Joseph Roth

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Bekenntnis zum Gleisdreieck

 

Ich bekenne mich zum Gleisdreieck. Es ist ein Sinnbild und ein Anfangs-Brennpunkt eines Lebenskreises und phantastisches Produkt einer Zukunft verheißenden Gewalt.

Es ist Mittelpunkt. Alle vitalen Energien des Umkreises haben hier Ursprung und Mündung zugleich, wie das Herz Ausgang und Ziel des Blutstromes ist, der durch die Adern des Körpers rauscht. So sieht das Herz einer Welt aus, deren Leben Radriemenschwung und Uhrenschlag, grausamer Hebeltakt und Schrei der Sirene ist. So sieht das Herz der Erde aus, die tausendmal schneller um ihre Achse kreist, als es Tag-und-Nacht-Wechsel uns lehren will, deren unaufhörliche, unsterbliche Rotation Wahnsinn scheint und Ergebnis mathematischer Voraussicht ist; deren rasende Schnelligkeit sentimentalen Rückwärtssehern brutale Vernichtung innerlicher Kräfte und heilenden Gleichgewichts vortäuscht, aber in Wirklichkeit lebenspendende Wärme zeugt und den Segen der Bewegung.

In den Gleisdreiecken, GleisvieIecken vielmehr, laufen die großen, glänzenden, eisernen Adern zusammen, schöpfen Strom und füllen sich mit Energie für den weiten Weg und die weite Welt: Aderndreiecke, Adernvielecke, Polygone, gebildet aus den Wegen des Lebens: man bekenne sich zu ihnen!

Sie sind stärker als der Schwächling, der sie verachtet und fürchtet, sie werden ihn nicht nur Überdauern - sie werden ihn zermalmen. Wen ihr Anblick nicht erschüttert, erhebt und stolz macht, verdient den Tod nicht, den ihm die Gottheit der Maschine bereitet. Landschaft! - was enthält der Begriff? Wiese, Wald, Halm und Ähre. "Eiserne Landschaft" ist vielleicht das Wort, das den Tummelplätzen der Maschinen gerecht wird. Eiserne Landschaft, großartiger Tempel der Technik unter freiem Himmel, dem die kilometerhohen Schlote der Fabriken lebendigen, zeugungsmächtigen, Bewegung fördernden Rauch darbringen. Ewiger Gottesdienst, der Maschinen im weiten Umfang dieser Landschaft aus Eisen, und Stahl, deren Ende kein menschliches Auge sieht, die der graue Horizont umklammert.

So ist das Reich des neuen Lebens, dessen Gesetze kein Zufall stört und keine Laune verändert, dessen Gang erbarmungslose Regelmäßigkeit ist, in dessen Rädern das Gehirn wirkt, nüchtern, aber nicht kalt, die Vernunft unerbittlich, aber nicht erstarrt. Denn nur der Stillstand erzeugt Kälte, die Bewegung aber, durch Berechnung bis zu den Grenzen der Leistungsfähigkeit gesteigert, schafft immer mehr Wärme. Die Schwäche des Lebendigen, die dem erschlaffenden Fleisch nachgeben muß, ist kein Beweis für seine Lebendigkeit - und die konstante Stärke der eisernen Konstruktion, deren Materie kein Erschlaffen kennt, kein Beweis für Totsein. Es ist im Gegenteil: die höchste Form des Lebens, das Lebendige aus Unnachgiebigem, keiner Laune gehorchendem, nervenlosem Stoff. Im Bereich meines Gleisdreiecks herrscht der Wille des konsequenten Gehirns, der, um des Erfolges sicher zu sein, sich nicht in einen unzuverlässigen Leib verpflanzte, sondern in den Körper unbedingter Sicherheit: in den Körper der Maschine.

Deshalb ist alles Menschliche in diesem metallenen Bereich klein und schwächlich und verloren, reduziert auf die ihm angemessene Bedeutung eines bescheidenen Mittels zu stolzem Zwecke - genauso, wie in der abstrakten Welt der Philosophie und der Astronomie, der Welt der klaren und großen Weisheiten: da wandelt ein uniformierter Mann, mitten zwischen den verwirrenden Systemen der Geleise, winzig ist der Mensch, in diesem Zusammenhang nur wichtig als Mechanismus. Seine Bedeutung ist nicht größer, als die eines Hebels, seine Wirksamkeit nicht weitreichender, als die einer Weiche. In dieser Welt gilt jede menschliche Ausdrücksmöglichkeit weniger, als die mechanische Zeichensetzung eines Instruments. Wichtiger als ein Arm ist hier ein Hebel, mehr als ein Wink ein Signal, hier nützt nicht das Auge, sondern die Laterne, kein Schrei, sondern der heulende Pfiff des geöffneten Ventils, hier ist nicht die Leidenschaft allmächtig, sondern die Vorschrift, das Gesetz.

Wie eine kleine Spielzeugschachtel sieht jenes Häuschen aus, das dem Wächter, dem Menschen gehört. So geringfügig ist alles, was sich darin durch ihn, mit ihm abspielt, so nebensächlich, daß er Kinder zeugt und daß sie krank werden, daß er Kartoffeln gräbt und einen Hund füttert, daß seine Frau Dielen scheuert und Wäsche trocknet. Auch die großen Trauerspiele, die in seiner Seele stattfinden, verlieren sich hier, wie die Kleinigkeiten seines Alltags. Sein Ewig-Menschliches ist hindernde Zutat zu seinem Wichtig-Beruflichen.

Dürfen die kleinen Herzschläge noch vernehmbar bleiben, wo der dröhnende einer Welt betäubt? Man sehe in den klaren Nächten das Gleisdreieck, das von zehntausend Laternen versilberte Tal - es ist feierlich wie der gestirnte Nachthimmel: eingefangen darin, wie in der gläsernen Himmelskugel sind Sehnsucht und Erfüllung. Es ist Etappe und Anfang, Introduktion eiern schon hörbaren Zukunfstmusik. Schienen gleiten schimmernd - langezogene Bindestriche zwischen Land und Land. In ihren Molekülen hämmern Klangwellen fern rollender Räder, an den Wegrändern sprießen Wächter in die Höhe und Signale erblühen grün und leuchtend. Dampf entzischt geöffneten Ventilen, Hebel bewegen sich selbsttätig, das Wunderbare erfüllt sich dank einem mathematischen System, das verborgen bleibt.

So gewaltig sind die Ausmaße des neuen Lebens. Daß die neue Kunst, die es formen soll, den Ausdruck nicht finden kann, ist selbstverständlich. Diese Realität ist noch zu groß für eine ihr gemäße Wiedergabe. Dazu reicht keine "getreue" Schilderung. Man müßte die gesteigerte und ideale Wirklichkeit dieser Welt empfinden, das platonische "Eidolon" des Gleisdreiecks. Man müßte sich mit Inbrunst zu ihrer Grausamkeit bekennen, in ihren tödlichen Wirkungen die "Ananke" sehen und viel lieber nach ihren Gesetzen untergehen wollen, als nach dem "Humanen" der sentimentalen Welt glücklich werden.

So, ein GIeisdreieck von machtvollen Dimensionen, wird die zukünftige Welt sein. Die Erde hat mehere Umformungen durchgemacht - nach natürlichen Gesetzen. Sie erlebt eine neue nach konstruktiven, bewußten, aber nicht weniger elementaren Gesetzen, Trauer um die alten Formen, die vergehen - ähnlich dem Schmerz eines Antidiluvialwesens um das Verschwinden der prähistorischen Verhältnisse.

Schüchtern und verstaubt werden die zukünftigen Gräser zwischen metallenen Schwellen blühen. Die "Landschaft" bekommt eine eiserne Maske.


"Bekenntnis zum Gleisdreieck".
Aus: Joseph Roth, Werke Band 2.
Copyright 1990
bei Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln,
und Allert de Lange, Amsterdam.

Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Verlages

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