch überwiegend als Baulogistik-Fläche genutzt - soll in fünf Baufelder aufgeteilt werden. In der Mitte sind Büros und Gebäude für Dienstleistungen geplant, entlang der Flottwellstraße sollen hochwertige Büros und Wohnungen entstehen, im so genannten Yorckdreieck zwischen den S-Bahngleisen sind ebenfalls Bürogebäude vorgesehen, im Knick von Yorck- und Möckernstraße sollen familiengerechte Wohnungen gebaut werden. Im so genannten «Schwechtenpark» um das Technikmuseum sollen Gewerbegebäude und Wohnungen gebaut werden. «Wir haben bislang nur die Baufelder festgelegt», sagt Wilhelm Brand.

Der Bezirk hatte ursprünglich mehr Grün erwartet, von bis zu 25 Hektar war zwischenzeitlich die Rede. Dazu hätte Berlin aber Land hinzukaufen müssen. «Das ist bei der momentanen Kassenlage ausgeschlossen», sagt Schulz. Die Höhe der Bebauung könnte noch ein Zankapfel werden: «Wir denken durchaus an höhenbetonte Gebäude», sagt Wilhelm Brand. Franz Schulz dagegen hofft, dass sich die Bebauung in die angrenzende Höhe einfügt. Unklar ist, wie die Ausgestaltung der Sportfläche im «Möckernquartier» genannten Teil der Bebauung finanziert wird. Zuständig ist das Land Berlin. Ob dafür Geld übrig ist, ist fraglich.

 

Sonntag, 10. März 2002, Berliner Morgenpost

Gestaltung des Gleisdreiecks weiter unklar

fal Kreuzberg - Die Verhandlungen über die künftige Gestaltung des Gleisdreiecks ziehen sich in die Länge. Mit einer Vertragsunterzeichnung zwischen der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und der Eisenbahn-Immobilienverwertungsgesellschaft Vivico rechnen die Verhandlungspartner erst im dritten Quartal 2002, wie jetzt eine Vivico-Sprecherin bestätigte.

Strittig seien nach wie vor die Finanzierung von knapp zwei Hektar zusätzlicher Parkfläche und der 4,1 Hektar großen Sportanlagen. Letztere seien «aktuell in Frage gestellt». Das bestätigte der Berliner Morgenpost auch Baustadtrat Franz Schulz (B 90/Grüne).

 

6.02.2002, Tagesspiegel

Feuerwerkswarnung: Anwohner fühlen sich bevormundet

Am 12. Februar steigen am Gleisdreieck die Raketen

Ole Töns

Es hätte einfach nur ein besonders schönes und großes Feuerwerk auf dem Gelände des Gleisdreiecks zum Chinesischen Frühlingsfest am 12. Februar werden können. Doch ein Flugblatt der Senatskanzlei versetzte die Anwohner jetzt eher in Sorge als Freude: "Ihre Wohnungen befinden sich im Sicherheitsbereich. Wir bitten Sie höflichst, unbedingt in der Zeit von 20 bis 21.15 Uhr Ihre Fenster geschlossen zu halten, sich nicht auf Balkone und Dächer zu begeben und sich nicht in der Dennewitzstraße, dem Nelly-Sachs-Park und am Ende der Kurfürstenstraße aufzuhalten", heißt es auf rund 200 Flugblättern der Senatskanzlei.

Zwar werden die Anwohner auf dem Flugblatt freundlich aufgefordert, das Feuerwerk von der Linkstraße oder der Kreuzberger Seite des Parks aus zu genießen. Doch Anwohner waren offenbar feinfühliger als erwartet: Sie reagierten mit öffentlicher Empörung auf die Formulierung, fühlten sich damit in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt.

Die Senatskanzlei ist um Schadensbegrenzung bemüht: Es handle sich um ein von der Veranstaltungsagentur Media Pool nach den Sicherheitsauflagen des zuständigen Bezirksamtes formuliertes Flugblatt, das von dem zuständigen Referatsleiter der Senatskanzlei unterschrieben sei, erklärte der Sprecher der Senatskanzlei Kai-Uwe Merz. Demnach müsse rund um das Feuerwerk ein Sicherheitsabstand von 150 Metern eingehalten werden, falls Reste der Feuerwerkskörper herunterfallen. Ursprünglich sei das von der Stadt Peking an Berlin geschenkte Feuerwerk für die Abschlussveranstaltung der Asien-Pazifik-Wochen im vergangenen Herbst gedacht gewesen, dann aber aufgrund des 11. September verschoben worden.

Die Geschäftsführerin des Asien-Pazifik-Forums, Bernadette Hoberg, hält die Aufregung für übertrieben: Man könne natürlich niemandem verbieten, das Haus zu verlassen, es handle sich lediglich um eine Empfehlung. Hoberg und die Sprecherin der beauftragten Veranstaltungsagentur Mediapool, Petra Knoth, wiesen darüber hinaus darauf hin, dass sich zum Zeitpunkt des Feuerwerks zudem das Personal einer eigens beauftragten Sicherheitsfirma um Personen auf den betroffenen Straßen kümmern werde.

 

 

 

14.12.2001, Der Tagesspiegel

Technikmuseum: Umzug offenbar vom Tisch

Das Deutsche Technikmuseum kann nach Informationen dieser Zeitung möglicherweise doch mit seiner gesamten Sammlung auf dem Gleisdreieck-Areal bleiben. Über die Nutzung wird seit Monaten heftig gestritten. Ursprünglich sollte das Museum nach Plänen der Berliner Bauverwaltung einen Teil seines brachliegenden Geländes am Gleisdreieck abgeben und mit einigen Exponaten in den Flughafen Tempelhof umziehen. Diese Pläne scheinen nach Gesprächen im Senat nunmehr vom Tisch zu sein. Die "Aktionsgemeinschaft Gleisdreieck" begrüßt die neuen Signale.

7.12.2001, die tageszeitung

Stadt nach Gutsherrenart

Vivico ist nach dem Land der größte Flächenbesitzer in Berlin und führt sich auch entsprechend auf. Vor allem in Friedrichshain wird sich zeigen, inwieweit die öffentliche Hand ihre Planungen durchsetzt
von UWE RADA

Den Mai dieses Jahres hat Mikado Kristine Schütt nicht in guter Erinnerung. Zwei Jahre lang hatten Schütt und andere Künstler auf dem Gelände des ehemaligen Reichsbahnausbesserungswerkes Franz Stenzer den RAW-Tempel betrieben. Zwei Jahre lang ein Gelände wieder nutzbar gemacht, das seit längerem brachlag. Dann kam die Kündigung. Wegen angeblicher "erheblicher Vertragsverletzungen" wollte die Vivico, die Eigentümerin an der Revaler Straße, die Künstler vom Gelände jagen.

Auf Kündigungen versteht man sich bei der Vivico. Davon wissen nicht nur die RAW-Templer ein Lied zu singen, sondern auch hunderte von Laubenpiepern. Schließlich ist die Vivico nicht irgendein Grundstückseigentümer, sondern neben dem Land der größte in Berlin. Der Nachfolgerin der "Eisenbahnimmobilien-Management" (EIM) und hundertprozentigen Tochter des Bundes gehören sämtliche Grundstücke der Bahn, die nicht unmittelbar für den Fahrbetrieb notwendig sind. Das sind die Kleingartenkolonien entlang der Bahnstrecken ebenso wie große zusammenhängende Flächen wie etwa das Revaler Viereck und dem Ostbahnhof in Friedrichshain oder das Gleisdreieck in Kreuzberg.

"Für Kleingärten ist nicht derselbe Erlös erzielbar wie für Bauland", sagt der Berliner Vivico-Chef Jürgen Heyder. Und Erlöse sind für Heyder der Dreh- und Angelpunkt des Geschäfts. "Unser Eigentümer ist zwar der Bund, aber wir agieren wie ein privates Unternehmen, damit möglichst viele Erlöse in den Bundeshaushalt zurückfließen", begründet er.

Diese Unternehmensphilosophie bringt die Vivico nicht nur in Konflikte mit Nutzern wie den Friedrichshainer Künstlern oder den Laubenpiepern, sondern auch dem Land Berlin und den Bezirken. Zum Beispiel am Gleisdreieck. Für Stadtentwicklungssenator Peter Strieder (SPD) und den Kreuzberger Baustadtrat Franz Schulz (Grüne) steht seit längerem fest, dass auf dem Gelände, auf dem früher ein Biotop gedieh, nun ein Park entstehen soll. Vivico als Eigentümer dagegen möchte am liebsten den Potsdamer Platz über die Yorckstraße hinweg nach Süden verlängern. "Auf dem letzten großflächigen Areal im Zentrum der Stadt", heißt es in einer Projektbeschreibung, "entwickelt die Vivico ein neues lebendiges Stadtquartier."

Kommt nun, zehn Jahre nach der Erpressung des Landes durch Daimler und Sony am Potsdamer Platz, die Stadtentwicklung nach Gutsherrenart zurück nach Berlin? Es dauerte jedenfalls sehr lange, bis sich die Vivico bereit erklärte, bestehende Pläne auf dem Gleisdreieck zumindest teilweise anzuerkennen. Der Kompromiss, der derzeit verhandelt wird, sieht vor, dass die Vivico auf 42 Hektar ihr neues Stadtquartier baut, während die Anwohner lediglich 16 Hektar für den lange ersehnten Park bekommen.

Das Geschäftsgebaren der Vivico ist Katrin Lompscher schon lange ein Dorn im Auge. "Die agieren als wären sie etwas Besonderes, dabei sind sie ein ganz normaler Eigentümer wie jeder andere auch", sagt die stadtentwicklungspolitische Sprecherin der PDS. Doch Lompschers Kritik richtet sich nicht nur gegen die Vivico, sondern auch gegen den Senat. "Wenn man ein städtebauliches Konzept hätte, könnte man die öffentlichen Interessen gegenüber der Vivico auch besser durchsetzen."

Das betrifft vor allem den Spreeraum. Zwischen Schilling- und Warschauer Brücke, so lautet die übereinstimmende Prognose von Immobilienexperten, liege die neue Entwicklungsachse Berlins. Diesem Umstand tragen Einzelprojekte wie das Trias-Gebäude, der Neubau des Novotels, das Internationale Solarcenter oder die Planungen für das Areal südlich des Ostbahnhofs mit zwei 117 und 70 Meter hohen Türmen bereits Rechung. Das größte dieser Projekte wird aber der neue Stadtteil zwischen Ostbahnhof und Warschauer Brücke sein. Auf dem 21 Hektar großen Gelände soll nicht nur eine neue Großhalle für 16.000 Zuschauer entstehen, sondern auch Wohnungen, Büros und Einzelhandel. Investor ist die amerikanische Anschutz Entertainment Group, die das ehemalige Vivico-Gelände entwickeln wird.

Spätestens mit diesen Vorhaben gerät der Spreeraum allerdings in Wettbewerb zu bereits bestehenden Plänen. Das ist auch der Grund, warum sich nun auch die Stadtentwicklungsverwaltung einschaltet. "Zuviel Bruttogeschossfläche auf dem Anschutz-Gelände ist problematisch", sagt Strieders Chefplaner Dietrich Flicke, "weil wir sonst in Konkurrenz zu den Planungen am Alexanderplatz geraten."

Nachdem die Strieder-Behörde die Bahnflächen lange Zeit nicht mitbedacht hat, will man nun mit einem Gutachten zum Spreeraum wieder Land gewinnen und eine städtebauliche Leitplanung formulieren. "Höchste Zeit", sagt dazu PDS-Bauexpertin Katrin Lompscher und nennt gleich die Prioritäten ihrer Partei. "Im Vordergrund stehen die Infrastrukturmaßnahmen. Da müssen wir sehen, dass wir die gegenüber den Investoren durchsetzen."

Noch allerdings sitzen die Investoren nicht in den Startlöchern. "Am Alexanderplatz", berichtete im Sommer Jürgen Kuhle von der Aengevelt Immobilien-Gruppe, "haben wir uns bemüht, den Schlüsselnutzer für das erste Hochhausprojekt im Bürobereich zu finden. Das war schlicht nicht möglich."

Gleiches dürfte auch für den neuen Entwicklungsraum an der Spree gelten, zumal in der bereits fertig gestellten Oberbaum-City noch immer Büroräume leer stehen. Kritiker fordern deshalb bereits, die Planungen für weitere Areale offen zu halten und viel mehr auf temporäre Nutzungen wie "Maria am Ostbahnhof" zu setzen. Der legendäre Club muss demnächst ausziehen, ohne dass mit dem geplanten Neubau an gleicher Stelle begonnen würde.

Der größte Konkurrent um den Immobilienmarkt im Spreeraum ist sich allerdings Vivico selbst. "Mit dem Bau der Anschutz-Halle samt umliegender Gebäude", weiß auch Vivico-Pressesprecher Brandt, "wird es für das Revaler-Viereck schwerer." Nicht zuletzt deshalb will Vivico das Gelände mit dem RAW-Tempel selbst entwickeln. Ein städtebaulicher Wettbewerb ist bereits im Gange, die Bürgerbeteiligung hat begonnen. Und plötzlich ist auch der RAW-Tempel wieder im Spiel. "Offenbar kann die Vivico auf bereits vorhandene Nutzer gar nicht verzichten", sagt der Architekt Christian Mika, der bei der Bürgerbeteiligung die Interessen der Anwohner vertritt.

Gleichwohl ist auf dem Gelände des ehemaligen Reichsbahnausbesserungswerks das letzte Wort noch nicht gesprochen. Während sich die meisten Anwohner für möglichst viele Grünflächen aussprechen, will die Vivico so dicht wie möglich bebauen. Wie dicht, das will sie allerdings nicht verraten. Im städtebaulichen Wettbewerb wird zwar vorgegeben, die denkmalgeschützen Hallen zu erhalten. Über die Baumasse schweigt sich die Vivico allerdings aus.

So sieht sie eben aus, die neue Stadtentwicklung nach Gutsherrenart.

 

27. 11. 2001, Berliner Morgenpost

Stadtvillen statt Museumsausbau

Von Markus Falkner
Kreuzberg/Schöneberg/Tiergarten - Die Tage der 300 Meter langen historischen Ladestraße des ehemaligen Anhalter Güterbahnhofs scheinen gezählt. In den Verhandlungen zwischen der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und der Eisenbahn-Immobilien-Verwertungsgesellschaft Vivico über die künftige Entwicklung des Gleisdreiecks zeichnet sich ab, dass die ursprünglich als dritte Ausbaustufe des Deutschen Technikmuseums vorgesehenen Lagerhallen voraussichtlich den von der Vivico geplanten Stadtvillen an der Möckernstraße weichen müssen. Nach den Vorstellungen des Senats könne das Museum stattdessen am Flughafen Tempelhof weitere Ausstellungsflächen finden, wie Petra Roland bestätigt. Ohnehin sei der Museumsausbau «Zukunftsmusik», sagt die Sprecherin von Stadtentwicklungssenator Peter Strieder (SPD). «Über Jahre hinaus ist absehbar, dass es dafür kein Geld geben wird.»
Auf Kritik stieß der sich abzeichnende Kompromiss zwischen dem Land und der Bahn-Tochter schon vor Wochen, als die Pressesprecherin des Deutschen Technikmuseums, Maria Borgmann, ankündigte, die Pläne «nicht kampflos hinnehmen» zu wollen. Jetzt erhält sie Unterstützung von den in der Aktionsgemeinschaft Gleisdreieck zusammengeschlossenen Bürgerinitiativen, die sich seit Jahren für eine anwohnerfreundliche Gestaltung des Geländes, vor allem für eine großzügige Parkfläche einsetzen. Matthias Bauer, Sprecher der Aktionsgemeinschaft, kritisiert, die Senatsverwaltung habe weder schlüssige Konzepte für den Flughafen Tempelhof, noch für das Gleisdreieck oder das Technikmuseum. Er fordert, die Ladestraße in jedem Fall zu erhalten. «Wird diese Struktur abgerissen, ist vor Ort nicht mehr nachzuvollziehen, wie der einst größte Berliner Bahnhof einmal funktioniert hat», sagt Bauer. Damit würde dem künftigen Gleisdreieckpark eines der wichtigsten originären Elemente fehlen.
Über die unterschiedlichen Planungsansätze und alternative Entwicklungsmöglichkeiten des Gleisdreiecks informiert die Aktionsgemeinschaft seit Monaten in einer Ausstellung, die noch bis Freitag, 30. November, täglich von 17 bis 20 Uhr an der Pallasstraße 3 in Schöneberg zu sehen ist. Voraussichtlich vom 11. Dezember an gastiert die Ausstellung dann im Deutschen Technikmuseum. Am Sonntag, 2. Dezember, lädt die AG alle Interessierten zu einer Führung über das Bahngelände ein. Treffpunkt ist um 13 Uhr an der Lutherkirche am Schöneberger Dennewitzplatz.

13.11.2001, Der Tagesspiegel

Hangars als Museumsstandort

Stadtentwicklungssenator will Teile des Technikmuseums nach Tempelhof verladen
Ole Töns

Kreuzberg, Tempelhof-Schöneberg. Das Deutsche Technikmuseum soll auf die seit langem erhofften Erweiterungsflächen auf dem Gelände des Gleisdreiecks verzichten. Dies erklärte gestern die Sprecherin der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Petra Reetz. Demnach sind die laufenden Verhandlungen zwischen der zuständigen Verwertungsgesellschaft für die ehemaligen Bahnflächen, Vivico, und der Senatsverwaltung hinsichtlich der strittigen Flächen auf dem ehemaligen Anhalter Güterbahnhof bis auf Details abgeschlossen. "Das Museum wird zwar die zur Zeit genutzten Gebäudeteile behalten, darüber hinaus aber keine Flächen erhalten die dem Land Berlin gehören", so Reets. Als Alternativstandorte für Teile des Verkehrsmuseums schlägt die Senatsverwaltung den Flughafen Tempelhof vor. Nach Auskunft des Technikmuseums wird zur Zeit der Kopfbau sowie Teile der dazugehörigen lang gestreckten Lagergebäudes parallel zur Möckernstraße genutzt. Für die Museumserweiterung waren laut Museumssprecherin Maria Borgmann aber sämtliche Gebäude einer weit größeren ehemaligen Ladestraße sowie ein zweiter Kopfbau am Kanalufer geplant. Diese Flächen werden laut Reetz jetzt unter anderem für einen Park auf dem Gleisdreieck genutzt. Hintergrund der Entscheidung sind seit längerem laufende Verhandlungen zwischen der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und der Vivico um die Aufteilung des brachliegenden Gleisdreiecks in Baugrundstücke und Grünflächen. Letztere stehen dem Land unter anderem als Ausgleichsflächen für die Bauten am Potsdamer Platz zu und sollen möglichst als zusammenhängende Erholungsfläche angelegt sein. Der Vivico geht es dagegen in erster Linie um eine möglichst gewinnbringende Vermarktung von Baugrundstücken. Dass Teile des Verkehrsmuseums in den Flughafen Tempelhof umziehen könnten, ist laut Reetz bisher nur eine Idee, für die es noch keinerlei Finanzierungskonzept gibt. Für die vom Museum gewünschte Erweiterung sind demnach allerdings auch keinerlei Mittel verfügbar. Als eine Amputation des bisher auf einen zentralen Standort hin geplanten Technikmuseums wertete dagegen Borgmann die Senatsvorschläge. Demnach wurde bei der Planung seit der Gründung 1982 von dem zentralen Gelände auf dem Gleisdreieck ausgegangen. Teil dieser Planung sei seit langem auch eine Finanzierung mit Hilfe privater Investoren. Diese bräuchten lediglich Planungssicherheit. Der neue Museumsbau, in dessen Fassade ein historisches Flugzeug integriert ist, sei darüber hinaus offensichtlich bereits als Gebäude für die Luftfahrtausstellung angelegt. Gegen eine Teilung des Technikmuseums auf mehrere Standorte hatte sich auch Gründungsdirektor Günther Gottmann ausgesprochen. Laut Gottmann sind bereits Millionensummen in Exponate sowie deren Lagerung geflossen.

12.11.2001, Berliner Zeitung
KREUZBERG/ TEMPELHOF

Technikmuseum soll aufgeteilt werden

Das Deutsche Technikmuseum soll nach Plänen der Senatsbauverwaltung einen Teil seines brachliegenden Geländes am Gleisdreieck abgeben und mit einigen Exponaten in den Flughafen Tempelhof umziehen. Die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung wolle die geplante Erweiterungsfläche des Museums nun einem geplanten Park am Gleisdreieck zuschlagen, wie die "tageszeitung" am Wochenende berichtete. Weder das Land noch das Museum hätten die Mittel, um das Haus durch einen Neubau zu erweitern. Deshalb sollen sowohl die Straßenverkehrssammlung als auch Teile der Raum- und Luftfahrtausstellung in den voraussichtlich ab 2007 schließenden Flughafen Tempelhof ziehen. (dpa)

1. 11. 2001, Berliner Abendblatt

Senat: baldiger Vertrag, AG Gleisdreieck: Rahmen nicht eingehalten

Neue Aspekte bei der Gleisdreieck-Bebauung

Schöneberg/Kreuzberg/ Tiergarten. Wieviel Grünfläche und wieviel Bebauung wird es auf dem Gleisdreieck geben? Während die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und die Eisenbahn-Immobilien-Verwertungsgesellschaft Vivico einen baldige Vertragsunterzeichnung in Aussicht stellen, spricht die Aktionsgemeinschaft Gleisdreieck davon, dass die Rahmenvereinbarungen nicht eingehalten worden sind.
Ephraim Gothe, Referent von Senatsbaudirektor Hans Stimmann, zum Thema: "Wir sind guten Muts, dass in den nächsten Wochen der Vertrag zwischen der Vivico und dem Senat unterzeichnet wird." Dessen Ziel sei nach wie vor eine möglichst große Parkfläche. Willi Brandt von der Vivico spricht vom Senat als "einem harten aber fairen Verhandlungspartner". Ursprünglich sollten auf dem 62 Hektar großen Areal, wovon 42 Hektar von der Vivico vermarktet werden sollen, nur zehn Hektar bebaut werden, zwischenzeitlich gab es Zugeständnisse seitens des Senats und die zu bebauende Fläche sei auf 19 Hektar angewachsen, wie die Aktionsgemeinschaft (AG) Gleisdreieck kritisiert. Brandt dazu: "Natürlich wollen wir die Fläche so gut wie möglich vermarkten, aber das geht nur, wenn man sich politisch einigt. Und natürlich wollen wir auch ein grünes Gleisdreieck."
Konkretere Infos sind derzeit weder vom Senat noch von der Vivico zu erhalten - aber von der AG Gleisdreieck, die eine Mängelliste erarbeitet hat. "Uns geht es um die Höhe und Dichte der Bebauung auf den fünf Baufeldern des Areals", erklärt Norbert Rheinlaender. Einer der Hauptkritikpunkte: Entlang der Flottwellstraße solle jetzt höher gebaut werden, was die Frischluftschneise Richtung Tiergarten verenge. Der Hintergrund: Die Ladestraße des ehemaligen Anhalter Güterbahnhofs könne nicht bebaut werden, da das deutsche Technikmuseum dort eine Erweiterung vorgesehen hat, "was im Gründungsvertrag des Museums vereinbart war". Dahinter stehe sogar Bahnchef Hartmut Mehdorn als Mitglied des Stiftungsrats des Museums. Also wolle die Vivico an der Flottwellstraße einen Ausgleich.
Einen ganz neuen Aspekt rückt die AG Gleisdreieck jetzt ins Licht: "Wir lassen ein Rechtsgutachten erarbeiten, denn es gibt juristische Ansätze dafür, dass ein Gelände, das länger als fünf Jahre nicht genutzt wird, an die Kommune zurückfallen kann." Die Bahn als Eigentümer des Areals hätte rein rechtlich sowieso nur die Möglichkeit einer Nutzung als Verkehrsfläche. Die sei aber im Prinzip mit der Fertigstellung des Potsdamer Platzes beendet, dafür würde die jahrelang dort etablierte Baulogistik- fläche nicht mehr gebraucht. Allerdings: "Die Bahn hat den Potsdamer Platz bis 2006 als Baulogistik-gelände beansprucht", so Rheinlaender, "wahrscheinlich, um sich abzusichern."
Dass interessierte Anwohner über die Planungen nicht ausreichend informiert worden seien, kritisiert die AG seit langem. Um dem abzuhelfen, haben die Bür-gerinitiativen, die in der AG Gleisdreieck mitarbeiten, eine Ausstellung organisiert, mit finanzieller Unterstützung des Quartiersmanagements Schöneberger Norden. Sie zeigt 16 Schautafeln der AG sowie vier der Vivico, "denn die Bürger sollen sich ein unabhängiges Bild machen können", erklärt Rheinlaender. Deutlich werden sollen die unterschiedlichen Positionen, und an Hand eines Modells können die verschiedenen Bebauungsvarianten nachgestellt werden.
Die Ausstellung ist bis Dienstag, 4. November, im U-Bahnbogen an der Pohlstraße 11 in Tiergarten zu sehen. Öffnungszeiten sind täglich von 17 bis 20 Uhr. Danach wandern die Schautafeln nach Schöneberg. Vom 9. bis 21. November sind sie im Gemeindesaal der Zwölf-Apostel-Kirche, An der Apostelkirche 1, zu sehen, vom 23. bis 30. November in der Pallasstraße 3. Öffnungsszeiten: ebenfalls täglich von 17 bis 20 Uhr. um
Berliner Abendblatt vom 1. November 2001 - 7. November 2001

30. 10. 2001

Pressemitteilung VIVICO

München, 30. Oktober 2001 - Peter Strieder, Senator für Stadtentwicklung, und Dirk Grosse-Wördemann, Vorsitzender der Geschäftsführung der Vivico Management GmbH, zeigen sich zuversichtlich, die Gespräche über eine Einigung für die Entwicklung des Berliner Gleisdreiecks zeitnah abschließen zu können.
Dies äußerten beide anlässlich der EXPO REAL in München, dem mit 900 Ausstellern aus 20 Ländern größten Treff der Immobilienbranche in Deutschland. Damit treten beide Verhandlungspartner anders lautenden Meldungen, u.a. der "AG Gleisdreieck", entgegen.
Peter Strieder: Ich bin davon überzeugt, dass wir diese Einigung in naher Zukunft vertraglich fixieren können."
Dirk Grosse-Wördemann: "Wir wollen das Momentum nutzen, nach den harten und fairen Verhandlungen schnell zu einem Abschluss zu gelangen."
Der Stand der Gespräche sieht einen 22,4 ha großen Park (davon rund 3 ha "Wäldchen") und weitere nicht zusammen hängende Grünflächen von rund 6,1 ha vor. Umrandet wird dies von fünf Baufeldern für innerstädtisches Wohnen, Arbeiten und Freizeit. Die ursprüngliche Planung sah zunächst einen 16 ha großen Park vor und war als Ausgleichfläche für die Bebauung am Potsdamer Platz vorgesehen.

Hervorgegangen ist die Vivico Management GmbH aus der 1996 gegründeten Eisenbahnimmobilien Management GmbH (EIM) - einer 100-prozentigen Tochter der Deutschen Bahn. Die Vivico agiert seit 15. März 2001 unter neuem Namen.

27.10.2001, Der Tagesspiegel
Verfahren

Brachfläche Gleisdreieck: Senat und Bahnimmobilienfirma konnten sich über die Bebauung noch nicht einigen

Ole Töns
Tempelhof-Schöneberg / Kreuzberg. Eine Einigung über das künftige Verhältnis von Grün- und Erholungsflächen zu Neubaugebieten auf einer der größten innerstädtischen Brachflächen Berlins ist kurz vor der Wahl gescheitert. Dies erklärte die Aktionsgemeinschaft Gleisdreieck, in der mehrere Anwohnerinitiativen um das rund 62 Hektar große Areal südlich des Potsdamer Platzes organisiert sind. Bei den Verhandlungen ging es zuletzt um Flächen, die dem Land als Ausgleichsfläche für die Bebauung des Potsdamer Platzes zustehen. Die Grundstücksverwertungsgesellschaft für die ehemaligen Bahnflächen, Vivico, möchte möglichst gewinnversprechende Teile des Areals zur Immobilienentwicklung reservieren. Die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung strebt dagegen einen weitgehend zusammenhängenden Park an. Dass ein Informationstermin zu den Verhandlungen kurz vor der Wahl kurzfristig abgesetzt worden sei, wurde unterdessen von der Senatsverwaltung bestätigt. Grundsätzlich sei der Rahmenvertrag allerdings keineswegs gescheitert, hieß es. Einen neuen Termin für die Unterzeichnung gebe es jedoch nicht. Zuletzt hatte sich eine Einigung zwischen der AG-Gleisdreieck und der Vivico abgezeichnet, nach der die Vivico die Möglichkeit erhalten hätte, zwischen dem geplanten Park und der Flottwellstraße südlich des Potsdamer Platzes Hochhäuser zu bauen. Die Anwohnervereinigungen fordern dagegen, dass der künftige Park zu den umliegenden Straßen offen bleiben. In die Kritik geraten sind auch Pläne der Vivico, wonach Flächen für Neubauten reserviert worden, die bisher zur Erweiterung des Technikmuseums vorgesehen waren. Prominenter Widerspruch gegen dieses Vorhaben verhinderte nach Auskunft der Sprecherin des Technikmuseums, Maria Borgmann, dass die Einigung zustande kam. Wie berichtet, hatten Mitglieder des Stiftungsbeirates des Museums - darunter Bahnchef Hartmut Mehdorn - kurz vor der Wahl gegen Neubauten auf dem Gelände des ehemaligen Anhalter Güterbahnhofs ausgesprochen. Starke Einwände erhob jetzt auch der Gründungsdirektor des Museums, Günther Gottmann. Millionen seien bereits in historische Sammlungen geflossen, die eigens zur Ausstellung auf diesem Gelände angeschafft worden seien, sagte Gottmann. Sollte die schon im Gründungsbeschluss vorgesehene Ausstellungsfläche des Anhalter Güterbahnhofs nicht mehr zur Verfügung stehen, sei das ganze Museumskonzept gefährdet, sagte Gottmann. Die Senatsverwaltung erklärte, über diesen Punkt der Planung sei mit der Vivico Stillschweigen für die Dauer der Verhandlungen vereinbart worden.
Ausstellung Gleisdreieck: täglich 17 - 20 Uhr, noch bis 4. 11. U-Bahnbogen, Pohlstraße 11. 9. 11. - 21. 11. Gemeindesaal der Zwölf-Apostel-Kirche, An der Apostelkirche 1, 23. 11. - 30. 11. Pallasstraße 3.

20. 10.2001, Berliner Morgenpost

Vivico baut auf dem Gleisdreieck

Die Verträge zur Bebauung des Gleisdreiecks stehen offenbar kurz vor der Unterzeichnung. Dies erklärte gestern die Senatsbauverwaltung. Seit Jahren verhandelt der Senat mit der Eisenbahn-Immobilientochter Vivico über die Bebauung des 17 Hektar großen Areals östlich der Flottwellstraße. «Es müssen nur noch ein paar Feinheiten bei der Einmessung der Grundstücke geklärt werden», sagte die Sprecherin der Bauverwaltung, Petra Rohland. Sie dementierte damit eine Mitteilung der AG Gleisdreieck über ein «Platzen» der Verhandlungen. Die Bebauungspläne sind auch wichtig für die Expansion des Technikmuseums, das auf einem Teil des Geländes seine Automobilsammlung unterbringen will. west

18. 10. 2001, Spandauer Volksblatt

Streit um das Gleisdreieck geht weiter

Aufteilung in Park- und Bauland umstritten

Kreuzberg. Am 18. Oktober sollte eine Entscheidung über die Zukunft des Gleisdreiecks fallen. Senat und Bahn AG wollten einen Vertrag über die Aufteilung des Geländes in Bau- und Freiflächen abschließen. Es gibt jedoch bis heute keinen unterschriftsreifen Vertrag. Bahn, Senat und Bürgerinitiativen hatten sich in der Vergangenheit lange über die künftige Aufteilung des Geländes am Gleisdreieck gestritten. Letztlich einigten sie sich auf einen Kompromiss. Er sieht einen großen Park und Wohnbebauung auf dem Gelände vor. Der Streit zwischen Deutscher Bahn, Senat und Anwohnerinitiativen um die Bebauung des Gleisdreieckes geht in eine neue Runde. Grund: Der Termin zur vertraglichen Fixierung des gefundenen Kompromisses war geplatzt, neue Pläne wurden diskutiert. Von den neuen Plänen ist nun auch die frühere Ladestraße des Anhalter Güterbahnhofs betroffen. Deren Schuppen nutzt das Deutsche Technikmuseum derzeit als Depot für historische Fahrzeuge. Das Gelände wollte der Senat eigentlich dem Museum zuschlagen. "Wenn das Depot wegfällt", sagt Maria Borgmann vom Museum, "muss technisches Kulturgut von Millionenwert verschrottet werden." Bevor jedoch die Flächen Bauland werden könnten, müsste der Flächennutzungsplan des Landes Berlin geändert werden. Darin sind die Flächen als Grünflächen ausgewiesen. Petra Rohland, Pressesprecherin der Senatsverwaltung, wollte auf Anfrage eine beabsichtigte Umwidmung der Flächen nicht bestätigen. "Die Vertragsverhandlungen mit der Vivico stehen kurz vor dem Abschluss", sagt sie. Es müssten nur noch Randfragen geklärt werden. Senator Peter Strieder habe lediglich vor der Wahl keinen Vertrag abschließen wollen, der nicht bis ins Detail ausgereift sei. Die Aktionsgemeinschaft der Bürgerinitiativen zeigt bis zum 4. November eine Ausstellung über die Planungen am Gleisdreieck im U-Bahnbogen Pohlstraße 11. Die Ausstellung ist ab 9. November in der Zwölf-Apostel-Kirche Kurfürstenstraße 7 und ab 22. November in der Pallasstraße 3 zu sehen. Öffnungszeiten täglich 17 bis 20 Uhr. Sonntags 13 Uhr gibt es vom Ausstellungsort eine Führung über das Bahngelände. Nähere Auskünfte unter 215 11 35. Warum der Vertragstermin am 18. Oktober geplatzt ist, darüber gibt es verschiedene Erklärungen. Matthias Bauer von der Aktionsgemeinschaft, einem Zusammenschluss der Bürgerinitiativen, sieht in Bahn-Chef Harmut Mehdorn den Bremser. Dieser habe Widerspruch gegen den Kompromiss eingelegt. Wilhelm Brandt, Sprecher der Vivico, der Immobilientochter der Deutschen Bahn, sagt, dass der Verhandlungsstand noch nicht so weit fortgeschritten gewesen sei. Ein Termin 18. Oktober sei nie ins Auge gefasst worden, da noch nicht alle Baufelder abgestimmt wären. Von einer Aufkündigung des Kompromisses könne keine Rede sein, da statt ursprünglich 16 Hektar Parkfläche jetzt 22,4 zur Verhandlung stünden. Laut Matthias Bauer hat auch der Senat den Kompromiss wieder in Frage gestellt. Senatsbaudirektor Hans Stimmann habe im Frühjahr öffentlich von Bauflächen an der Flottwell- und Dennewitzstraße sowie an der Möckernstraße gesprochen. Die Aufteilung würde sich zugunsten der Baufläche verschieben. Sie werde um neun Hektar vergrößert und der Park erheblich verkleinert. Der Streit zwischen Deutscher Bahn, Senat und Anwohnerinitiativen um die Bebauung des Gleisdreieckes geht in eine neue Runde. Grund: Der Termin zur vertraglichen Fixierung des gefundenen Kompromisses war geplatzt, neue Pläne wurden diskutiert. Von den neuen Plänen ist nun auch die frühere Ladestraße des Anhalter Güterbahnhofs betroffen. Deren Schuppen nutzt das Deutsche Technikmuseum derzeit als Depot für historische Fahrzeuge. Das Gelände wollte der Senat eigentlich dem Museum zuschlagen. "Wenn das Depot wegfällt", sagt Maria Borgmann vom Museum, "muss technisches Kulturgut von Millionenwert verschrottet werden." Bevor jedoch die Flächen Bauland werden könnten, müsste der Flächennutzungsplan des Landes Berlin geändert werden. Darin sind die Flächen als Grünflächen ausgewiesen. Petra Rohland, Pressesprecherin der Senatsverwaltung, wollte auf Anfrage eine beabsichtigte Umwidmung der Flächen nicht bestätigen. "Die Vertragsverhandlungen mit der Vivico stehen kurz vor dem Abschluss", sagt sie. Es müssten nur noch Randfragen geklärt werden. Senator Peter Strieder habe lediglich vor der Wahl keinen Vertrag abschließen wollen, der nicht bis ins Detail ausgereift sei. Die Aktionsgemeinschaft der Bürgerinitiativen zeigt bis zum 4. November eine Ausstellung über die Planungen am Gleisdreieck im U-Bahnbogen Pohlstraße 11. Die Ausstellung ist ab 9. November in der Zwölf-Apostel-Kirche Kurfürstenstraße 7 und ab 22. November in der Pallasstraße 3 zu sehen. Öffnungszeiten täglich 17 bis 20 Uhr. Sonntags 13 Uhr gibt es vom Ausstellungsort eine Führung über das Bahngelände. Nähere Auskünfte unter Telefon 215 11 35. FW

17.10.2001, Der Tagesspiegel
Technikmuseum

Bahnchef Mehdorn gegen Einschränkung

Bahnchef Hartmut Mehdorn hat sich als Mitglied des Stiftungsrates des Deutschen Technikmuseums in Berlin deutlich gegen Überlegungen der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und einer Grundstücksgesellschaft gewandt, den weiteren Ausbau des Museums an seinem jetzigen Standort nahe dem U-Bahnhof Gleisdreieck einzuschränken. Ein entsprechender Protest des Stiftungsrates wurde nach seiner konstituierenden Sitzung unter Leitung der Berliner Kultursenatorin Adrienne Goehler am gestrigen Dienstag veröffentlicht. "Während andere Städte große und öffentlichkeitswirksame Technikmuseen entwickeln, weil sie damit großer Besuchernachfrage Rechnung tragen", setze Berlin durch diese Planung einen einzigartigen Standort für sein zentrales Technikmuseum aufs Spiel, heißt es darin. Die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung widerspräche mit ihrem Vorhaben, Museumsflächen für eine Wohnbebauung freizugeben, überdies einem vom Parlament gefassten Grundsatzbeschluss über den weiteren Ausbau des Museums.

 

15. 10. 2001, Berliner Morgenpost

Widerstand gegen zusätzliche Wohnungen am Gleisdreieck

Aktionsgemeinschaft befürchtet Verschlechterung des Stadtklimas -

Auch das Deutsche Technikmuseum protestiert

Von Beate K. Seiferth

Schöneberg/Kreuzberg/Tiergarten - Die Aktionsgemeinschaft (AG) Gleisdreieck wehrt sich gegen die Ausdehnung der Baufläche auf dem Gleisdreieck. Auf dem 62 Hektar großen Areal sollen künftig 17 Hektar für Wohnungen und Büros genutzt werden. Doch eine ursprüngliche Kompromisslösung zwischen der Eisenbahn-Immobilien-Verwertungsgesellschaft Vivico, dem Senat sowie der AG sah eine Bebauung von zehn Hektar vor. «Nach jahrelangen Verhandlungen soll jetzt über unsere Köpfe hinweg entschieden werden», ärgert sich AG-Mitglied Matthias Bauer. Doch das wolle man nicht einfach hinnehmen.

Hauptknackpunkte für die AG sind die jetzt zusätzlich avisierte Bebauung entlang der Ostseite der Flottwellstraße sowie der Abriss der Güterschuppen und die Bebauung der Ladestraße des ehemaligen Anhalter Güterbahnhofs. «Die Frischluftschneise vom Tiergarten über das Gleisdreieck zum südlichen Stadtrand würde dadurch derart verengt, dass der Luftaustausch nicht mehr gewährleistet ist», kritisiert Bauer. Zudem sei dieser Teil im Flächennutzungsplan als Grünbereich vorgesehen. Auch die geplante Einbeziehung des Postbahnhofes am Gleisdreieck als Areal für Hochhäuser könnte sich negativ auf den Luftaustausch auswirken. Die AG fordert, dass vor einer Ausweisung dieses Areals als Baufläche die möglichen Folgen auf das Stadtklima untersucht werden.

Kritik übt auch die Pressesprecherin des Deutschen Technikmuseums, Maria Borgmann. Denn die Ladestraße gehört zur so genannten dritten Ausbaustufe des Museums. «Dort sollen künftig Objekte der Verkehrsgeschichte sowie der Kommunikations- und Produktionstechnik ausgestellt werden», so Borgmann. Zwar kann dieses Projekt wegen fehlenden Geldes derzeit nicht realisiert werden. «Doch wir werden nicht kampflos hinnehmen, dass unsere Pläne damit endgültig zerschlagen werden.»

Bei der Vivico hält man sich indes bedeckt. «Im Senat wird derzeit über die Abgrenzung der Bebauungsflächen diskutiert», sagt Sprecher Willi Brandt. Dessen Entscheidung wolle man zunächst abwarten. Auch die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung will nicht mit der Sprache rausrücken. «So kurz vor Abschluss der Verhandlungen können wir keine Informationen an die Öffentlichkeit geben», sagt Pressesprecherin Petra Roland. Ein Fakt, den die AG heftig kritisiert. «Erst einen Vertrag mit der Vivico abschließen und anschließend den Flächennutzungsplan entsprechend ändern, halten wir für ein unkorrektes Verfahren», ärgert sich Bauer. Die Bürgerbeteiligung würde damit zur Farce degradiert.

Moniert wird von der AG auch die fehlende Öffentlichkeitsarbeit von Seiten des Senats. Deshalb gibt es jetzt eine Wanderausstellung, in der die Diskussionsverläufe, die Visionen der AG und die Pläne der Vivico vorgestellt werden. Bis 23. Oktober ist sie in der Luther-Kirche am Dennewitzplatz täglich von 17 bis 20 Uhr zu sehen.

 

15.10.2001, Berliner Zeitung

KEUZBERG

Das Gleisdreieck kann gestaltet werden

Streit zwischen Berlin und der Deutschen Bahn ist beigelegt / Grünfläche wird kleiner als geplant

Autor: Karin Schmidl, Peter Neumann

Nach sechsjährigem Streit scheint jetzt alles klar: Das Land Berlin und die Deutsche Bahn-Tochter Vivico haben sich auf einen Kompromiss zur Gestaltung des Gleisdreiecks geeinigt. Auch im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg, der letztlich alle Baupläne genehmigen muss, gibt es Zustimmung.

Der Kompromiss sieht unter anderem vor, auf dem Areal zwischen Kreuzberg, Schöneberg und Tiergarten einen rund 22 Hektar großen Park zu schaffen. Auf gut vier Hektar sollen Sportflächen entstehen, 19 Hektar bebaut werden. Die Aufteilung zwischen Grünflächen und Bebauung war bis zuletzt strittig. Das Land wollte mehr Grün, die Bahntochter Vivico, der das Areal gehört, wollte dichter und höher bauen.

Nun hat man sich auf insgesamt fünf Flächen, so genannte Baufelder, geeinigt: Gebaut wird demnach entlang der Flottwellstraße, an der Yorck- und an der Möckernstraße, südlich des Technikmuseums am so genannten Schwechtenpark und in der Mitte des Areals. An der Flottwell- und der Möckernstraße sollen vorrangig Wohnungen, an der Yorckstraße und nahe dem Bahnhof Gleisdreieck vor allem Gewerberäume entstehen. Im östlich gelegenen Schwechtenpark will die Vivico ein Konferenzzentrum errichten. Die fünf Flächen sollen innerhalb der nächsten zehn bis 15 Jahre bebaut werden. Wenn mit dem Bau der Sportplätze im Südwesten begonnen wird, müssen einige, ebenfalls der Bahn gehörende Kleingärten geräumt werden, die Pächter sollen andere Gärten bekommen.

Im Bezirk hat man sich mehrheitlich mit dem Kompromisspapier abgefunden. "Ich werbe dafür im Wissen, dass wir nicht alles erreicht haben, was wir uns wünschten", sagt Baustadtrat Franz Schulz (Grüne). Für ihn ist vor allem unbefriedigend, dass die öffentliche Grünfläche kleiner wird als erhofft. Ursprünglich waren 24 Hektar zusammenhängende Grünfläche vereinbart worden. Diese grüne Schneise im dicht besiedelten Citybereich wird von Anwohnern und Experten als wichtige Klimaschneise angesehen. Auch SPD und PDS sind dafür, mit dem Park zu beginnen, statt weiterhin "unrealistische Diskussionen" zu führen. Die Grünen verweigern die Zustimmung: Für sie ist die Bebauung an der Flottwellstraße nicht akzeptabel.

Ohnehin ist das Kompromisspapier sehr allgemein gehalten. Wie hoch die geplanten Gebäude werden und wie dicht sie stehen dürfen, muss für den jeweiligen Einzelfall entschieden werden. Neuer Streit am Gleisdreieck ist programmiert.

Kritik kommt bereits vom Deutschen Technikmuseum. Dessen Experten lehnen den geplanten Abriss der letzten Güterschuppen des Anhalter Bahnhofs ab. Das Museum will die beiden historischen Gebäude und die dazwischen liegende, 300 Meter lange Gasse dazu nutzen, um weitere Teile ihrer Sammlungen der Öffentlichkeit zu präsentieren.

Ein anderer Streitpunkt ist dagegen beigelegt. In der aktuellen Planung der Vivico fehlt die ursprünglich vorgesehene Nord-Süd-Straße, die vom Landwehrkanal zur Yorckstraße führen sollte. Neue Bauprojekte versperren die bis vor kurzem vorgesehene Trasse. Die Bürgerinitiative Westtangente hatte befürchtet, dass die Straße als Bindeglied zwischen dem Tiergartentunnel und der Stadtautobahn dienen könnte. Damit wären die 1981 vom Senat beendeten Planungen einer "Westtangente" wieder aufgelebt.

Die Aktionsgemeinschaft Gleisdreieck zeigt eine Ausstellung über das Gelände. Bis zum 23. Oktober ist sie täglich von 17 bis 20 Uhr in der Martin-Luther-Kirche, Dennewitzplatz, zu sehen. Führungen über das Bahngelände werden immer sonntags 13 Uhr angeboten, Treffpunkt am Ausstellungsort.


Bauvorhaben am Gleisdreieck // Fünf Flächen am Gleisdreieck sollen in den nächsten zehn bis 15 Jahren bebaut werden: 1 - an der Flottwellstraße (rund 2,5 Hektar) 2 - in der Mitte (rund 6,9 Hektar für Hochhäuser) 3 - im so genannten Schwechtenpark (rund 3,7 Hektar) 4 - an der Ecke Yorck-/Möckernstraße (etwa drei Hektar) 5 - am Yorckdreieck (rund 2,4 Hektar

 

13. 10.2001, Berliner Morgenpost
Spaltungspläne

Senat will Teile des Technikmuseums zum Airport Tempelhof verlagern

Von Dirk Westphal und Beate K. Seiferth

Das Deutsche Technikmuseum Berlin (DTMB), viertgrößtes seiner Art weltweit, ist von der Spaltung bedroht. Die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung will Teile der riesigen Luftfahrt- und Automobilsammlung in ungenutzte Hangars des Flughafens Tempelhof verlegen. Statt nur eines Standortes gäbe es damit künftig auch eine Museumsdependance. Werden die Pläne umgesetzt, bedeutet das die Aufgabe der jahrzehntealten Vision von einem alle Sammelgebiete umfassenden «Technikmuseum generale» am Gleisdreieck.

Nach Morgenpost-Informationen existiert in der Senatsverwaltung ein entsprechendes Papier, das bis nach den Wahlen zurückgehalten werden soll. Es sieht vor, den Flughafen nach dessen Schließung mit «kulturellen Ankern» aus dem Museum aufzuwerten. Hintergrund der Verlagerungspläne sind auch Absichten der Eisenbahn-Immobilien-Tochter Vivico, 17 statt der ursprünglich nur angedachten zehn Hektar des Gleisdreiecks mit Häusern zu bebauen und damit eben jenes Gelände zu blockieren, das für die Automobilausstellung des DTMB vorgesehen war. Pikant: Auch der Museumsneubau müsste umgenutzt werden. Er war eigens für die Luft- und Schifffahrt 1999 für 140 Millionen Mark (71 Millionen Euro) errichtet worden.

Mit Rücksicht auf den Stiftungsrat des DTMB, der sich am Montag mit dem Thema beschäftigt, kommentierte das Museum die Spaltungspläne gestern nur sehr einsilbig. «Wir werden dies nicht kampflos hinnehmen», beschied Pressesprecherin Maria Borgmann.

Der im Ruhestand befindliche Gründungsdirektor des Museums, Professor Günter Gottmann, wurde deutlicher: «Wir haben die Objekte doch jahrelang gehortet, um sie am Gleisdreieck auszustellen. Wird nun Tempelhof einbezogen, was man schon vor Jahren hätte tun können, erscheint die Zwischenlagerung in Depots im nachhinein als gigantische Verschwendung von Steuergeldern. Damit würde mein Lebenswerk torpediert. Geschieht dies, gebe ich alle meine Auszeichnungen zurück, die mir das Land verliehen hat», droht Gottmann.

Die Sammlungen des DTMB setzen sich aus Nachlässen der unterschiedlichsten Museen zusammen, die bis 1945 in Berlin existierten. Die Auslagerung in Depots kostet jährlich 2,4 Millionen Mark (1,23 Millionen Euro).

Gegen eine Verlegung sprach sich gestern auch die Vorsitzende des Kulturausschusses des Abgeordnetenhauses, Monika Grütters (CDU), aus: «Man sollte am Monostandort festhalten.» Der Sprecher der Vivico, Willi Brandt, wollte sich gestern - wie auch die Stadtentwicklungsverwaltung - zu den Neubauplänen in der Museumsnachbarschaft nicht äußern: «Wir sind noch dabei, mit der Senatsverwaltung die Details der Bebauung abzugrenzen.»

Aber nicht nur die Museumsmacher hadern mit den Vivico-Plänen. «Eine zu dichte Bebauung behindert auch den Frischluftaustausch. Und das ist nicht hinnehmbar», kritisiert Matthias Bauer von der AG Gleisdreieck

8. 10. 2001, die tageszeitung
Kreuzbergs gefährliche Orte
In dieser Woche beginnen die Arbeiten am Sportplatz vor dem Tempodrom. Der öffentliche Raum wird eingezäunt, das Kulturzelt gleich mit, und für den geplanten Park dahinter fehlen die Millionen
von ROLF LAUTENSCHLÄGER

Im Tigerkäfig

Obwohl sie dazu da sind, unsere Angst zu bannen, haftet Tigerkäfigen etwas Furcht erregendes an. Hinter den Stäben aus Eisen und Stahl bleibt es gefährlich. Der Blick durch sie hindurch geht in Abgründe.
Von einem Tigerkäfig spricht auch Franz Schulz, grüner Ex-Bürgermeister und heute Baustadtrat vonFriedrichshain-Kreuzberg, wenn er an die meterhohe Umzäunung des im Bau befindlichen Sportplatzes am Anhalter Bahnhof denkt. Die Assoziation hat doppelten Boden: Der Zaun, meint Schulz, schützt nicht vor Gefahren, sondern ist selbst gefährlich. Kommt doch durch ihn "die schöne Freifläche an der alten Bahnhofsruine hinter Gitter", und auch der Blick auf das Neue Tempodrom, das Zirkuszelt aus Glas, Stahl und Beton "wird schrecklich verstellt". Abgründe tun sich auf: In dieser Woche beginnt die Verlegung des künstlichen Sportrasens. Danach wird der Tigerkäfig montiert und wenn am 1. Dezember wie vorgesehen der Kulturbau unter dem Kühlturmdach eröffnet wird, werden die Besucher, womöglich fauchend, um den großen Zaun und die Flutlichtmasten herum in die Arena stapfen müssen. Tierisch daneben, bezeichnete einmal die Tempodrom-Chefin Irene Moessinger, die Käfig-Planung samt Sportplatz für das Stadtbild. Wo sonst, außer hier in Berlin, versteckte man eine "alternative Philharmonie" hinter Eisenstäben, fragte sie rhetorisch und gab gleich die Antwort. Nirgends.
Millionen gefressenDer Käfig, den man sich vom eigentlichen Zweck her in die Neue-Tempodrom-Manege wünscht, zieht zudem weitere Auswirkungen nach sich, vergittern doch seine Befürworter damit die Zukunft des gesamten Areals. Wegen des Zauns fehlen Gelder für die Freiflächenplanung am Sportplatz selbst und für das grüne Hochplateau südlich des Kulturzelts. Für die Gestaltung beider Anlagen, so Schulz, habe "der Bezirk keine Mark, dort in nächster Zeit etwas zu tun."
Von den 5,5 Millionen Mark, die vom Bezirk für den Landschaftspark veranschlagt waren, "sind 2,8 Millionen weg für den Sportplatzbau". Die Restsumme, die das Eisenbahnvermögensamt als Ausgleichsmaßnahme für Bauflächen am Landwehrkanal bereitstellen wollte, wird von der Bahn bis dato vorenthalten - wohl auch darum, weil die Gesamtfinanzierung nicht steht. Und Mittel, ebenfalls von der Bahn, in Höhe von circa 3,3 Millionen Mark als Ausgleich für die Betonmassen rund um den Potsdamer Platz darf Schulz nicht umverteilen. Sind diese doch "zweckgebunden" für den Gleisdreieckpark - gleich hinter dem Hochplateau. Für den Baustadtrat "ein Dilemma", aus dem er wie aus einem Käfig nicht herauskommt.

Fauler Kompromiss
Im Kreuzberger Bauamt und in der Schublade des Tempodrom-Architekten Stefan Schütz vom Hamburger Büro Gerkan, Marg und Partner liegen Pläne, die das gesamte Areal einmal anders zeigten. Hinter der Ruine des Anhalter Bahnhofs öffnete sich eine weit angelegte öffentliche Grünfläche als Entree zum Neuen Tempodrom. "Über Treppen", so Schütz, "sollte man zu der oberen Terrasse des Bauwerks gelangen und von dort aus den gestalteten Naturpark betreten können". Schütz sah die Anhalter Bahnhof-Fläche, Tempodrom, Terrasse und das mehrere Hektar große Hochplateau "als Einheit".
Dass es dazu nicht kam, ist einem faulen Kompromiss geschuldet, den Schulz "bis heute nicht versteht". Statt die Grünfläche als öffentlichen Raum zu erhalten, hatten insbesondere die SPD-Kreuzberg aber auch Teile der CDU sowie der Landessportbund (LBS) ihr Plazet für das Tempodrom davon abhängig gemacht, dass auch der geplante Sportplatz dort realisiert werden müsste. Dass die Pläne für das kleine Stadion noch aus Zeiten vor denen für den Kulturstandort stammten, focht etwa LSB-Sprecher Dietmar Bothe wenig an: Es sei nicht hinnehmbar, sagte Bothe, den Sportplatz dort zur Disposition zu stellen. Zum einen sei die Sportstätte seit Jahren geplant und zum anderen augenscheinlich, dass "in dem mit Sportflächen gering ausgestatteten Quartier" das Stadion gebaut werden müsse.

Ort der Realsatire
Es half dem damaligen grünen Bürgermeister wenig, mit Verve, guten Argumenten und mit Hilfe der eigenen Partei am Gitter zu rütteln: Kulturzelt und Sportfläche beschädigten das Stadtbild, argumentierte etwa die Abgeordnete Mechthild Brockschnieder: "Der Sportplatz an dieser Stelle ist Realsatire." Und jeder, so Schulz, der an "vernünftiger Stadtplanung interessiert ist", sehe, dass ein Sportplatz und das Tempodrom nicht zusammenpassten. Es half nichts: Die CDU stimmte 1999 im Bauausschuss mit der SPD für das Tempodrom inkusive dem Sportplatz. Als Schulz einen Alternativstandort für die Sportler nahe des Technikmuseums 1999 und 2000 ins Spiel brachte, wurde auch der abgelehnt. 2001, die Bezirke Kreuzberg und Friedrichshain waren mittlerweile fusioniert und Schulz im Amt des Baustadtrats, wurde das Konzept ein letztes Mal im Bezirk abgelehnt. Im Sommer rollten die Bagger an, senkten die Erde für das kleine Stadion ab - damit groteskerweise der fast 10 Meter hoher Tigerkäfig nicht zu hoch ausfällt. Und nun wird der Tigerkäfig hochgezogen.

Tigerkäfig Gleisdreieck
Auswirkungen werden die baulichen und finanziellen Defizite am Anhalter Bahnhof auf den geplanten Park am benachbarten Gleisdreieck haben. Zum einen fehlt es an einer Grünverbindung vom Kreuzberger Tempodrom bis nach Schöneberg. Zum anderen haben jetzt die Bauverwaltung und die Vivico, eine Tochtergesellschaft der Bahn, beschlossen, auf vier Hektar Fläche Sportanlagen im Gleisdreieck zu realisieren. Auch wird nicht lange gefackelt, bestehende Flächen und den Baumbestand dafür zu opfern - zumal das Land und die Bahn große Grundstücke am Rande des Parks zur Bebauung freigegegeben haben, wie die Bürgerinitiative West-Tangente kritisiert. Der Anhalter Bahnhof ist dann eingezäunt, das Gleisdreieck umbaut und in den Tigerkäfigen wird gebolzt, obwohl es auch ohne ginge.
taz Berlin lokal Nr. 6568 vom 8.10.2001, Seite 19, 202 Zeilen (TAZ-Bericht), ROLF LAUTENSCHLÄGER

18. 09. 2001, Berliner Morgenpost

Gleisdreieck: Einigung über Baupläne noch vor der Wahl?

Offener Brief der Aktionsgemeinschaft an Strieder: Konzept mit Flächennutzungsplan nicht vereinbar
Von Markus Falkner

Kreuzberg - «Keine Vertragsunterzeichnung vor der Wahl im Oktober», fordern die Mitglieder der in der Aktionsgemeinschaft Gleisdreieck zusammengeschlossenen Bürgerinitiativen. Sie befürchten, dass ein schneller Durchbruch bei den Verhandlungen zwischen Senat und der Eisenbahn-Immobilien-Verwertungsgesellschaft Vivico über das 42 Hektar große Gelände zu Wahlkampfzwecken missbraucht werden könnte und verweisen in einem offenen Brief an Stadtentwicklungssenator Peter Strieder auf eine vermeintliche Unvereinbarkeit der aktuellen Planungen mit dem geltenden Flächennutzungsplan.

Unterdessen scheint der Durchbruch allerdings längst geschafft zu sein, wie Strieder-Sprecherin Petra Reetz mitteilt. Beide Parteien seien sich weitgehend einig, sagt sie. In den laufenden Verhandlungen gehe es lediglich noch um Detailfragen. Das bestätigt auch Jürgen Heyder, Berliner Niederlassungsleiter der Vivico. Er rechnet mit einer Vertragsunterzeichnung in den kommenden Wochen, will sich aber über Einzelheiten der Einigung noch nicht äußern. «Wir warten damit, bis die Tinte unter den Verträgen trocken ist», sagt Heyder. Senat und Vivico wollen den Kompromiss voraussichtlich Ende September öffentlich vorstellen.

Bei einer Präsentation des aktuellen Verhandlungsstandes auf einer Sondersitzung des bezirklichen Stadtplanungsausschusses am Montagabend wurde indes klar, dass sich die Einigung in weiten Teilen an einem Kompromissvorschlag orientiert, den Senatsbaudirektor Hans Stimmann (SPD) bei einer Bürgerversammlung im Juli vorgestellt hatte. Demnach beliefe sich die neu entstehende Parkfläche auf etwa 23 Hektar, 16 davon dienen als «Ausgleichsfläche» für die massive Bebauung des Potsdamer Platzes. Etwa 17 Hektar könnten künftig bebaut werden. Vorgesehen sind unter anderem Häuser an der Flottwellstraße mit einem Hochhaus als Abschluss, weitere Hochhäuser im Umfeld des U-Bahnhofs Gleisdreieck, Wohn- und Geschäftshäuser an der Ecke Yorckstraße/Möckernstraße und eine aufgelockerte Bebauung südöstlich des Deutschen Technikmuseums.

«Ein Kompromiss, bei dem beide Seiten mit den Zähnen knirschen», sagt Vivico-Chef Jürgen Heyder. Nicht zuletzt die Mitglieder der AG Gleisdreieck. Sie hatten auf eine deutlich größere Parkfläche gehofft, und kritisieren unter anderem die Planungen an der Flottwellstraße. Dort werde die in Nord-Süd-Richtung verlaufende Frischluftschneise verbaut, sagte AG-Sprecher Norbert Rheinlaender am Montag.

Baustadtrat Franz Schulz (B 90/Grüne) sieht die Einigung mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Letztlich komme man an einem Kompromiss nicht vorbei, sagte er. «Aber mit diesem Kompromiss steigen wir endlich in die Realisierung des Parks ein.» Noch in diesem Jahr will Schulz die Betroffenen zu einer ersten Planungswerkstatt einladen.

1.09.2001, Der Tagesspiegel
Lehrter Bahnhof
Weitere Verspätung

Der Rohbau des Nord-Süd-Tunnels steht - doch der Eröffnungstermin wackelt

Klaus Kurpjuweit

Verkehrte Welt: Gestern wurde, nach dem Schließen der letzten Lücke im Nord-Süd-Tunnel der Bahn, die Baufläche am Lennédreieck beim Potsdamer Platz an die Investoren der Hochbauten übergeben. Bereits am Mittwoch war am Lehrter Bahnhof der letzte Abschnitt der vier Ost-West-Brücken komplettiert worden. Und trotzdem ist völlig ungewiss, wann die ersten Züge durch den Tunnel fahren werden. Verschiebt sich der Termin erneut, müssen auch die Autofahrer weiter auf die Durchfahrt im parallelen Straßentunnel warten. Auch hier fehlt der Abschnitt unter dem Lehrter Bahnhof.

Verspätung hat der Bau des gigantischen Lehrter Bahnhofs. Im Frühjahr sollte mit dem Bau des komplizierten Hallendaches begonnen werden. Zu sehen ist davon jedoch noch nichts. Damit ist für die Planer aber auch klar, dass die Züge frühestens 2003 über die neue Trasse fahren können. Die so genannte Umschwenkung der Gleise war zuletzt für 2002 vorgesehen. Da die Planer für den anschließenden letzten Abschnitt mit einer Bauzeit von etwas vier Jahren rechnen, würde der Superbahnhof erst 2007 fertig sein - dem Jahr nach der Fußball-Weltmeisterschaft.

Offiziell gibt die Bahn noch Durchhalteparolen aus. Neue Termine will sie erst nennen, wenn auch der Vorstand damit einverstanden ist. Vor kurzem hatte die Bahnspitze dem Senat noch versichert, der Lehrter Bahnhof werde, wie geplant, zur Fußball-Weltmeisterschaft betriebsbereit sein. Auch in den Jahren zuvor klammerten sich die Verantwortlichen an Termine, von denen längst klar war, dass sie nicht eingehalten werden konnten.

Beim Bau des Bahnhofes mit seiner 430 Meter langen Halle hat man fast jede erdenkliche Schwierigkeit eingebaut. Gut 15 Meter unter der Erde werden die Züge im Nord-Süd-Verkehr an vier Bahnsteigen halten, neun Meter über der Erde verlaufen die Gleise der Ost-West-Richtung mit zwei Bahnsteigen für die Fern- und einem Bahnsteig für die S-Bahn. Sie liegen jeweils auf etwa 700 Meter langen Brücken, die im Bogen verlaufen. Über den sechs Gleisen und drei Bahnsteigen wölbt sich ein etwa 16 Meter hohes Glasdach mit einer Spannweite zwischen 46 und fast 68 Metern. Fast jedes Segment hat deshalb andere Maße. In der Mitte der Halle sollen zwei Hochbauten die Ost-West-Gleise in Nord-Richtung kreuzen. Und zwischen diesen "Bügelbauten" entsteht ein weiteres Glasdach. Für die Gebäude sucht die Bahn derzeit Investoren. Interessenten seien vorhanden, heißt es.

Mit diesem Entwurf des Hamburger Büros von Gerkan, Marg und Partner gehen die Ingenieure an die Grenze des derzeit Machbaren. Entsprechend zurückhaltend sind die Genehmigungsbehörden. Ihr Motto heißt: "Sicherheit vor Tempo". Ein abschließendes Votum liegt bis heute nicht vor. Entworfen, geprüft und gebaut wurde bisher fast gleichzeitig. Doch jetzt besteht das Eisenbahnbundesamt (EBA) auf einer Komplettplanung. Und das dauert. Auch wenn die Bauleute jetzt den Ablaufplan ändern, glaubt fast keiner, dass der Termin 2006 noch gehalten werden kann.

Die Planer versuchen aber, mit Regionalzügen vorher wenigstens von Süden her bis zum Potsdamer Platz zu fahren. Die Röhren vom Beginn des Tunnels am Gleisdreieck bis vor den Lehrter Bahnhof sind nach dem Schließen der letzten Lücke am Lennédreieck nun durchgehend begehbar. Da die Ausschreibung für die technischen Anlagen gezeigt hat, dass ein Ausrüsten von zunächst nur zwei der vier Röhren kaum billiger wäre als eine vollständige Ausstattung, werden jetzt wohl doch alle vier Röhren von Anfang an Gleise erhalten. Doch noch fehlt für die Zulaufstrecke über die Anhalter Bahn durch Lichterfelde die Baugenehmigung.

Wie gebaut werden kann, will die Beisheim-Gruppe am Lennédreieck zeigen. Ein Komplex aus vier Gebäuden mit Hotels, Büros und Luxuswohnungen soll innerhalb von 20 Monaten in die Höhe gezogen werden. Das Gesamtinvestitionsvolumen beträgt fast eine Milliarde Mark. Eröffnung soll im Januar 2004 sein - zum Geburtstag von Otto Beisheim.

11.08.2001, Der Tagesspiegel
Vivico

"Die Vivico ist nicht die Bahn"

Doch sie vermarktet deren Flächen für den Bund. Vivico-Chef Heyder über Konflikte mit Datschen-Besitzern, das Projekt Gleisdreieck und Ungers Kubus am Lehrter Bahnhof

Ihr Unternehmen scheint nicht gerade vom Glück verfolgt. Ob Lichterfelde Süd oder Gleisdreieck, bei fast allen Projekten stieß die Vivico auf Widerstände in der Bevölkerung. Sind Sie die Bösen?

Über Konflikte lässt sich eben besser berichten als über Erfolge. Richtig ist aber, dass sich die Vivico im Kreuzfeuer der Kritik befindet aufgrund ihres Erbes: Viele sehen in uns noch eine öffentliche Gesellschaft, und da wir über Grundstücke in hervorragenden innerstädtischen Lagen befinden, weckt das Begehrlichkeiten von allen Seiten. Beim Gleisdreieck zum Beispiel gerieten wir ins Spannungsfeld von Landes- und Bezirkspolitik. Diese hatte den Anrainern Versprechungen gemacht, mit denen wir nun konfrontiert werden. Doch diese sind nicht immer mit unserem Auftrag zu vereinbaren, eine möglichst wirtschaftliche Vermarktung der ehemaligen Bahnflächen sicherzustellen.

Die Verhandlungen am Gleisdreieck ziehen sich seit sechs Jahren hin. Die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung hat jetzt einen Kompromissvorschlag vorgelegt. Werden Sie zustimmen?

Ja, aber es bleiben noch Detailfragen zu klären. Dabei geht es um die Abgrenzung der Baufelder vom Park. Wichtig ist, noch einmal daran zu erinnern, dass die Senatskanzlei ja 1994 mit dem Bundeseisenbahnvermögen sowie der Deutschen Bahn AG vereinbarte, dass 16 Hektar am Gleisdreieck unbebaut blieben. Damit konnte der Senat den vorgeschriebenen Grünausgleich dafür schaffen, dass das damals landeseigene Grundstück am Potsdamer Platz von den Investoren so dicht bebaut werden durfte. Unsere Vorgänger stimmten dem Grünausgleich zu, weil der Senat ihnen ein noch festzulegendes Baurecht auf den Restflächen zusagte. Wir tun nun nichts anderes, als dafür einen Konsens zu suchen.

Die Anwohner wollen dort einen Park...

Den bekommen sie, und er wird sogar 20 Hektar groß sein. Hinzu kommt eine Bebauung, die den Forderungen des Planwerks Innenstadt nachkommt, nämlich Berlin punktuell zu verdichten. Genau das ist am Gleisdreieck möglich.

Bausenator Peter Strieder forderte sie unverhohlen auf, das Angebot der Senatsverwaltung jetzt anzunehmen. Er sagte, dass die Bahn schließlich auch noch an anderen Stellen in Berlin bauen möchte...

Bei dieser Aussage geht einiges durcheinander. Die Vivico ist nicht die Bahn! Wir entwickeln und verwerten ehemalige Bahn-Grundstücke und sollen daraus Erlöse für das Bundesministerium für Verkehr erwirtschaften, damit dieses einen Teil der Milliardenkosten für die Bahn-Privatisierung refinanzieren kann. Aber es ist richtig, dass wir in Berlin viele Flächen haben und bei deren Entwicklung auf die Zusammenarbeit mit Baurechtsbehörden und Politik angewiesen sind. Auf der anderen Seite bieten diese Flächen ein erhebliches Potenzial für die Stadt. Und die Kommune kann nun einmal die Grundstücke nicht ohne den Eigentümer bebauen. Wir sind dazu verdammt, einen Kompromiss zu finden. Das werden wir auch, und wollen gemeinsam mit Land und Bezirken Sinnvolles für die Stadtentwicklung tun, in gemeinsamer Verantwortung.

Bekommt die Vivico von ihrem Eigentümer, dem Bund, Weisungen oder agieren sie wie ein Privatunternehmen?

Wir haben einen Aufsichtsrat, der durch den Eigentümer und damit also dem Bund besetzt ist. Aber wir sollen wie ein Privatunternehmen agieren, und das tun wir auch.

Ein Privatunternehmen muss die Gewinne maximieren. Wie soll das mit öffentlichen Interessen an öffentlichen Grundstücken vereinbar sein?

Die Grundstücke sind nur insofern öffentliche Flächen, als sie dem Bund gehören. Doch der Bund hat der Vivico einen rein wirtschaftlichen Auftrag gegeben. Da wir die Lasten der Bahn-Privatisierung für den Steuerzahler mildern, ist der Vorwurf, die Vivico sei ein Immobilienhai, absurd. Wir erwirtschaften Deckungsbeiträge für den Haushalt des Bundesverkehrsministeriums. Je mehr die Vivico also aus einem Grundstück oder einer Immobilie herausholt, desto stärker entlasten wir den öffentlichen Haushalt und damit die Bürger.

Wieviel sollen Sie insgesamt zum Bundeshaushalt beisteuern?

1996 hatte der Bund die Summe auf 13,4 Milliarden Mark festgelegt, doch auf Grundlage von Liegenschaftswerten aus der Zeit des Immobilien-Booms um 1994. Bisher haben wir mehrere Milliarden Mark abgeführt. Nun hat sich aber unser Auftrag verändert. Früher sollten wir Liegenschaften verkaufen, jetzt bauen wir einen Bestand auf und entwickeln diesen. Ab 2005 will sich der Bund schrittweise aus der Gesellschaft zurückziehen, Anteile verkaufen und dadurch Erlöse erzielen. Unser Vorteil gegenüber normalen Bauträgern liegt also darin, dass wir das Grundeigentum für unsere Projekte bereits besitzen. Bei uns tickt die Zinsuhr nicht bei jedem Projekt. Wir können notfalls mehrere Jahre mit einem Projekt warten.

So lange wird es am Stadtquartier um den Lehrter Bahnhof herum nicht dauern. Auf den südlichen Bahnhofsvorplatz wollten sie einen Kubus von Ungers bauen lassen. Bleibt es bei diesen Plänen?

Ungers ist noch im Rennen. Ich fände es auch sehr schade, wenn er den Kubus nicht bauen würde. Er hat ja auch den städtebaulichen Wettbewerb für diesen Bereich gewonnen. Und sein Projekt ist spannend. Ein Würfel mit jeweils 42,5 Metern Kantenlänge, also ein Gebäude mit einer Tiefe von 42,5 Metern, da sagt jeder: Das geht nicht. Doch genau darin liegt die Herausforderung. Natürlich ist auch die Lage spannend. Der südliche Vorplatz des Lehrter Stadtbahnhofes ist fast so groß wie der Alexanderplatz. Wer dort steht, findet auf der einen Seite das Bahnhofsgebäude mit dem riesigen, frei tragenden Glasdach, auf der anderen Seite sieht er im Hintergrund den Reichstag. Und dann, mitten auf diesem Platz, dieser Kubus.

Wie kommen die Planungen für die Neubauten am Lehrter Bahnhof voran?

Unsere Ingenieure lösen derzeit die technischen Probleme. Der Kubus wird über der Tunnelröhre für die B 96 stehen und das im gleichen Quartier geplante nördliche Hochhaus wird auf dem Tunnel der S 21 stehen. Unter dem Hochaus kreuzen sich sogar zwei Tunnel und genau auf dem Schnittpunkt wird das knapp 100 Meter hohe Gebäude errichtet.

Stehen die Architekten schon fest?

Nein. Wir sind derzeit im Auswahlverfahren für das gesamte Stadtquartier. Im Augenblick haben die Ingenieure das Wort, und planen die Gebäude technisch durch. Das engt die Architekten ein. Doch bei unserem Projekt Dorotheenhöfe hat sich gezeigt, dass gute Architekten umfangreiche technische Vorgaben als Herausforderung annehmen. Es reizt sie, trotz dieser Einengung eine eigene Sprache zu finden.

Die Dorotheenhöfe hat Ungers für Sie gebaut. Bekommt er nun auch den Zuschlag für den Kubus?

Ungers befindet sich noch im Wettbewerb.

Mit wem?

Ich möchte da jetzt keine Namen nennen.

Sagen wir: Kollhoff, Sawade, Jahn?

(lacht) Wir wollen nicht einfach nur die großen Namen ansprechen. Sie sind nicht die einzigen, die bei Wettbewerben gute Architektur liefern. Wir wollen auch junge, aber erfahrene Architekten ansprechen, Berliner, nationale und internationale Baumeister.

Nochmal: Sie sagten soeben, sie fänden es schade, wenn Ungers den Kubus nicht baut. Wozu dann noch die Ausschreibung?

Auch ein Ungers sollte gefordert sein. Bei den Dorotheenhöfen setzte er sich im Wettbewerb gegen fünf andere namhafte Büros durch. Beim Kubus haben auch andere Architekten eine Chance, doch natürlich hat Ungers einen Pluspunkt. Nicht wegen seines Namens, sondern wegen des Stils. Das Quadrat ist nun einmal die Form, die er seit je her favorisiert.

Ein ganz anderes Thema. An dieser Stelle war von Ihren Kündigungen der Verträge von Kleingärtnern zu lesen. Macht die Vivico alles zu Bauland?

Nein, wir machen nicht aus Kleingärten Bauland, rechtlich sind sie es in der Regel bereits. Zudem haben wir es häufig nicht mit Kleingarten-, sondern mit Erholungsanlagen zu tun. Diese stehen nicht unter dem Schutz des Bundeskleingartengesetzes. Unser Auftrag ist es, Flächen mit dem wirtschaftlich bestmöglichen Ergebnis zu verwerten. Und für ein Kleingarten ist nicht derselbe Erlös erzielbar wie für Bauland.

Nur leben in den Lauben häufig ältere Berliner, die sich hier vom Getöse der Großstadt erholen. Die können sich kein Einfamilienhaus im Grünen leisten. Kaufmännische Grundsätze in Ehren, aber als Gesellschaft des Bundes könnte auch ein wenig Sozialgewissen bleiben, oder?

Wir wissen, dass das Thema Emotionen schürt. Gerade für die eingeschlossene Teilstadt Westberlin haben die Kleingärten eine besondere Rolle gespielt, weil sie während der Berlin-Blockade mit zur Versorgung der Stadt beigetrugen. Dass jedoch die Kleingärtner nicht ewig auf ihren Parzellen bleiben können, sondern ihre Pachtverträge kündbar sind, ist ihnen bekannt. Wir bemühen uns dennoch, Ersatzflächen zu schaffen oder Entschädigungen zu zahlen. Wir haben auch versucht, neue Kleingärten zu schaffen, zum Beispiel hinter der Stadtgrenze bei Spandau. Aber die betroffenen Kleingärtner wollten da nicht hin, obwohl es nur zwei Regionalbahnstationen entfernt war. Wir versuchen, gerade auch älteren oder bedürftigen Kleingärtnern zu helfen. Doch die Stadt entwickelt und verändert sich nun mal. Das kann man nicht verhindern. Man kann aber die Härten abfedern.

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Zahlen und Fakten

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Die Vivico Management GmbH ging aus der 1996 gegründeten Eisenbahnimmobilien Management GmbH (EIM) hervor, einer 100-prozentigen Tochter der Bahn AG. Sie verwaltet und bewirtschaftet seit dem 15. März ehemalige Grundstücke der Bahn AG. EIM/Vivico waren über das Eisenbahnerörterungsgesetzes (1994 bis 1995) nicht betriebsnotwendige Grundstücke und Immobilien der Bahn übertragen worden: Flächen an Strecken, Lagerschuppen, verlassene Bahnhöfe und ehemalige Reichsbahnämter. Weitere Grundstücke werden nicht hinzukommen: Die bei der Bahn verbliebenen Immobilien bleiben in ihrem Eigentum.

Die Vivico-Vorgängerin EIM war eine reine Verwertungsgesellschaft: Sie sollte die Flächen von der Infrastruktur der Bahn lösen, in Abstimmung mit den Behörden öffentliches Baurecht schaffen und die sanierten oder bebauten Liegenschaften möglichst zügig verkaufen. Die Erlöse flossen an den Bund in den Etat des Bundesverkehrministeriums. So sollten die Kosten für die Privatisierung der Bahn gesenkt werden.

Im Gegensatz zu ihrer Vorgängerin soll die Vivico nicht mehr vorrangig Flächen verkaufen, sondern in die Liegenschaften investieren und ein Immobilien-Portfolio aufbauen. Sie wird nicht mehr fortwährend Deckungsbeiträge abliefern, sondern als Ganzes 2005 verkauft und der Erlös dann in die Bundeskasse fließen. Die Vivico hat ihren Hauptsitz in Frankfurt sowie Niederlassungen in Berlin, München und Köln mit insgesamt 109 Mitarbeitern. In der Hauptstadt sind 27 Angestellte mit der Entwicklung von 300 Objekten auf einer Grundfläche von vier Millionen Quadratmetern in Berlin sowie den neuen Ländern beschäftigt.


Die Berliner Projekte

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Zu den Projekten der Vivico zählen die Dorotheenhöfe in der Georgenstraße, ein Ensemble aus vier Bürohäusern und einem "Stadtpalais". Mathias Ungers hat die fünf Gebäude mit einer Bruttogeschossfläche von 26 500 Quadratmetern entworfen. Noch vor der Grundsteinlegung verkaufte die Vivico, damals noch EIM, die Bürohäuser an den Verband Deutscher Hypothekenbanken sowie den Verband der Zigarettenindustrie. In Vivico-Eigentum bleibt das Stadtpalais. Das Haus bietet bis zu 200 Quadratmeter große Eigentumswohnungen zu Spitzenpreisen von 14 000 Mark pro Quadratmeter.

In Lichterfelde Süd, im Südwesten der Stadt, plant die Vivico auf 115 Hektar ein Quartier für 7000 Bewohner. Die Baufläche beträgt 65 Hektar. In der so genannten "Parks Range" entstehen 3000 Wohneinheiten: Einfamilienhäuser, Doppel- und Reihenhäuser sowie Mehrgeschosser. In der Mitte der Anlage liegt eine 34 Hektar große Grünfläche. Das Investitionsvolumen beträgt über eine Milliarde Mark. Die Gesellschaft hat mit dem Widerstand der "Umweltschutzinitiative Lichterfelde-Süd" (ULS) zu kämpfen, die sich aus Anwohnern der benachbarten Thermometer-Siedlung rekrutiert. Ihre Klage: Die Grünflächen würden nicht an ihre Siedlung angebunden, sondern lägen in der Mitte des neuen Quartiers.
Ein weiteres Projekt ist der so genannte Block 9 in der Moabiter Quitzowstraße: ein 90 000 Quadratmeter großes Gewerbeareal. Hier sind Investoren für Grundstücke mit Flächen bis zu 20 000 Quadratmetern gesucht. Bereits angesiedelte Unternehmen können ihre Flächen erwerben. Die Entwicklung erfolgt in Kooperation mit dem Sanierungsträger S.T.E.R.N.